Die 23-jährige Michelle Brügger gehört mittlerweile zur internationalen Spitze im Voltigieren. Dieses Jahr blickt sie auf eine bisher äusserst erfolgreiche Saison zurück. Nach starken Resultaten an internationalen Turnieren qualifizierte sie sich sowohl für das FEI-Weltcupfinale in Opglabbeek (Belgien) als auch für die Weltmeisterschaft in Aachen (Deutschland), wo sie diesen Monat sowohl im Einzel als auch im Doppel an den Start gehen wird.
Dass Michelle Brügger heute auf den grössten Wettkampfbühnen der Welt antritt, nahm seinen Ursprung einst im Berner Oberland. Als Kind turnte sie im Geräteturnen in Frutigen, während Pferde zu Hause bereits zum Alltag gehörten. In einem Ferienlager probierte sie das Voltigieren erstmals aus und war sofort begeistert. «Es war die beste Kombination zwischen Geräteturnen und Reiten», erinnert sie sich. Eine Zeit lang verfolgte sie beide Sportarten parallel, ehe sie sich aufgrund ihrer Erfolge ganz dem Voltigieren widmete. Heute trainiert Brügger beim Voltige-Verein Lütisburg in St. Gallen und studiert gleichzeitig Biomedizin an der Universität Zürich. Um beidem gerecht zu werden, absolviert sie ihren Bachelor in einem verlängerten Studienmodell über vier statt drei Jahre. Besonders während des Frühlingssemesters wird die Vereinbarkeit von Studium und Spitzensport zur Herausforderung, da sich Prüfungen und internationale Qualifikationsturniere oft überschneiden. «Ich sage immer: Wenn man weiss, was man will, dann ist es machbar», erzählt sie. Dreibis viermal pro Woche pendelt die Frutigerin nach Lütisburg ins Training — und das jeweils mit dem öffentlichen Verkehr. Die langen Zugfahrten nutzt sie konsequent zum Lernen. «Das ist mein Bürotisch», sagt sie schmunzelnd. Trotz des grossen Aufwands hat sie ihre Heimat nie verlassen. «Ich bin sehr gerne zu Hause. Es hilft mir, die zwei Welten auseinanderzuhalten. Im Training bin ich voll fokussiert auf den Sport, zu Hause kann ich abschalten.»
Erfolgreiche Saison als Sprungbrett
Sportlich läuft es derzeit nahezu perfekt. Bereits im Frühjahr überzeugte Brügger an drei internationalen Turnieren gemeinsam mit dem Pferd Acardi van de Kapel an der Longe von Monika Winkler-Bischofberger. Im belgischen Lier erreichte sie den dritten Rang im Einzel und den zweiten Rang im Doppel. Wenige Wochen später folgten in Stadl-Paura (Österreich) Rang fünf im Einzel sowie der Sieg im Doppel. Anfangs Juni konnte sich Brügger im Einzel und im Doppel durch einen fünften und vierten Rang definitiv das Ticket für die Weltmeisterschaften in Aachen sichern. Es handelt sich dabei um Weltreiterspiele, die nur alle vier Jahre stattfinden.
Ein besonderer Wettkampf mit besonderer Bedeutung
Das FEI-Weltcupfinale in Opglabbeek war ein aussergewöhnlicher Moment der Saison. Startberechtigt sind dort jeweils nur die acht besten Voltigiererinnen, die acht besten Voltigierer sowie die fünf besten Doppelpaare der vergangenen Saison. Dass sie sich dafür qualifiziert hatte, bedeutete Brügger viel. «Als ich klein war, habe ich mir immer Videos der grossen Voltigiererinnen und Voltigierer angeschaut. Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages selbst dort starten darf.» Eigentlich hätte sie sowohl im Einzel als auch im Doppel antreten dürfen. Um das Pferd aufgrund der zahlreichen internationalen Einsätze jedoch nicht zusätzlich zu belasten, verzichtete das Schweizer Doppel schweren Herzens auf einen Start. Für den Einzelwettkampf fand Brügger kurzfristig bei einem anderen Schweizer Voltigierclub ein Ersatzpferd. Das war zunächst eine grosse Herausforderung, denn bis zum Wettkampf blieben lediglich drei bis vier gemeinsame Trainings. «Im Pferdesport ist alles Teamarbeit zwischen Mensch und Pferd. Man muss sich gegenseitig kennenlernen. Umso schöner war es, dass es so gut funktioniert hat.» Tatsächlich gelang ihr trotz der kurzen Vorbereitungszeit ein überzeugender Wettkampf, den sie auf dem fünften Schlussrang beendete. Brügger konnte ihre gesamte Kür fast wie geplant zeigen. Lediglich auf ein Element verzichtete sie, weil das Ersatzpferd Nashville diese noch nicht kannte. «Mir ist wichtig, dass Pferd und Mensch gemeinsam harmonieren. Das Wohl des Pferdes steht immer an erster Stelle.»
Harmonie und Teamarbeit
Diese Harmonie spielt im Voltigieren eine zentrale Rolle. Bewertet werden neben der Schwierigkeit und der sauberen Ausführung der Elemente auch Ausdruck, Choreografie und das Zusammenspiel mit dem Pferd. Besonders gerne zeigt Brügger Handstandelemente, Radschläge oder den sogenannten «Biellmann».
Der grosse Saisonhöhepunkt steht noch bevor
Nach dem erfolgreichen Weltcupfinale richtet sich der Blick nun auf den grössten Höhepunkt der Saison. Ende Juli wird Brügger an den Weltreiterspielen in Aachen starten. Bereits die Qualifikation für den prestigeträchtigen Anlass ist für die Frutigerin die Erfüllung eines lang ersehnten Traums. Nun möchte sie dort zeigen, was sie sich in unzähligen Trainingsstunden erarbeitet hat. «Ich will das Maximum herausholen, zeigen, was ich kann, und gleichzeitig die Atmosphäre geniessen.» Trotz aller Erfolge bleibt die Frutigerin bodenständig. Jungen Voltigiererinnen und Voltigierern gibt sie vor allem eines mit auf den Weg: «Das Wichtigste ist, die Freude nicht zu verlieren und dranzubleiben. Im Pferdesport weiss man nie, was kommt. Wer seine Leidenschaft verfolgt, kann seine Ziele erreichen.»
Voltigieren – Einzel und Doppel erklärt
Im Einzel tritt Michelle Brügger allein auf ihrem Pferd Acardi van de Kapel an der Longe von Monika Winkler-Bischofberger an. Bewertet werden die Schwierigkeit, Ausführung, Ausdruck und die Harmonie zwischen Mensch und Pferd. Im Doppel zeigen zwei Voltigierende eine gemeinsame Kür auf dem Pferd. Michelle Brügger startet in dieser Disziplin mit Rémy Brunner aus Zürich, ebenfalls auf Acardi und mit Monika an der Longe. Dabei sind neben den einzelnen Elementen vor allem gegenseitiges Vertrauen bei den Hebefiguren, präzises Timing und das Zusammenspiel zwischen den beiden Athleten wichtig.



