StartNewsLandwirtschaftStauseen oder neue Alpstrassen: Was hilft gegen Wassermangel?

Stauseen oder neue Alpstrassen: Was hilft gegen Wassermangel?

POLITIK Der Hitzesommer und die schwindenden Gletscher rücken die Wasserversorgung in den Fokus der Politik. Wo heute noch Gletscher liegen, könnten künftig Stauseen Wasser speichern. GLP-Nationalrat Jürg Grossen will dafür eine nationale Strategie. Auch SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh fordert angesichts trockener Sommer mehr Wasserspeicher – setzt für die Alpen aber andere Prioritäten.

Jürg Grossen denkt gross: In einer geplanten Motion verlangen er und die GLP eine nationale Wasserspeicherstrategie. Die Idee: Dort, wo Gletscher schmelzen, sollen Stauseen errichtet werden, sozusagen als multifunktionale Wasserspeicher, welche der Wasserversorgung bei Trockenheit, dem Hochwasserschutz und wenn möglich auch der Stromproduktion zugleich dienen.

Eine zweite GLP-Motion zielt auf die Alpwirtschaft und will den Bundesrat beauftragen, «die rechtlichen, planerischen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen, damit auf Alpen und im Berggebiet dezentrale Wasserspeicher einfacher erstellt und betrieben werden können.»

Der Frutiger Jürg Grossen hofft, dass der aktuelle Hitzesommer ein Augenöffner sei: «Was mich beelendet, ist, dass wir seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten das Wissen und die Technologien haben, um uns anders zu verhalten, und trotzdem geht es nicht schnell genug.» Es müsse ein Umdenken stattfinden und ein Ruck durchs Land gehen. Es brauche die rasche Abkehr von den fossilen Energien wie Öl, Benzin, Diesel und Gas, die Schweiz könne und müsse hierbei ein Vorbild sein. Heizen und Fahren könne man heute preiswert und komfortabel mit Wärmepumpen und Elektroautos. Aber es brauche eben auch eine wirksame Klima-Anpassungsstrategie.

Denn, so Grossen: «Der Klimawandel lässt sich weltweit nicht sofort stoppen, auch wenn die Schweiz hierzu ihre Hausaufgaben machen muss. Darum ist klar, dass wir uns bis zu einem gewissen Punkt auch anpassen müssen.» Das seien Massnahmen wie beispielsweise beim Spitzen Stein, wo man Zonen ausscheiden musste. Aber auch Massnahmen wie Speicherseen in den Alpen, so wie es die geplante Motion fordert: «Ziel ist es, Niederschlags- und Schmelzwasser nach der Schneeschmelze zurückzuhalten und während Trockenperioden für die Wasserversorgung von Vieh und Weiden sowie zur Stabilisierung des lokalen Wasserhaushalts verfügbar zu machen.»

Dafür brauche es vereinfachte und beschleunigte Bewilligungsverfahren. Ausserdem sei zu klären, wie bestehende Speicherbecken für das künstliche Beschneien zusätzlich für die Landwirtschaft genutzt werden könnten. Diese Speicher sollten zudem Löschwasser für Wald- und Flurbrände bereitstellen.

Alpwirtschaften erschliessen

Ernst Wandfluh, SVP-Nationalrat asu Kandergrund und «oberster Älpler» der Schweiz, hat ganz ähnliche Anliegen. Auch er äusserte bereits die Idee von Speicherseen und auch er ist daran, diesbezüglich einen Vorstoss für die kommende Session auszuarbeiten: «Ich begrüsse es, dass die GLP unsere Ideen für die Alpen aufnimmt und dazu einen Vorstoss eingeben wird.» Die beiden Politiker unterschiedlicher Couleur betonen die Dringlichkeit von Massnahmen. Doch auch wenn sie scheinbar ähnliche Ziele verfolgen, so legen sie dennoch unterschiedliche Forderungen auf den Tisch. Viel wichtiger als Speicherseen, so Wandfluh, «wäre, dass man das Regenwasser direkt bei den Hütten speichert, also in Zisternen. Man müsste das Wasser im Herbst sammeln, damit man es im Frühling benutzen kann.» Diese Zisternen oder Reservoirs, also unterirdische Tanks, beispielsweise aus Beton, müssten frostsicher sein, damit man sie nicht im Herbst entleeren müsse und erst wieder im Frühling befüllen könne, erklärt Wandfluh.

Das bedeute einerseits vorübergehend eine Baustelle bei den Alphütten, andererseits auch hohe Kosten. Deswegen fordert Ernst Wandfluh nicht nur vereinfachte Bewilligungsverfahren für solche Bauten, sondern vor allem auch eine Kostenbeteiligung vonseiten des Bundes. «Das ist wie eine Versicherung, man investiert sehr viel Geld und braucht es vielleicht zehn Jahre lang nicht. Und dann gleich mehrere Sommer hintereinander.»

Die Hauptlösung, um dem Wassermangel auf Alpen zu begegnen, sieht Wandfluh aber an einem ganz anderen Ort: Man müsse die Alphütten mit Strassen besser erschliessen, «sodass man mit einem 4×4 oder mit einem Jeep dorthin fahren kann.» Er beobachte eine Zweiklassengesellschaft auf den Alpen. Diejenigen Hütten, die erschlossen sind, seien nicht nur einfacher zu bewirtschaften, man könne auch Wasser dorthin transportieren. «Die Erschliessung ist für mich der grösste Hebel, auch um die zukünftige Bewirtschaftung zu sichern.» Wandfluh verweist darauf, dass für ihn solche Speicherseen dann Sinn machen, wenn sie multifunktional genutzt werden können. «Wenn man diese Speicher gekoppelt einsetzt, im Sommer für Tiere, im Winter für das Beschneien, als Löschwasserreserve bei Waldbränden – und am Schluss bereitet man das Wasser in Notfallsituationen vielleicht auch für den Menschen auf, dann kann es sinnvoll sein, solche Speicherseen zu bauen.» Man müsse sich aber auch bewusst sein, dass dies sehr viel Geld kosten würde und es nicht so einfach zu realisieren sei.

Für ihn, so Wandfluh, gehe es in dieser Diskussion vor allem darum, das Richtige am richtigen Ort zu forcieren. Er habe deswegen bereits erste Gespräche mit Bundesstellen, mit Verbänden und mit seiner Partei, der SVP, geführt.

Stauseen als Wasserspeicher

Jürg Grossen und die GLP denken mit der zweiten Motion aber noch grösser und über die Alpwirtschaft hinaus. Sie schlagen eine Lösung für eine nationale Wasserspeicherstrategie vor, so, wie sie auch schon in der Studie der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) präsentiert wurde.

Dabei sollen freiwerdende, bisherige Gletscherflächen auf ihre Eignung als Multifunktionalspeicher geprüft werden. Sprich: Da, wo Gletscher verschwinden, kommen Schuttfelder zum Vorschein. Dank Staudämmen sollen diese freiwerdenden Flächen als nationale Wasserspeicher genutzt werden. Solche Stauseen, so der Motionstext, könnten einen Beitrag zur Überbrückung sommerlicher Wasserknappheit in Flüssen, Landwirtschaft und bei der Trinkwasserversorgung leisten.

«Eine gesamtschweizerische Strategie zur systematischen Nutzung bisheriger Gletscherflächen als Multifunktionalspeicher fehlt bis heute. Gleichzeitig zeigen konkrete Projekte, dass es an einer koordinierten Vorgehensweise mangelt. Einzelne Vorhaben von Energieversorgern kommen wegen fehlender Investitionssicherheit, hoher Umweltauflagen und ungeklärter Interessensabwägung nur schleppend voran. Der Sommer 2026 zeigt es: Wir müssen handeln. Nicht später, jetzt!» Es sind eindringliche Worte, welche in der GLP-Motion als Begründung aufgeführt werden.

Und Jürg Grossen verdeutlicht: «Jetzt muss ein Ruck durch die Nation. Wir müssen uns zusammenraufen.» Das Beispiel der Triftstaumauer zeige, dass dies möglich wäre, da hätten die moderaten Umweltverbände eingelenkt und genau solche Projekte brauche es.

Es dürfe keine einseitige Angelegenheit sein, man müsse die moderaten Umweltverbände, die Landwirtschaft und die Politik zusammenbringen. Der WWF habe sich bei ihm betreffend die geplanten Vorstösse bereits gemeldet und wolle das Gespräch vertiefen.

Eine Lösung für zwei Probleme

Und tatsächlich stimmt auch Ernst Wandfluh zu, dass die Nutzung der Gletschervorfelder und die Stauseen als Wasserspeicher eine Option sein könnten. Auch wenn er so einige Fragezeichen hat, was die konkrete Umsetzung betrifft.

«Als Berner Oberländer stehe ich zur Wasserkraft. Aber wir sehen beispielsweise am Grimsel, wie schwierig es ist, wenn man solche Bauwerke verwirklichen will, da gibt es Einsprache um Einsprache. Irgendeine Splittergruppe stellt sich immer dagegen. Ob eine solche Idee, wie die GLP sie skizziert, jemals zum Fliegen kommt, ist für mich fraglich. Ich finde es aber richtig, dass man das prüft.»

Auch ist Wandfluh skeptisch, ob es von der Geologie her überhaupt möglich wäre, und verweist wie bei den Speicherseen auf die Kosten, welche schon nur die Erschliessung für solche Grossbaustellen mit sich bringen würde.

Dennoch meint auch er: «Wenn man diese Dämme bauen könnte, das hätte tatsächlich eine grosse Wirkung. Auch was das Hochwasser betrifft, welches man so aufhalten könnte. Denn die Klimamodelle zeigen: Der Niederschlag wird nicht weniger sein, aber er kommt viel schneller und alles auf einmal. Das kontrollierte und regulierte Ablassen von Wasser, diese Idee hat etwas. Die Frage ist nur: Wie macht man das?»

Jürg Grossen appelliert nicht nur an die Gesellschaft und die Parteien, sondern auch an den Bundesrat. Dieser verschlafe die Situation, es brauche jetzt Entscheide für echte Generationenprojekte. Ohne geeignete Strategien würden viel zu viele Menschen die Hitze in Zukunft nicht überleben. Die WHO warnte jüngst, dass extreme Hitze zu den am schnellsten wachsenden Bedrohungen durch den Klimawandel gehört und weltweit Hunderttausende Menschen jährlich an Hitzefolgen sterben. Ob die Vorstösse der beiden Politiker aufgrund des Hitzesommers in der Herbstsession also Gehör finden und ob die Mühlen der Politik schnell genug mahlen, das wird sich in naher Zukunft zeigen. Der Blick zu Altels und zum Fründehorn macht jetzt schon deutlich: Viel Zeit bleibt nicht.

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