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Umweltdesaster: Wie können wir das Risiko abschätzen?

NATURKATASTROPHEN Drohende Naturgefahren sind äusserst schwer abzuschätzen. Man weiss in vielen Fällen nicht, wann sie kommen. Man weiss nicht, was genau passieren wird. Man kann nur vermuten. Und das tun Statistiker, Umweltpolitiker, Versicherungsfachleute und überhaupt jeder, der ein Haus besitzt oder in einem wohnt. Betroffen sind also alle.

Die Schweiz mit ihren vielen Gebirgen und Gewässern ist fast allen Naturgefahren stark ausgesetzt. Lediglich maritime Gefahren sind durch die Geografie ausgeschlossen. Ausgedehnte und weiterwachsende Siedlungen und Infrastrukturen vergrössern das Schweizer Schadenspotenzial zusätzlich. Der Klimawandel wird die vorhandenen Risiken verschärfen und neue, wie zum Beispiel häufigere und intensivere Starkniederschläge und längere Trockenheitsperioden, mit sich bringen. Naturgefahren werden vermehrt in Gebieten und zu Jahreszeiten vorkommen, die bisher von Schadensereignissen verschont geblieben sind. Das alles, und noch mehr, weiss das Bundesamt für Umwelt (BAFU). Im Grunde ist das Allgemeingut. Die seit dem Mittelalter in zahlreichen Quellen geschilderten Naturkatastrophen wurden von der Geschichtswissenschaft – auch in der Schweiz – lange nur wenig beachtet. Naturkatastrophen und Brandkatastrophen wurden ab dem 18. Jahrhundert zum Anlass genommen, präventive Massnahmen unter Beizug von Experten zu ergreifen. Hierfür gibt es unzählige Beispiele. Jüngste Untersuchungen zeigen jedoch, dass Naturkatastrophen im Bereich des Rechts, der Verwaltung und der nationalen Integration auch sehr produktive Lernprozesse bewirkt und die Modernisierung vorangetrieben haben. Dies ist in unseren Jahrzehnten extrem zu beobachten. Treiber hierfür sind vor allem Kostenüberlegungen. Aber auch die durch Medien in Echtzeit einsehbaren Leiden der Opfer.

Ein nüchterner Blick in die «Glaskugel»

Aber was haben wir konkret zu erwarten? Was könnte die Zukunft bringen? Wir versuchen hier eine Übersicht nach Gefahrenarten.

Überschwemmungen, Hochwasser und von ihnen ausgelöste Effekte

Zwischen 1972 und 2024 verursachten laut dem BAFU Hochwasser, Murgänge, Rutschungen und Sturzprozesse in der Schweiz durchschnittliche Schäden von rund 321 Millionen Schweizer Franken pro Jahr. Über 90 Prozent der Schäden sind auf Hochwasser und Murgänge zurückzuführen. Durch eine grosse Vielzahl von – wörtlich – Eindämmungsmassnahmen wird versucht, diesen Schäden vorzubeugen. Man liest fast im Monatsrhythmus davon. Und gerade im Hochwasserbereich trifft es zu, dass die Vorhersage echt katastrophaler Ereignisse in hohem Masse davon abhängt, wie schnell wir geeignete Gegenmassnahmen treffen. Der nächste Starkregen, die nächste sogenannte Fünf-B-Lage mit sintflutartigen Regenfällen kommt bestimmt. Ob dies dann «katastrophale» Auswirkungen hat, hängt gerade im Gewässerbereich in hohem Masse auch von den Vorkehrungen ab, die wir dagegen getroffen haben. Vereinfacht gesagt ist hier die Vorhersage leicht: Es wird auch durch den Klimawandel vermehrt zu starken und stärksten Regenfällen kommen. Und damit zu Überschwemmungen und Hochwasser.

Dürreperioden

Es wird durch dieselben Wetterphänomene aber in gewissen Zeiten auch zu starken und stärksten Dürreperioden kommen. Trockenheit schädigt landwirtschaftliche Kulturen, auf Feuchtigkeit angewiesene Ökosysteme sowie Wälder und führt zu Waldbrandgefahr. Seit dem Jahr 1540, so hat die Universität Bern jüngst veröffentlicht, war es in unseren Breiten nicht mehr so trocken wie in diesem Jahr. Vor 1540 war die Spanne zur letzten krassen Trockenheit ebenfalls ca. 500 Jahre, also im Jahr 1040. Kurz: Die Dürre kommt, wann sie will. Vorhersagen über Schwere, Verlauf und Dauer sind fast unmöglich. Gegenmassnahmen sind aber zum Teil möglich.

Stürme und Hagel

Grosse Sachschäden entstehen auch durch Winterstürme und sommerliche Hagelgewitter. Und auch hier ist die Vorhersage fast nicht möglich. Man kann aber im Moment davon ausgehen, dass es vermehrt Stürme, ja sogar Tornados auch in den Voralpen- und Alpengebieten geben wird. Ein Beispiel: In Spiez und am Thunersee beobachtet man seit rund 10 Jahren das Zusammenwirken der Talwind-Systeme, besonders am frühen Abend, derart, dass dort öfter sogenannte «Scherwinde» entstehen. Scherwind – englisch «windshear» – ist ein generell gebrauchter Ausdruck für rasch wechselnde Windströmungen. Physikalisch sind es Winde, die sich tangential ungünstig ergänzen und damit beschleunigen. Dies ist im Flugverkehr seit Längerem bekannt; dort kommen die Winde aber meist senkrecht von oben (Fallwinde) und enden dann gefährlich in einem sogenannten «Microburst». Sie können dabei sehr hohe Windgeschwindigkeiten aus wechselnden Richtungen erzeugen und damit grosse Schäden anrichten. Ihr «grosser Bruder», der Tornado, wurde bereits in diesem Jahr wieder am Thunersee, aber auch am Bodensee beobachtet. Dort sogar als Wasserhose. Er ist konstanter, enthält aber viel grössere Energien.

Erdbeben

Erdbeben sind in der Schweiz die Naturgefahr mit dem grössten Schadenspotenzial. Starke Beben sind zwar selten, können aber jederzeit und überall auftreten – auch ausserhalb der bekannten Erdbebengebiete. Dies beruht auf der offiziellen Auskunft des BAFU. Schon die Gefahr von Erdbeben mittlerer Stärke ist prozentual gesehen in den kommenden 50 Jahren sehr hoch. Eine Studie des Schweizerischen Versicherungsverbandes (SVV) zeigt, dass nur 9 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Gefahr mittelstarker Erdbeben (Richterskala 5 bis 6) in den kommenden 50 Jahren richtig einschätzt. Das tatsächliche Risiko liegt demnach bei 80 Prozent, fast entgegengesetzt zur momentanen Erwartung. Eine Sotomo-Studie zu dem Thema formulierte das 2025 so: «Erdbeben werden von in der Schweiz lebenden Personen als die für sie persönlich geringste Bedrohung im Vergleich zu anderen potenziellen Gefahren wie Cyberangriffen, Hochwasser oder Pandemien wahrgenommen. 81 Prozent der Bevölkerung fühlen sich (eher) nicht durch Erdbeben bedroht.» (Quelle: Sotomo-Studie «Erdbeben in der Schweiz» 2025). Gegen Erdbeben kann man nichts machen. Während Erdbeben und danach kann man schon etwas machen. Aber die Wirkungen sind nicht selten verheerend.

Rutschungen, Steinschlag, Murgänge

Bei Lawinen sowie Felsstürzen und Steinschlag sind überdurchschnittlich oft Todesopfer und Verletzte zu beklagen. Die Kosten pro Katastrophenart variieren dabei jedoch extrem, je nach tatsächlicher Lage. Die beiden Orte Brienz (in BE und in GR) sind ein Beispiel dafür, dass ganze Geländerutschungen sehr spontan entstehen können, dann aber in den Folgewirkungen das Leben mehrerer Generationen verändern. Grindelwald, Kandersteg, ja sogar Aeschi, sind Orte im Oberland, die stark von Rutschungen oder, im Fall von Kandersteg wie bekannt, von Felsstürzen bedroht sind. Weniger bekannt ist, dass dies aber auch für Teile Adelbodens zutrifft, zum Beispiel an den Flanken der Senke im Adelbodener Grund. Näheres kann man den Gefahrenkarten des Kantons und des Bundes entnehmen. Und jede einzelne Gemeinde weiss sehr genau über die örtlichen Gefahren Bescheid.

Fazit

Es scheint sinnlos und destruktiv, fast schon täglich auf drohende Naturgefahren achtzugeben. Es ist aber äusserst sinnvoll, dort, wo man handeln kann, dies auch nicht zu versäumen.

Bildquelle: zvg

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