ADELBODEN Im Büchlein «Die schönsten Bäder» vom Schweizer Heimatschutz taucht neu das Panorama-Schwimmbad Gruebi in Adelboden auf. Was macht dies mit der denkmalgeschützten Badeanstalt im Bauhausstil, die diesen Sommer an manchen Tagen ab und zu aus allen Nähten zu platzen scheint?
An diesem Donnerstag sieht es im Adelbodner Gruebi aus wie in einem Wimmelbuch. Nicht weniger als zwölf Schulklassen tummeln sich nebst vielen anderen Gästen auf dem Rasen und im 50-Meter-Becken. Martin Egger, Betreiber des Freibades, meint dazu: «Es ist während der Woche zeitweise überladen. Viele Klassenlager schliessen am Donnerstag ihren Aufenthalt mit einem Besuch bei uns ab, und die Kinder verwandeln ihr verbleibendes Sackgeld in Glace.» Weil die Bäder in Kandersteg und Frutigen geschlossen waren beziehungsweise sind, verweilen zusätzlich Schulklassen aus der nahen Region im Gruebi. Das Bad füllt sich besonders in den Nachmittagsstunden, wenn die Gäste nach einer Wanderung oder einer Bike-Tour zur Abkühlung eintreffen. «Ich habe noch nie einen so guten Saisonstart erlebt. Bis jetzt ist es ein Rekordsommer», freut sich Egger. Dank des Traumwetters verzeichnet er zudem viele Tages- und Wochenendausflügler.
Respekt vor Übertourismus
Nun stellt der Heimatschutz das Gruebi noch in seiner Publikation «Die schönsten Bäder» vor. Egger macht das keine
Betreiber Martin Egger scheut keine Mühe, das Bad in seinem Originalzustand zu erhalten.
Sorgen: «Das wird mehr Tagesausflügler bringen. Aber für sie haben wir immer Platz. Kürzlich besuchten uns beispielsweise Gäste aus Basel, um einen Tag in der historischen Anlage zu verbringen.» Egger ist sich der Bekanntheit des Gruebis bewusst. Er hat schon etliche Architekten und Studenten durch die Badeanstalt geführt. Das 1931 erbaute und 2019 originalgetreu restaurierte Freibad wurde vor sechs Jahren bereits mit einem Spezialpreis der bernischen Denkmalpflege gewürdigt. Es erscheint überdies im Magazin der Fluggesellschaft Swiss und als Postkartenidylle in der Werbung des «The Brecon Hotel». «Ein Amerikaner mit 585 000 Followern hat es gepostet», erzählt Egger mit Stolz, aber nicht ohne Respekt vor möglichem Übertourismus. Auch kämen immer mehr ostasiatische, indische und arabische Touristen hierher. Er hält fest: «Allgemein hinterlassen die Gäste unser Bad sauber und verhalten sich unseren Regeln entsprechend. Es liegt wohl daran, dass es Teil einer Bergwelt ist und wir es so gut pflegen.» Lautstarke Auseinandersetzungen oder gar Schlägereien kennt er hier nicht. Vielleicht trägt dazu ein Verhaltensmerkblatt bei, welches Egger in die Gruppenhäuser geschickt hat.
Grosser Pflegeaufwand und harte Auflagen
Das Bad im Originalzustand zu erhalten, erfordert laut Egger viel Arbeit. «Würden wir die Wände oder den Naturbeton von anno dazumal gleich reinigen wie normalen Beton, hinterliesse dies unerwünschte Spuren. Handarbeit ist gefragt.» Die Auflagen für das denkmalgeschützte Schwimmbad sind nicht zu unterschätzen. Werbetafeln etwa sind keine erlaubt, ein Briefkasten am historischen Eingangstrakt wurde nicht zugelassen. Die veralteten Duschen musste Egger durch Originale aus Italien ersetzen. Jährlich überprüft die Behörde die Anlage. «Wir arbeiten gut mit dem Denkmalpfleger Fabian Schwarz zusammen, der bereits die Sanierung begleitet hat.» Doch es seien immer wieder Kompromisse nötig, lässt Egger wissen. Er erwähnt etwa die Beschattung der Restaurantterrasse und die Sonnenschirme mit ihren Sockeln. «Das stammt gewiss nicht aus dem Jahr 1931, aber heutzutage sind Schattenspender ein Muss.» Täglich verleihen er und seine Mitarbeiter solche einheitlich weissen Schirme gratis, um das Erscheinungsbild des Bades zu wahren.
Beispielhafter Umgang mit Baudenkmälern
«Das architektonische Juwel erstrahlt im ursprünglichen Zustand», lobt Jenny Keller, Projektleiterin Baukultur vom Schweizer Heimatschutz. Sie liefert damit den Grund, warum das Adelbodner Gruebi nach der Sanierung in die dritte Auflage von «Die schönsten Bäder» aufgenommen wurde: «Für uns ist es ein wunderbares Beispiel, wie man mit schönen Baudenkmälern umgeht, die nicht nur als Museum dienen, sondern genutzt werden.» Laut Keller das Besondere daran: Die Ikone des Schweizer Bäderbaupioniers Beda Hefti steht in den Bergen und dient als Zeugnis, wie Bäder in alpinen Orten erstellt worden sind. Sie erwähnt die kuriose Begebenheit, dass unsere Vorfahren Sand von der Adria ankarrten und das Badewasser auf den Dächern vorwärmten. Heute wird das Bassin durch die Fernwärme geheizt. Der Heimatschutz will mit dem Büchlein ein grosses Publikum erreichen, um ihm den Wert des Erhalts solcher Zeugen baulicher und sozialgeschichtlicher Veränderungen zu vermitteln. «Über eine alltägliche Betätigung – das Baden – finden sich die Menschen in einem Baudenkmal wieder und lernen, es zu schätzen. So verstehen sie auch, warum es im historischen Gruebi keine Wasserrutschbahn gibt», schliesst Keller ab. Die vollständig überarbeitete Auflage des Badiführers stellt 50 Freiluftbäder in der Schweiz vor, darunter historische Fluss- und Seebäder. Der Führer ist im Buchhandel erhältlich.



