StartGemeindenRegionEndlich wieder Sommerlager in der Ukraine

Endlich wieder Sommerlager in der Ukraine

Nach fünf Jahren kriegsbedingten Unterbruchs finden in der Ukraine wieder Sommerlager des Vereins Kiev Kids für Kinder und Jugendliche statt. Auf einem neuen Gelände in Sobolivka in der Region Kiew entsteht dafür eine feste Camp Base. Zwei Wochen lang war ich diesen Sommer vor Ort und half beim Aufbau mit. Kurz nach meiner Rückkehr in die Schweiz fand dort das erste Sommerlager statt.

Die Ukraine ist wie mein zweites Zuhause. Meine Eltern Nathalie und Marek Wnuk gründeten dort 1999 den Verein Kiev Kids und riefen drei Jahre später das Kinderheim Sunshine für bedürftige Kinder und Jugendliche ins Leben. Gemeinsam mit meinen älteren Geschwistern lebte meine Familie rund zehn Jahre in Kiew, bevor wir ein Jahr nach meiner Geburt zurück in die Schweiz zogen.

Seither verbrachte ich fast jeden Sommer in der Ukraine und nahm regelmässig an den Sommerlagern von Kiev Kids teil. Sie wurden für Kinder und Jugendliche organisiert, die aus schwierigen sozialen und familiären Verhältnissen kamen oder in anderen Kinderheimen lebten. Auf den Camps konnten sie für einige Tage Gemeinschaft, Abwechslung und unbeschwerte Ferien geniessen. Vor dem Krieg fanden jeweils zwei grosse Lager pro Sommer mit bis zu 200 Kinder und Jugendliche statt. Wir schliefen jeweils in Zelten, spielten, badeten, bastelten und führten kleine Theaterstücke auf.

Auf diesen Lagern fand ich Freunde, mit denen ich bis heute eng verbunden bin. Ich wuchs mit der ukrainischen Sprache und Kultur auf und kannte viele Orte dort genauso selbstverständlich wie jene zu Hause im Frutigland.

Fünf Jahre ohne Sommerlager

Als ich im Sommer 2021 aus der Ukraine abreiste, ahnte niemand, dass es für lange Zeit mein letzter Besuch sein würde.

Mit dem russischen Grossangriff vom 24. Februar 2022 änderte sich die Lebensrealität in der Ukraine grundlegend. Die Kinder und ihre ukrainischen Betreuungspersonen mussten das Sunshine verlassen und wurden in die Schweiz evakuiert. Fast drei Jahre lebten sie hier, bevor sie Ende 2024 gemeinsam in die Ukraine zurückkehrten.

Nur so konnte das Kinderzentrum Sunshine seine Arbeit vor Ort wieder aufnehmen. Seit der Wiedereröffnung wurden bereits acht neue Kinder aufgenommen. Gerade heute gibt es viele Kinder und Jugendliche, die kriegsbedingt auf ein stabiles Zuhause, verlässliche Bezugspersonen und geregelte Strukturen angewiesen sind.

Auch die Sommerlager sollten irgendwann zurückkehren. Nur stellte sich zunehmend die Frage: Wann ist irgendwann?

Man muss trotz Krieg vorausschauen

In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn blieb die Hoffnung gross, dass die Camps wieder stattfinden könnten, sobald sich die Situation beruhigt oder der Krieg endet. Doch aus Monaten wurden Jahre.

Irgendwann wurde meinem Vater Marek, der Kiev Kids bis heute als Projektleiter führt, klar: Man kann nicht einfach darauf warten, dass irgendwann wieder alles so wird wie früher. Die Kinder brauchen solche Orte zum Abschalten gerade jetzt.

Deshalb begann der Verein Kiev Kids, die Sommerlager neu zu planen.

Aus einem Grundstück wird ein Lagerplatz

Diesen Sommer war ich nach fünf Jahren erstmals wieder vor Ort und half zwei Wochen lang beim Aufbau der neuen Camp Base mit. Sie liegt einige Kilometer vom Sunshine entfernt im Dorf Sobolivka.

Als ich dort ankam, war bereits einiges entstanden. Auf dem Gelände standen drei Container mit WCs, Duschen, eine barrierefreie Sanitäranlage, einem Technikraum und einer provisorischen Küche. Ein 67 Meter tiefer Brunnen war gebohrt worden und versorgte den Platz mit frischem Quellwasser.

Gleichzeitig sah man sofort, dass noch viel zu tun war. Teile des Geländes waren stark verwachsen. Flächen mussten freigeräumt, Material abtransportiert und die verschiedenen Bereiche für das Lager vorbereitet werden.

Also wurde dort gearbeitet, wo gerade etwas zu tun war. Wir entfernten Wurzeln und Gestrüpp, sammelten Abfall, rechten Flächen, transportierten Material und stellten Tipis auf.

Von Tag zu Tag sah das Grundstück weniger nach einer Baustelle und mehr nach einem Lagerplatz aus. Langsam konnte man sich vorstellen, dass hier schon bald Kinder ihre Sommerferien verbringen würden.

Wie sicher ist ein Sommerlager im Krieg?

Natürlich stellt sich die Frage, ob es unter den heutigen Bedingungen überhaupt verantwortbar ist, unter den heutigen Bedingungen ein Sommerlager durchzuführen.

Sowohl das Kinderzentrum Sunshine in Trebuchiw als auch die Camp Base in Sobolivka liegen ausserhalb von Kiew in ländlicher Umgebung. In den vergangenen Jahren war keiner der beiden Orte direkt von Beschuss betroffen. Das alltägliche Leben läuft dort vielerorts normal weiter.

Ganz ausblenden lässt sich der Krieg trotzdem nicht. Vor allem nachts hört man immer wieder Drohnen oder Raketen, die über die Region hinweg in Richtung Kiew fliegen. Aus diesem Grund entschied sich mein Vater als Hauptorganisator der Sommercamps gegen die Übernachtung der Kinder auf dem Lagergelände. Nachts treten häufiger Luftalarme auf, und man weiss nicht, wie Kinder, die nicht im Sunshine leben, auf eine solche Situation reagieren würden.

Das Camp wurde also als Tageslager organisiert: Die Kinder wurden morgens abgeholt, verbrachten den Tag auf der Camp Base und kehrten am Abend wieder nach Hause zurück.

Das erste Sommerlager

Kurz nachdem ich wieder in die Schweiz zurückgekehrt war, fand in der ersten Augustwoche dann tatsächlich das erste Sommerlager statt. Rund 50 Kinder und Jugendliche nahmen an dem fünftägigen Tageslager teil. Sie bastelten, spielten, tanzten und sangen gemeinsam. Die Kinder badeten im Fluss, fuhren Kajak und Stand-up-Paddle und assen gemeinsam.

Es klingt nach einem ganz gewöhnlichen Lager und genau darin liegt das Besondere. Für einige Stunden ging es nicht darum, was gerade politisch passiert war oder ob irgendwo Luftalarm ausgelöst wurde. Es ging darum, wer zuerst ins Wasser springt, welche Farben man für sein Armband wählt, welchen Weg man bei der Schnitzeljagd nimmt und welches Dessert es am Abend gibt.

Während der Lagerwoche telefonierte ich mit meiner besten Freundin Julia, die vor Ort als Leiterin mithalf. Natürlich wollte ich wissen, wie es lief. Sie sagte, es sei sehr schön gewesen. Für ein paar Tage habe es sich beinahe so angefühlt, als gäbe es den Krieg nicht mehr.

Die Camp Base ist erst am Anfang

Das erste Tageslager war nicht das Ende des Projekts, sondern vielmehr der Anfang.

In Sobolivka soll weitergebaut werden. Die Küche sowie der grosse Ess- und Gemeinschaftsraum sollen in den nächsten Monaten fertiggestellt werden. Langfristig möchte Kiev Kids wieder mehr und längere Lager durchführen. Wie genau diese aussehen werden, hängt weiterhin von der jeweiligen Sicherheitslage ab.

Auch das Kinderzentrum Sunshine entwickelt sich weiter. Momentan leben dort zwölf Kinder und Jugendliche. Die Dachetage wird ausgebaut, damit weitere Kinder betreut werden können. Im Kellergeschoss befindet sich nun ein vollständig ausgestatteter Luftschutzraum mit Vorräten und Matratzen, sodass im Ernstfall alles Nötige bereitsteht.

Bei den älteren Jugendlichen liegt ein weiterer Schwerpunkt darauf, sie auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten und sie auf ihrem Weg in die Ausbildung und den Beruf zu begleiten. Dazu soll nach den Renovationsarbeiten das sogenannte «LiveSkills»-Angebot wieder aufgenommen werden. Dabei handelt es sich um eine betreute Jugend-WG, in der ältere Jugendliche schrittweise lernen, selbstständig zu leben.

Sowohl im Sunshine als auch auf der neuen Camp Base geht die Arbeit weiter. Das Ziel bleibt, den Kindern trotz Krieg möglichst viel Normalität und Perspektive zu ermöglichen.

Sarah Wnuk
Sarah Wnuk
Bei einem Schnuppertag beim Frutigländer im Jahr 2021, damals noch in der achten Klasse, entfachte sich in Sarah Wnuk das Interesse am journalistischen Schreiben. Seitdem schrieb sie regelmässiger und wurde 2022 zur freien Redakteurin, ein Jahr später schliesslich auch zur Kolumnistin. Mit dem Frutigländer als Sprungbrett in den Journalismus möchte sie auch nach dem Gymnasium der Medienwelt treu bleiben. Möglicherweise sieht man sie in ein paar Jahren als Redaktorin beim Frutigländer, als Auslandskorrespondentin oder auch als medienorientierte Psychologin.

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