StartKolumneFreundschaften 2000 Kilometer auseinander und viele Jahre später

Freundschaften 2000 Kilometer auseinander und viele Jahre später

Als wir bei unserer Ankunft die Kurve zum Kinderzentrum Sunshine in Trebuchiw einschlugen, füllte sich mein Herz mit positiver Nervosität. Ich bin ein Mensch, der Orte stark mit Erinnerungen verbindet. Entsprechend nostalgisch wurde ich, als ich aus dem Fenster sah und all die vertrauten Ecken wiedererkannte, an denen ich als Kind viele meiner ukrainischen Sommerurlaube verbrachte. Als ich dann im Sunshine ankam und die Kinder mir entgegenrannten, mich umarmten und sich alle freuten, fühlte es sich für einen kurzen Moment so an, als wäre ich nie weg gewesen.

Dieses Gefühl verflog allerdings schnell, als ich sah, wie gross alle geworden waren. Eines der Mädchen, Anja, ist für mich wie meine kleine Schwester. Seit ihrer kriegsbedingten Evakuation in die Schweiz und der Rückkehr in die Ukraine telefonierten wir oft. Über FaceTime war ich dabei, als sie mir von ihrem ersten Schwarm erzählte, als sie ihre Zahnspange bekam und als sie mir von den neusten Geschichten aus ihrer Klasse berichtete.

Nun stand sie plötzlich vor mir und war grösser als ich. Ich war ehrlich gesagt ziemlich schockiert. Sie hingegen fand das hervorragend und zieht mich seither damit auf, dass ich ein Zwerg sei.

In den ersten 24 Stunden vor Ort hatte ich kaum Zeit, mich einmal hinzusetzen, denn schon bald sollte meine beste Freundin Julia ankommen. Auch sie lebte früher im Sunshine. Inzwischen lebt sie selbstständig in Dnipro und hat dort ihr College abgeschlossen.

Natürlich hatten auch wir über die vergangenen Jahre regelmässig Kontakt. Manchmal erzählte sie mir eine lustige College-Story, manchmal ging es um russische Kriegsangriffe. Dnipro liegt im Osten der Ukraine und ist immer wieder von Attacken betroffen. Es gibt dort jeden Tag Luftalarm, so wie mir Julia erzählte.

Einmal rief sie mich an und sagte gleich zu Beginn in einem aufgewühlten Tonfall: «Unser Haus wurde bombardiert.» Ich wusste im ersten Moment nicht, was ich sagen sollte, und wollte nur wissen, ob es ihr gut ging. Zum Glück wurde sie nicht schwer verletzt und die Schäden am Haus konnten später repariert werden. Damals wurde mir ein weiteres Mal bewusst, wie unvorhersehbar und plötzlich der Krieg in einen normalen Tag hineinbrechen kann.

Nun könnt ihr euch vielleicht vorstellen, wie sich das Wiedersehen mit ihr angefühlt hat. Ich glaube, ich habe sie die ersten fünf Minuten kaum losgelassen. Die folgenden zwei Wochen mit ihr waren unglaublich schön. Natürlich war der Krieg zwischendurch Thema. Ich fragte sie beispielsweise, ob sie sich vorstellen könnte, ins Ausland zu ziehen, um nicht mehr unter diesen unsicheren Bedingungen in Dnipro leben zu müssen.

Ihre Antwort war ein klares Nein. Die Ukraine sei ihr Zuhause, sagte sie. Dieses Gefühl könne ihr kein anderes Land geben. Vielleicht werde sie für ihr Studium nach Tscherkassy ziehen, in eine deutlich ruhigere Region der Ukraine. Das Land verlassen möchte sie aber nicht noch einmal.

Der Krieg war aber Gott sei Dank längst nicht das Einzige, worüber wir sprachen. Julia und ich kennen uns, seit wir sechs und sieben Jahre alt sind, und entsprechend viele Erinnerungen verbinden uns. Da ich inzwischen selbst Auto fahren konnte, waren wir viel unterwegs und besuchten Orte von früher. Einer davon war das Zentrum von Browary, der nächstgelegenen Stadt von Trebuchiw. Dort gab es früher auf einem geteerten Platz kleine batteriebetriebene Autos für Kinder, in die man sich hineinsetzen und selbst herumfahren konnte. Für uns war das damals jedes Mal ein Highlight.

Natürlich wollten wir wissen, ob es diese Station noch immer gab. Und tatsächlich stand sie immer noch da. Nur die Autos waren inzwischen deutlich moderner geworden. Um eine Runde zu drehen, waren wir mittlerweile eindeutig zu gross, aber das Foto vor dem legendären roten Auto mussten wir natürlich trotzdem nachstellen.

Julia war nicht die Einzige, die ich nach langer Zeit wiedersehen konnte. Auch Alina kam mich für eine Woche besuchen. Sie lebt in Charkiw, einer Stadt, die seit Kriegsbeginn ebenfalls stark von Angriffen betroffen ist. Umso mehr bedeutete es mir, dass sie die Reise auf sich nahm und wir einige Tage zusammen verbringen konnten.

Am eindrücklichsten zeigte mir aber meine Freundin Nastia, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war. Sie hatte ich sieben Jahre lang nicht mehr gesehen. Damals waren wir elf und zwölf Jahre alt. Jetzt besuchte ich sie in ihrer ersten eigenen Wohnung im 18. Stock eines Hochhauses in Browary. Sie arbeitet inzwischen im IT-Bereich, hat sich ihr Traumauto, einen BMW, gekauft und sich ihr eigenes Leben aufgebaut. Als wir dort zusammensassen, musste ich immer wieder daran denken, wie absurd dieser Zeitsprung eigentlich war.

In unserem Gespräch spielte der Krieg eine besonders grosse Rolle. Ihr älterer Bruder, den auch ich noch von früher kannte, meldete sich vor zwei Jahren freiwillig zum Militär. Dabei kam er im Krieg leider tragisch ums Leben.

Es ist wohl eines der schlimmsten Dinge, die einer Familie passieren können. Trotz allem hat Nastia ihren Bruder weiterhin stark in ihrem Leben dabei. Sie trägt seinen militärischen Spitznamen als Tattoo und erzählt von ihm nicht nur mit Trauer, sondern auch mit viel Stolz.

Am Ende waren es genau diese Gespräche und Wiedersehen, die mir von den zwei Wochen am stärksten geblieben sind. Nach all den Jahren und über 2000 Kilometern Entfernung war vieles anders. Wir sind älter geworden, leben an verschiedenen Orten und haben ganz unterschiedliche Dinge erlebt. Das Schöne darin war zu sehen, dass wir weiterhin füreinander da sein, zuhören und reden konnten. Diese Freundschaften sind etwas vom Wertvollsten, das ich in meinem Leben haben darf.

Sarah Wnuk
Sarah Wnuk
Bei einem Schnuppertag beim Frutigländer im Jahr 2021, damals noch in der achten Klasse, entfachte sich in Sarah Wnuk das Interesse am journalistischen Schreiben. Seitdem schrieb sie regelmässiger und wurde 2022 zur freien Redakteurin, ein Jahr später schliesslich auch zur Kolumnistin. Mit dem Frutigländer als Sprungbrett in den Journalismus möchte sie auch nach dem Gymnasium der Medienwelt treu bleiben. Möglicherweise sieht man sie in ein paar Jahren als Redaktorin beim Frutigländer, als Auslandskorrespondentin oder auch als medienorientierte Psychologin.

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