StartKolumneWillkommen im Jahr 3202! Söllnoöppernachecho!

Willkommen im Jahr 3202! Söllnoöppernachecho!

Zeitung gelesen. Während das Versiegen unserer Wasserquellen plötzlich vorstellbar wird, beziehen wir von unseren «Feinden» einige der wichtigsten Güter und Stoffe, und die Staatsoberhäupter einiger unserer «Freunde» kämen in unserem Rechtsstaat direkt ins Gefängnis. Söllnoöppernachecho in diesem Jahr 2026! Aber: Wir leben ja gar nicht im Jahr 2026! Wenn nämlich das Jahr 0 mit der Geburt Jesu zusammenfallen soll – da sind sich die Forschenden einig –, haben wir entweder bereits 2033 oder auch erst 2030, keinesfalls 2026, denn Herodes wurde eben erst im angeblichen Jahr 4 König. Wenn es hingegen einen Kometen als Stern von Bethlehem am Himmel hätte geben sollen, wäre vermutlich schon 2037, dann fehlt aber wieder Herodes als König. Söllnoöppernachecho. Jedenfalls gab es irgendwann einen Rechenfehler. Auf die Zeitrechnung haben sich die «christlichen» Führungspersonen geeinigt, der Rest der Welt hatte sich irgendwann zu fügen. Wen kümmert es, dass die islamische Welt das Jahr 1443 hat? Mit den Juden sind wir im heissen Sommer des Jahres 5786. Für die chinesische Zeitrechnung muss man erst eine komplexe Rechnung machen, weil sie auf ein uns völlig fremdes System aus Zeitaltern gestützt ist. Jahreszahlen sind Geschichten, keine absoluten Wahrheiten. Aber sie prägen die Welt und unser Bewusstsein: Fühlt es sich nicht irgendwie an, als wäre alles vor dem Jahr 0 gar nicht so relevant? Kürzlich habe ich im Kino «The Odyssee» von Christopher Nolan gesehen. Einerseits ein Fantasyfilm mit Riesen und Zaubereien, wie in der 2600-jährigen Vorlage von Homer, einem der ältesten literarischen Werke überhaupt. Andererseits eine Geschichte von höchst fehlbaren Führungspersonen und mit einem historischen Kern: dem Untergang der grossen Mittelmeer-Zivilisationen zum Ende der Bronzezeit vor ungefähr 3202 Jahren. Seither habe ich mich dazu etwas weitergebildet. Mir war nicht bewusst gewesen, wie fortgeschritten einige Zivilisationen in unserem Südosten schon damals waren. Mit ihnen verschwanden zwischenzeitlich auch Lesen und Schreiben, der internationale Handel – und die ersten urbanen Kanalisationssysteme. Vieles, was damals über Jahrhunderte unverrückbar gewirkt hatte. Das Ende herbeigeführt hat vermutlich eine verhängnisvolle Kombination aus Naturereignissen (Erdbeben, Dürre, Hungersnöte), politischem Versagen (soziale Ungleichheit, innere Unruhen) und aus beidem resultierenden Migrationswellen, die bereits instabile Systeme zum Kollaps gebracht haben. Die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit unter den Grossreichen führte zum Dominoeffekt. Ich musste an weitreichende Folgen regionaler Ereignisse heute denken: Strasse von Hormuz, ukrainisches Getreide oder einen schiefliegenden Tanker im SuezKanal. Man stelle sich vor, Asien würde keine Elektronik mehr liefern. Oder alle Internet-Firmen in den USA gingen offline. Wenn es kippt, wird unsere Zeitrechnung uns nicht halten. Auch andere Geschichten, die unsere heutigen fehlbaren Führungspersonen uns herunterbeten und die wir für unverrückbar halten, sind ziemlich wackelig: Ist der Wettbewerb das sinnvollste System? Braucht die Wirtschaft konstantes Wachstum? Basiert unser Wohlstand tatsächlich auf unserem Fleiss und nicht vielleicht ebenso auf unserer Möglichkeit, anderen die Bedingungen zu diktieren, weit über die Jahreszahl hinaus? Vielleicht sind wir im Jahr 3202, gerechnet seit in der Wiege unserer Kultur fast alles noch mal neu begonnen werden musste. Vielleicht steuern wir auf ein neues Jahr 0 zu. Sind wir besser vorbereitet auf das, was kommt, wenn wir die angeblichen Fakten unserer gegenwärtigen Welt etwas relativieren und uns mit den grossen Fragen in 2600-jährigen Geschichten mit Riesen befassen? Söllnoöppernachecho!

Zuletzt erschienen

Ähnliche Artikel

Mehr von diesem Autor