StartGeschichteDer Horlouwigbach und sein «schädlicher Charakter»

Der Horlouwigbach und sein «schädlicher Charakter»

FRUTIGEN Dass der Leimbach verschiedentlich das Dorf mit Geschiebe geflutet hat, ist hinlänglich bekannt. Aber auch der Horlouwigraben auf dem Niederfeld war einst gefürchtet, bevor er aufwendig verbaut wurde. Wer heute an der Winklenstrasse spaziert, dem fällt vor allem ein eigentümlicher Geschiebesammler mitten in der grünen Wiese auf.

Letzten Herbst wurde der markante Schuttsammler des Horlouwigrabens freigeschnitten und dadurch für Passanten wieder deutlich sichtbar. In der grünen Wiese an der Winklenstrasse steht das Bauwerk und bildet zusammen mit den umgebenden Büschen eine schützende Oase für die heimische Vogelwelt. Diese plötzliche Sichtbarkeit durch das grosszügige Freischneiden warf nicht nur die Frage nach dem Sinn des Zurückschneidens auf, sondern auch diese: Wieso steht dieser mächtige Sammler eigentlich genau dort?

Auf der Suche nach Antworten hat Hans Egli bei seinen Recherchen im Staatsarchiv ein Dokument aus dem Oktober 1886 ans Licht gebracht: «Da in den letzten Jahren die Ausbrüche des Horlouwibachs schlimmer geworden sind, sollen zehn gemauerte und, wo der Boden bereits ausgeschwemmt ist, neun Holzschwellen errichtet werden. Dazu ein Schuttwehr, das einmal jährlich ausgeräumt werden muss.»

Katastrophensommer und die Tücken des Schutts

Von den verheerenden Ausbrüchen des Grabens in ganz frühen Zeiten ist heute nur wenig dokumentiert. Überliefert ist jedoch ein einschneidendes Ereignis am 16. Juli 1830. An diesem Sommertag kam es im gesamten Frutigland zu katastrophalen, weitverbreiteten Überschwemmungen. Über das Wüten der sonst so unscheinbaren «Horlauene» vermerkte der damalige Oberamtmann von Tavel in seinem amtlichen Bericht: «Von der sogenannten Horlauenen, wo sonst kein Wasser fliesst, strömte auch ein Bach herunter, verschüttete mehrere Matten und Pflanzungen am Niederfeld.»

Zu Beginn der 1880er-Jahre häuften sich die Ausbrüche des Horlouwibachs nach regenreichen Jahren wieder drastisch. Der tiefe Graben wurde zunehmend ausgeschwemmt und transportierte bei Unwettern massiv mehr Geröll und Schutt ins Tal als je zuvor.

Im technischen Bericht des Tiefbauamtes Thun aus dem Jahr 1886 für das geplante Bauprojekt wird gemutmasst, dass der Name des Bachs vom altdeutschen Wort «Hor» für Schutt oder Unrat abstammen könnte. Dies würde den Charakter des Gewässers treffend beschreiben, das laut den Experten damals einen «absolut schädlichen Charakter» angenommen hatte. Nach schweren Gewittern wälzten sich Schlamm- und Geröllmassen bis direkt hinunter an die Landstrasse.

Die Ingenieure kamen gemäss dem von Hans Egli transkribierten Dokument damals zu einem klaren Schluss: «Die Unschädlichmachung der Horlauene ist so zur gebieterischen Notwendigkeit geworden.» Da die betroffenen Grundeigentümer ihre Existenzgrundlage bedroht sahen, wurde das Vorhaben schliesslich einmütig beschlossen. Um den Wildbach im Zaum zu halten, wurden die heikelsten Stellen im Graben mit den erwähnten Schwellen gesichert, während am unteren Ende des Verbauungsgebietes ein grosser «Schuttfang» projektiert wurde, der das Material aufhalten und das Wasser versickern lassen sollte. Die Kosten wurden damals auf stolze 3900 Franken veranschlagt.

Die Modernisierung nach 1930

Vom ursprünglichen Bauprojekt sind kaum weitere Unterlagen bekannt. Aus dem Jahr 1920 existiert jedoch ein detaillierter Plan über die Neuanlage der heutigen Winklenstrasse. Auf diesem ist der unterste Teil des Horlouwigrabens eingezeichnet. Man erkennt, dass der Bach dort mit grossen Steinen eingedämmt war und ein weit gefächerter Auffangdamm – im Plan als «Schuttwehr» bezeichnet – das Niederfeld schützte.

Nach 1930 reichte diese alte Anlage nicht mehr aus. Eine umfassende Erneuerung wurde dringend notwendig. Der damalige Oberwegmeister A. Rügger entwarf daraufhin Pläne für eine neue, weitaus grössere Rückhalteanlage. Der Damm wurde ein Stück unterhalb der alten Mauer neu aufgeschüttet – mehr als doppelt so hoch wie zuvor. Gleichzeitig vertiefte man das Auffangbecken erheblich. Um das System abzurunden, wurden im Graben selbst zehn alte Steinsperren saniert und 30 neue Holzsperren errichtet.

Dank der weitsichtigen Arbeit fliesst das Wasser meist zahm ab, grössere Schäden konnten in den letzten Jahrzehnten vermieden werden. Es lohnt sich offensichtlich, zu den Schutzbauten zu schauen und diese zu unterhalten. Lange Zeit wurde dies von einem Zusammenschluss der Anstösser gemacht, heute ist die Gemeinde dafür zuständig – eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.

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