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Die Katastrophe von München mit dem Niesen verarbeitet

KUNST Ein Brand vernichtete zahlreiche Gemälde des Schweizers Cuno Amiet. Statt zu resignieren, fand der Maler am Thunersee mit dem Niesen zurück zur Malerei und schuf Bilder, die bis heute als Zeichen von Neubeginn und schöpferischer Kraft gelten.

In der Nacht zum 6. Juni 1931 ereignete sich in München eine der grössten Katastrophen der deutschen Kunstgeschichte. Im Alten Botanischen Garten brannte der Glaspalast nur wenige Tage nach der Eröffnung bis auf das Stahlskelett nieder. 3000 Kunstwerke fielen dem verheerenden Feuer im Ausstellungsgebäude zum Opfer, darunter sämtliche 110 Gemälde der Ausstellung deutscher Romantiker. Unersetzliche Werke von Künstlern wie Caspar David Friedrich, Carl Blechen, Ludwig Richter, Otto Runge und Carl Rottmann gingen verloren.

Laut einem Bericht im Münchner Stadtanzeiger nahm die Regierung Oberbayern Brandstiftung an. Dies war eine von mehreren Theorien und seitens der Polizei hiess es, der Brand gehe auf Selbstzündung von Putzmaterial zurück. Die Brandursache des aus Gusseisen und Glas erbauten und als unbrennbar geltenden Gebäudes konnte auch gerichtlich nicht geklärt werden und gilt bis heute weiterhin als ungeklärt.

Fast ganzes Lebenswerk zerstört

Einen ebenso überaus grossen Schaden hatte der Schweizer Maler Cuno Amiet erlitten. Der Pionier der Schweizer Moderne war einer Einladung der «Jungen Münchner Kunst» gefolgt. Eine Auswahl seiner besten Gemälde aus dem Zeitraum von 1891 bis 1931 war in zwei der schönsten Ausstellungssälen ausgestellt. Der Solothurner war der einzige Künstler, der Werke aus seiner ganzen Schaffenszeit und somit einen grossen Teil seines Lebenswerks zeigte. Viele seiner Werke befanden sich in Privatbesitz. Die Nachricht des Brandes erhielt Amiet per Telegramm, worauf er umgehend nach München reiste. Auf eine Postkarte an seine Frau schrieb er: «Ich war auf dem Brandplatz, es ist aber kein kleinster Fetzen übrig, alles nur schwarze Kohle.»

Die Literatur nennt meist 50 Werke, teilweise «über 50». Dass es «fast sein ganzes Lebenswerk» gewesen sei, ist eher eine zeitgenössische Wertung als eine objektive Tatsache

Schreiben des Bundesrates

Auch in Berner Kunstkreisen hatte das Ereignis niederschmetternd gewirkt. Das Berner Kunstmuseum beispielsweise hatte fünf sehr wertvolle Gemälde Amiets nach München geschickt. Darunter befanden sich «Krankes Kind», ein Jugendgemälde des Künstlers, oder «Herbstlandschaft», welche Amiet selbst als eines seiner besten Bilder betrachtet hatte. Wie gross der Schaden für die Schweizer Kunstszene war, bestätigt ein Schreiben aus Bern. Bundesrat Meyer äusserte im Namen des Eidgenössischen Departement des Innern sein Bedauern über das unglückliche Ereignis. Er hoffe, dass es Amiet vergönnt sein werde, einen grossen Teil des Verlorenen durch neue Werke zu ersetzen. Cuno Amiet gehörte mit Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti schon längst zu den Wegbereitern der Schweizer Moderne.

Mit dem Niesen Trost gefunden

Um das Erlebte zu verarbeiten, verbrachte Amiet im Herbst 1931 einige Zeit in der Villa des Zeitungsverlegers Frédéric Pochon in Hilterfingen. Der Künstler überwand den Verlust mit der Gestaltung einer Karte und dem Spruch: «Im Unglück liegt ein tiefer Sinn, was taub und tot war, ist dahin, die Liebe blüht, die Herzen sind offen, kann man vom Leben mehr erhoffen.» Auch begann er wieder mit Malen und schuf dort, direkt am Ufer des Thunersees, zahlreiche Landschaftsbilder. Innert kurzer Zeit malt er den Niesen mit dem Thunersee mehrere Male. Nicht immer zur gleichen Tageszeit, aber meistens vom Quai von Hilterfingen aus, entstanden Werke mit unterschiedlichem Licht und Farben. Bei ihm wurde die Natur nicht in einem Atelier nachgestaltet, sondern an Ort und Stelle festgehalten. Interessant ist der Vergleich zweier Niesenbilder. Einmal steht der pyramidenförmige Berg im Mittelpunkt und der Thunersee entfaltet sich in der Morgensonne zu einer lichten Farbsinfonie. Ein weiteres Werk dagegen lässt den Niesen in blauem Dunst fast verschwinden.

Von nun an mit Flamme signiert

Seine Niesenwerke von 1931 waren nicht die ersten dieses Berges, aber seitdem versah er viele seiner späteren Werke neben seiner Signatur mit einer stilisierten Flamme. Ausser der enormen Zahl an Gemälden – wohl mehr als 4000 – hat Cuno Amiet auch zahlreiche Aquarelle und ein umfangreiches zeichnerisches sowie druckgrafisches Werk geschaffen, das sowohl Studien wie autonome Blätter umfasst. Daneben schuf er auch einige bildhauerische Arbeiten, vor allem Büsten, die Mehrzahl davon in den 1930er-Jahren. Der Künstler hat sich im Laufe seines Lebens immer wieder selbst dargestellt. Entstanden sind so unzählige Selbstbildnisse. Dass seine Werke nach wie vor gefragt sind, bewies die Ausstellung «Yellow. Beyond Van Gogh’s Colour» in Amsterdam. Laut Angaben der Fondation Cuno Amiet waren dort vom Februar bis Mai dieses Jahres seine Werke «der gelbe Hügel» sowie «Bildnis in gelb» ausgestellt.

Hans Heimann
Hans Heimann
Für seinen ersten Zeitungsartikel über einen Sportanlass wurde Hans Heimann vom Lehrer getadelt. Dieser gab ihm nachdrücklich zu verstehen, dass dies ausschliesslich Sache der Lehrerschaft sei. Seinen zweiten Artikel schrieb er rund dreissig Jahre später. Der gefiel dem Chefredaktor des "Berner Oberländer" so gut, dass er nebenberuflich als Freier Mitarbeiter startete. 2018 klopfte auch der "Frutigländer" an und seitdem schreibt er auch für diese Zeitung und weitere Zeitungstitel mehrheitlich über Geschichte und Persönlichkeiten. Für Recherchezwecke stöbert der gebürtige Simmentaler nicht nur in Archiven, sondern geht mit offenen Augen durch die Welt und findet auch oft auf Reisen interessante Themen.

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