REISEN Nur eine kurze Strecke von Edinburgh entfernt wartet mit Dunbar ein Ort voller überraschender Geschichten. Hier beginnt die Spur von John Muir, während Küstenwege, alte Mauern, Meerluft und gemütliche Einkehr ein Schottland prägen, das nahbar, rau und herzlich wirkt.
Edinburgh gehört zweifelsohne zu den grossen Bühnen Schottlands. Castle, Royal Mile, Dudelsackklänge und enge Gassen ziehen Besucher aus aller Welt an. Wer aber von der Hauptstadt weiter ostwärts fährt, erreicht bald eine ganz andere Szenerie. Die Häuser stehen näher am Meer, Boote liegen im Hafen, und über den Felsen kreisen Möwen. Dunbar wirkt zunächst wie ein klassisches Küstenstädtchen. Doch hinter der entspannten Atmosphäre steckt eine Geschichte mit erstaunlicher Reichweite. In der High Street steht das Geburtshaus von John Muir, einem der wichtigsten Wegbereiter des modernen Naturschutzes. Sein Name ist heute untrennbar mit der Nationalparkidee verbunden, die hier an der schottischen Küste ihren Anfang nahm.
Auf den Spuren eines Pioniers
John Muir war Naturfreund, Entdecker, Schriftsteller, Erfinder und Geologe – vor allem aber ein Mensch, der die Erde nicht nur betrachtete, sondern als schützenswertes Gut verstand. Als Kind verliess er mit seiner Familie Schottland und wanderte nach Amerika aus. Dort wurde er schnell zu einer prägenden Stimme für den Erhalt besonders bedeutender Landschaften. Muir setzte sich mit grosser Leidenschaft für den Schutz diverser Regionen ein und trug massgeblich dazu bei, dass Yosemite 1890 zum Nationalpark wurde. Später führte er sogar Präsident Theodore Roosevelt persönlich durch das Gebiet – eine Begegnung, die dem Schutz von Yosemite Valley und Mariposa Grove zusätzlichen Rückenwind gab.
Bemerkenswert ist, wie früh er Gedanken formulierte, die uns heute selbstverständlich erscheinen – zu einer Zeit, als wilde Landschaften meist nur als Rohstoff oder Hindernis betrachtet wurden. In Dunbar begegnet man seinem Erbe auf angenehme Weise im John-Muir-Haus, das ausführlich von seinem Leben, seinen Reisen und seinem Einfluss zu berichten weiss. Später lohnt ein Gang hinunter zum Hafen. Zwischen alten Mauern und Booten weitet sich der Blick über das Meer, und man versteht, warum dieser Ort mehr ist als nur eine hübsche Station an der schottischen Küste.
Fernblick inklusive
Für Wanderenthusiasten: Der berühmte John Muir Way ist weit mehr als ein Spazierweg am Meer. Rund 215 Kilometer über zehn Etappen hinweg zieht er sich quer durch Schottland, von Helensburgh im Westen bis nach Dunbar im Osten. Wer nur einzelne Etappen gehen möchte, bekommt dennoch schnell ein Gefühl für die Vielfalt der Strecke. Gerade in East Lothian wechseln sich offene Küstenpassagen, weite Felder und grosse Geschichtsorte ab. Dabei wirkt Dirleton Castle mit seinen Gärten beinahe märchenhaft, während Tantallon Castle auf seiner Klippe mit Blick zum Bass Rock einen dramatischen Auftritt hinlegt.
Aber auch Golfer dürften hier kaum aus dem Staunen kommen. In dieser Ecke reiht sich wirklich Platz an Platz. Namen wie Gullane, North Berwick, Dunbar oder Muirfield geniessen weit über Schottland hinaus einen hervorragenden Ruf. So wird aus einer Tour entlang der Küste schnell ein Ausflug durch Landschaft und Geschichte, die erstaunlich dicht beieinanderliegen.
Seafood & Pubgefühl
Nach einem Tag draussen zieht es einen in Dunbar fast von selbst dorthin, wo es warm ist, nach Fritteuse duftet und Gläser auf Holztischen stehen. Fish & Chips, frisches Seafood und kleine Pubs gehören hier einfach dazu. Man braucht kein grosses Menü, um zufrieden zu sein. Ein Teller aus Papier, knusprige Stücke, ein Spritzer Essig und der Blick Richtung Wasser reichen manchmal völlig. Vielleicht noch die Jacke über der Stuhllehne, salzige Luft im Haar und vor dem Fenster das langsam weich werdende Abendlicht. Und wer gerne länger sitzen bleibt, findet in den Pubs jene besondere Mischung aus Stimmengewirr, dunklem Holz, einem gut gezapften Bier und wohliger Wärme, die nach einem Tag an der schottischen Küste genau richtig ist.
Das grosse Finale
Mit Edinburgh setzt man der Reise einen starken Schlusspunkt. Die schottische Hauptstadt trägt ihre Geschichte sichtbar vor sich her: Hoch oben das Castle, darunter die Royal Mile, enge Gassen, dunkle Steinfassaden und immer wieder Dudelsackklänge, die zwischen den Häusern hängen bleiben. Man kann durch Museen streifen, in Cafés pausieren, eine Whisky-Bar ansteuern oder sich an schottische Klassiker wie Haggis, Cullen Skink und Shortbread wagen.
Tipp: Wer den optimalen Foto-Hotspot sucht, der steigt in die Höhe zum Calton Hill und blickt über Dächer, Firth of Forth und die markante Silhouette der Stadt. Nach Meerluft, John Muir und Küstenwegen wirkt Edinburgh wie der passende Gegenpol – lebendig, geschichtsträchtig und nah genug, um Küste und Hauptstadt wunderbar miteinander zu verbinden. Echt schön hier!
kurz & kompakt
Anreise
• Auto: Frutigen–DFDS-Fähre Amsterdam/IJmuiden (ca. 900 km), weiter nach Newcastle (ca. 17 Std.). Auf der A1 weiter nach Edinburgh (ca. 2,5 Std.). • Flug: Von Zürich oder Basel Direktflüge nach Edinburgh (ca. 2,5 Std.). Von Edinburgh Waverley mit dem Zug in etwa 20 Minuten nach Dunbar. Oder Buchung eines Mietfahrzeuges.
Aktiv
Dunbar bietet Küstenwanderungen auf dem John Muir Way, Velotouren, Kajak, SUP, Surfen und Golf. Auch Edinburgh ist nah – ideal für einen aktiven Stadtbummel oder Ausflug.
Kultur
In Dunbar erinnert das John-Muir-Geburtshaus an den berühmten Naturpionier. Dazu kommen Hafen, Burgruinen und Küstengeschichte – und mit dem nahen Edinburgh die spannendste Kulturstadt Schottlands.
Genuss
Dunbar schmeckt nach Meer: Fish & Chips, frischer Fisch, Seafood und gemütliche Pubs gehören dazu. In Edinburgh warten zusätzlich Whisky-Bars, Cafés, Restaurants und schottische Klassiker wie Haggis, Cullen Skink oder Shortbread.
Info: www.visitscotland.com
ZUR PERSON
Kommen Sie mit? Seit Jahrzehnten reise ich durch die Welt – davon seit 24 Jahren als Reisejournalist und Fotograf. Rund 100 Länder auf fünf Kontinenten durfte ich bislang entdecken, zunächst allein, später gemeinsam mit meiner Familie. Unterwegs war ich mal mit dem Kanu, mal auf dem Velo, zu Fuss, mit dem Rucksack oder dem Expeditionsmobil. Dabei ging es mir nie nur um bekannte Sehenswürdigkeiten, sondern um das Zusammenspiel von Landschaft, Natur und Menschen – und um jene besonderen Momente, die eine Reise unvergesslich machen. In den kommenden Wochen nehme ich Sie gerne mit zu meinen schönsten Reisezielen in Europa und verrate, warum sich ein Besuch dort wirklich lohnt.
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