GESCHICHTE Zwischen dem 24. August, dem Bartholomäustag, und dem 8. September, traditionell und vor allem in den katholischen Gegenden der Schweiz und Österreichs Gedenktag der Geburt Marias, beginnen die Märkte des Herbstes. Man mag es kaum glauben, aber sie bereiten den Winter vor.
Der Bartholomäustag am 24. August galt im gesamten deutschsprachigen Raum lange als traditionelles Ende des Sommers. An diesem Tag begannen seit alters her die Vorbereitungen auf den Herbst. Und für viele Jahrhunderte galt die Zeit vom 24. August bis zum 8. September («Mariä Geburt») als die Zeit der Herbstmessen und -märkte.
Märkte fanden stets auf Marktplätzen statt, von denen der älteste der Schweiz in Genf zu finden ist. Wochenmärkte, und sie werden unsere Erzählung über die Märkte im Oberland bestimmen, bestanden aus verschiedenen Spezialmärkten für Korn, Wein, Butter, Salz, Fisch, Vieh, Garn, Holz usw.
Die mittelalterlichen Märkte der Schweiz verteilten sich auf städtische und nichtstädtische Orte. Ab dem 12. Jahrhundert kamen stadtartige, aber nie zu Städten erhobene Marktorte vor allem im Voralpenraum hinzu, darunter die Talschaftshauptorte wie Glarus, Schwyz, Stans, Brig, Biasca und eben auch Frutigen. Daneben gab es auch verkehrsgünstig gelegene Orte im Mittelland wie Zurzach – und schon sehr früh das damals kleine Spiez, das bereits 1280 Marktrechte erhielt.
Obgleich jeder Grundherrschaft – der weltlichen wie der geistlichen – nach altem Recht der eigene Wochenmarkt zustand, wurden diese Rechte nur vereinzelt ausgeübt. Und noch seltener wurden sie zur Bekräftigung nochmals ausdrücklich verliehen.
Beispiel Interlaken: Man muss heute davon ausgehen, dass auch das Kloster Interlaken spätestens im 14. Jahrhundert zumindest gelegentlich einen solchen Wochenmarkt organisierte, vielleicht gerade, weil das lange Zeit zum Bistum Konstanz gehörende Unterseen seit 1279 das Burgrecht und somit auch das Recht auf einen eigenen Wochenmarkt hatte. Aber das sind eher Rückschlüsse aus dem allgemeinen Kontext.
1243 bis 1308: Eine Wendezeit für den Kanton Bern
Doch bleiben wir in dieser «Gründerzeit» des heutigen Berner Oberlandes: Für die Region von der Saane bis zur Aare war im ausgehenden 13. Jahrhundert noch das Bistum Lausanne zuständig. Es nahm zwar noch die Grundrechte wahr, erhob Steuern und verwaltete die umfangreichen Kirchengüter. Es zog sich aber langsam und schleichend aus dem Aaregebiet und dem Berner Oberland zurück, welches es noch um 1228 in einer Art Grundbuchauszug mit Steuerrechten minutiös beschrieben hatte: dem Lausanner Chartular. Es enthält etwa 700 Dokumente, insbesondere eine Chronik, eine Liste der Pfarreien der Diözese sowie ein Register aller dem Grundzins unterworfenen Ländereien und Personen.
Ab 1243: Die Burgundische Eidgenossenschaft
Ab dem Jahr 1243 schliessen dann die zunächst befreundeten Städte Freiburg und Bern einen Bund, den sie die «Burgundische Eidgenossenschaft» nennen. Bereits 1251 erscheint die Stadt Bern darin als führende Vertrags- und Bündnispartnerin. Die Aarestadt war mehrfach verbündet mit den Städten Freiburg (1243), Murten, Avenches (vermutlich 1245), Biel (1279), Laupen (1301) und Solothurn (1308). Später kamen weitere Orte hinzu. Auch mit den Landschaften von Hasli (1275), von Guggisberg (1330)
Der Jünger Jesu beim Abendmahl, Bartholomäus (links): Detail aus dem Wandgemälde «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci.
und einigen Grafschaften der Waadt (1297), von (Neu-)Kyburg (1301) und von Neuenburg (1308) war man verbunden.
Aber auch geistliche Herrschaftsgebiete waren Teil des lockeren Bündnisses: so die Bischöfe von Sion (1252), von Basel (1330), von Lausanne (1350) sowie das grosse Augustinerkloster von Interlaken (1224). Es war für die westliche Schweiz eine Art Vorläufer-Bund der späteren Eidgenossenschaft, so sehr, dass die Stadt Bern sogar die im Jahr 1249 erstmals in Latein verfasste Stadtsatzung der Stadt Freiburg, die sogenannte «Freiburger Handfeste», weitgehend übernahm: Man arbeitete bis ins Detail zusammen. Thun konnte sich selbst keine Satzung geben, sondern erhielt die erste Stadtsatzung, die «Thuner Handfeste», 1264 von der Kyburger Fürstin Elisabeth.
Schon jetzt sei erwähnt, dass die für die damalige Herrschaft wichtige Bistumsgrenze genau mit der Aare verlief. Für Thun bedeutete das, dass der Stadtkern zu Konstanz gehörte, die «neue Stadt» und die Kirche zu Scherzligen aber zu Lausanne. Es hat im heutigen Kanton Bern letzten Endes bis zur Reformation gedauert, bis die damit verbundenen Schwierigkeiten gelöst werden konnten.
1280: Marktrecht für Spiez
Ein Schritt zurück: Im damaligen Kaiserreich gab es seit Dezember 1250 ein Machtvakuum. Kaiser Friedrich war überraschend gestorben, und tatsächlich halb Europa versuchte zumindest die Krone des deutschsprachigen Reiches zu erringen. Diese «Zwischenzeit» wurde erst 1273 mit der Krönung Rudolfs von Habsburg zum König des deutschen Reiches beendet.
Der Aargauer König Rudolf versuchte nun aber, seinen Einfluss zumindest in den überwiegend deutschsprachigen Teilen der Westschweiz geltend zu machen. Dies tat er unter anderem, indem er Vögte einsetzte und Rechte vergab. Solch ein Recht, und noch dazu ein wichtiges, vergab er 1280 an den kleinen Burgflecken Spiez, der allerdings in den damaligen Tagen ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt war. Für den Verkehr über die Gemmi und den Lötschenpass, aber auch umgekehrt nach Interlaken oder Luzern, war die Anreise nach Spiez sinnvoll nur zu Wasser möglich.
In der Zusammenfassung der Rechtssammlung des deutschen Reiches liest sich die königliche Urkunde des Jahres 1280 dann so: «Rudolf von Habsburg … verleiht auf Bitte des Richard von Corbieres dessen Stadt Spiez einen Wochenmarkt und dieselben Freiheiten, wie sie königliche Städte (civitates nostrae imperiales) besitzen.»
Spiez stand nun unter königlichem Schutz, und der Reichsvogt war dessen Vertreter. Der strategische Gedanke war wohl: Spiez zählte damals – eine gewisse Analogie zu heute – als wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Quartier.
Am Fuss der Burganlage Spiez, deren Turmfragmente schon aus dem 12. Jahrhundert stammen, hatte sich im 13. Jahrhundert ein kleines Städtchen Spiez mit Mauer und Tor herausgebildet. Das Recht auf einen Wochenmarkt zeugt zudem von einer hohen Frequenz des Warenumschlags.
Wer war dieser von Corbière?
Richard von Corbières war der Begründer einer Adelslinie, die eine Zeit lang von Freiburg aus das Gebiet zwischen der Saane und der Aare bis vor die Tore Thuns beherrschte. Dieser agierte in einer heiklen Doppelrolle: Er war nach Süden dem Haus Savoyen verpflichtet, nach Norden hin war er aber noch vor dessen Wahl zum König seit 1266 Rudolf von Habsburg verpflichtet. Historiker halten ihn sogar für eine der wichtigsten Stützen der Habsburger in der Westschweiz.
Nach Rudolfs Königswahl 1273 stieg Richard von Corbières zum Reichsvogt auf. In diese Zeit fällt im Jahr 1280 die Gewährung des Marktrechtes an Spiez. Im selben Jahr wurde Richard von Corbières auch Schultheiss von Freiburg. 1282 bis 1286 war er sogar als Reichsvogt in Lausanne und der Waadt tätig. – Spiez war also bis dahin spürbar in die heute Französisch sprechenden Gebiete der Waadt und des Kantons Freiburg eingebunden.
Spiez und die Wendung ins Bernische
Bald kam jedoch die Wende: 1289 wurden die Freiherren von Strättligen Mitinhaber der Burg neben anderem Adel (von Kyburg, von Eschenbach, von Kien); eine Konstruktion, welche die Aufmerksamkeit auf die Region Simmen- und Kandertal lenkte.
Im Zuge der Blutrache nach der Ermordung König Albrechts I. bei Windisch 1308 zogen die Habsburger das Reichslehen Spiez an sich, entliessen den bisherigen Lehensinhaber und belehnten Freiherr Johannes von Strättligen.
Man ahnt die spätere Geschichte voraus: 1338 verkauften die von Strättligen den Ort Spiez samt den Dörfern Einigen, Faulensee, Hondrich, Wiler sowie Gesigen an Johann II. von Bubenberg, den Schultheissen von Bern.
Die von Bubenberg unterstanden noch 1340 Habsburgs Lehenspflicht, bis Spiez nach der Niederlage der Habsburger bei Sempach 1386 mit der Landgrafschaft links der Aare 1388 unter bernische Landesherrschaft kam. Die Wende ins Bernische war somit vollzogen.
Historisches Umfeld und «grosse Reichsmessen»
Was Märkte und Messen angeht, so ist das historische Umfeld dieser Zeit eindeutig: In den Niederlanden und Belgien, in Köln und Frankfurt waren längst grosse Reichsmessen entstanden, von denen die bedeutendste, die Frankfurter Herbstmesse, bereits im Juli 1240 unter den ausdrücklichen Schutz des damals noch lebenden Kaisers gestellt worden war.
Und sie begann nicht nur jedes Jahr am Bartholomäustag, dem 24. August, sondern wurde auch mit einem Gottesdienst im Frankfurter BartholomäusDom direkt neben der uralten Kaiserpfalz eröffnet. Die Schlussworte dieses Gottesdienstes lauteten auf Lateinisch: «Ite, missa est.» Zu Deutsch etwa: «Geht nun, ihr seid gesandt.» Die «Messe» war eröffnet. Daher der Name «Messe» für solche grossen Märkte.
Die zwischen 1240 und dem Ende des 13. Jahrhunderts sich auch bei uns etablierenden Märkte in Bern, Thun, Spiez und seit 1279 auch in Unterseen, waren deren «kleine Geschwister». Und ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaftswelt die Politik zunehmend mitbestimmte. Sie tut das bekanntermassen noch heute.



