StartGeschichteGefangen im Schnee – ein Rückblick

Gefangen im Schnee – ein Rückblick

ADELBODEN Das Jahr hatte gerade erst begonnen, würde aber schon bald in die Geschichte eingehen: Der Lawinenwinter 1999 brachte Schneemassen, die die Schweiz an ihre Grenzen brachte. Das Dorf Adelboden war vom 18. bis 27. Februar völlig von der Aussenwelt abgeschnitten. Dies ist ein Rückblick aus der Sicht einer damals Siebenjährigen auf die Geschehnisse, als der Schnee das Dorf fest im Griff hatte.

Schnee gehörte für mich damals noch zum Winter – alle Kinder kamen mit dem Skigibel zur Schule, die Strassen wurden lange weiss belassen und höchstens «gesplittert», und auch die Umgebung zeigte kaum mehr Grün ab Dezember. So fiel mir als Knirps denn auch nicht sofort auf, dass es im Frühjahr 1999 besonders viel Schnee hatte – bis dann die Schneemauer vor meinem Fenster immer höher und höher wurde, sodass ich sie sogar von meinem Bett aus sehen konnte und wenn ich aus dem Fenster kletterte, stand ich direkt auf dem Schneehaufen. Das fand ich natür-

NACHRUF lich toll und habe mir sofort eine Schneerutschbahn gebaut und gedacht, das dürfe von nun an jedes Jahr so sein.

Die Erwachsenen fanden die weisse Pracht jedoch nicht ganz so toll wie ich, bedeutete sie doch erheblichen Mehraufwand in vielen Bereichen und auch Gefahr. Mein Vater musste sogar das Dach abschaufeln, weil sich die Türen im zweiten Stock wegen des Schneedrucks nicht mehr bewegen liessen, und es galt ein absolutes Verbot, abseits der Pisten im Pulverschnee Ski zu fahren. Plötzlich kam die Nachricht, dass mehrere Lawinen niedergegangen waren, und wir waren von der Aussenwelt abgeschnitten. Auf der Höhe Bettbach und Rohrbach standen zwei meterhohe Wände aus Schnee, Dreck und Pflanzenmaterial, die erst einmal geräumt werden wollten – aufgrund von Nebel, der die Sicht aber verunmöglichte konnten die Aufräumarbeiten erst durchgeführt werden, als dieser weg war und die Gefahr für die Räumequipe zweifelsfrei eingeschätzt werden konnte. Durch die Lawinensituation war auch die alte Strasse kein Thema mehr.

Helikopter als Highlight

Auf einmal war vieles anders: Im Coop hatte es plötzlich diverse leere Stellen in den Regalen (man denke an Corona, aber noch etwas krasser), und wenn man Salat haben wollte, musste man ganz früh ausrücken, sonst war die neue Lieferung schon weg. Für mich als Kind waren aber ganz klar die Helikopter der Die Rohrbachlawine aus der Luft gesehen.

SCREENSHOT/«IM BANNE DES ADLERS»

Luftbrücke das Highlight: Die Touristen, welche ohne Autos angereist waren, wurden vom Vorplatz der Turnhalle und der Norromatte ausgeflogen. Das provisorische Flugterminal befand sich dabei in der Turnhalle. Es war besonders spannend zu beobachten, wie sich die Leute mit ihren schweren Koffern in die kleinen Kabinen quetschten, und diese akkordmässig starteten und landeten. Auch die Post wurde, mangels Alternativen, mit dem Helikopter angeliefert: So standen die Postboten jeden Morgen mit ihren Fahrzeugen bereit, um die angeflogenen Briefe und Pakete in Empfang zu nehmen. Heute würde das Netz, welches damals für einen Flug ausgereicht hatte, mit den vielen Päckli, die heute verschickt werden, wohl nicht mehr genügen – Zeiten ändern sich.

Die Touristen, welche mit dem Auto da waren, und wir Einheimischen mussten einfach ausharren und warten, schöne Reisen in Europa machen. Viele wertvolle Stunden verbrachte Heidi zusammen mit ihrer Familie und ihren beiden Grosskindern im urchigen Ferienhaus nahe Brienz. Als Gottfried im Jahr 2017 starb, merkte auch Heidi, dass ihr Körper gebrechlicher wurde. Im Winter 2025 zog Heidi nach zwei Spitalaufenthalten in die Oertlimatt bei Krattigen. Geistig durfte sie zum Glück bis zuletzt bis die Strasse wieder geräumt war und geöffnet werden konnte. Für mich war das relativ eine kurze Zeit, die eingeschlossenen Feriengäste sahen das wahrscheinlich anders – wobei, will man sich wirklich über Zwangsferien beklagen? Besonders in Erinnerung geblieben ist mir dann auch, als mein Vater mich im Frühling zum Betrachten der Überreste des Lawinenkegels mitgenommen hatte: So viel Schnee und Dreck, der hart wie Stein war. Kein Wunder, dass das Räumen seine Zeit gedauert hatte!

Der Lawinenwinter blieb mir auf jeden Fall bis heute lebhaft im Gedächtnis – und heimlich wünscht man sich manchmal vielleicht, dass es wieder mal so viel Schnee gibt wie damals, auch wenn man es als Erwachsene wohl nicht mehr ganz so lustig finden würde. Bis aufs Helikopter-Beobachten, dessen wird man wohl nie müde.

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