Seit Anfang August ist bekannt, dass der Swisscom-Konzern einen neuen Standort in Lissabon plant. Dieser sei eine Ergänzung der bisherigen Standorte Riga und Rotterdam, berichteten Fachmedien. Der neue Standort soll «ausgewählte Technologie- und Unternehmensdienstleistungen erbringen in den Bereichen IT, Softwareentwicklung und Finanzen». Warum wird nicht im Oberland ausgebaut?
Der Entscheid des Schweizer Telekommanbieters ist umstritten. Kritik am dritten Auslandsinvestment der Swisscom kommt einerseits von der Gewerkschaft Syndicom, aber auch von der SVP, der das Auslandsinvestment des Konzern schon länger ein Dorn im Auge ist. Besonders stösst man sich an beiden Enden des politischen Spektrums an dem Umstand, dass Swisscom sehr gute Geschäftszahlen präsentiert und den Personalbestand in der Schweiz laufend weiter reduziert. Die Tessiner SVP moniert zudem, dass man damit die Eigenkraft der Schweiz zugunsten des Auslands schwäche. Dass es einen kontinuierlichen Arbeitsplatzabbau gibt, bestätigte in der letzten Woche der Swisscom-CEO Christoph Aeschlimann an einem Unternehmer-Treffen.
Zu wenig Schweizer Fachleute?
«Während hochwertige Funktionen in den Bereichen IT, Softwareentwicklung und Finanzen im Ausland aufgebaut werden, werden in der Schweiz Stellen abgebaut. Swisscom stellt damit die Gewinnmaximierung über das öffentliche Interesse und gefährdet die Akzeptanz des service public», schreibt Syndicom prägnant in einer Stellungnahme. Und die SVP hatte – noch ohne Kenntnis der Portugal-Pläne – bereits Ende vergangenen Jahres dazu eine Motion im Ständerat eingereicht, in der sie auch in Bezug auf Aktivitäten der Post kein Blatt vor den Mund nimmt: «Dabei handelt es sich nicht um eine simple Expansion, sondern um eine Nettoverlagerung von Kompetenzen, weil es angeblich Hindernisse bei der Rekrutierung von Fachleuten in der Schweiz gebe. Gleichzeitig soll das 2022 von der Posteröffnete IT-Zentrum in Lissabon auf 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgestockt werden, wodurch die Abhängigkeit von externer Infrastruktur und Expertise in hochsensiblen Bereichen weiter ausgebaut wird.»
Im vergangenen September hat Konzern-CEO Aeschlimann bereits angekündigt, die Anzahl der Beschäftigten in Riga und Rotterdam auszubauen. In Lissabon will Swisscom laut Mitteilung im Jahr 2027 mit 40 Mitarbeitenden starten. Mittelfristig soll diese Zahl auf rund 200 Angestellte wachsen. Kommt hinzu, dass die Swisscom bereits seit einiger Zeit in Italien ein führender Player ist und mehrere Tausend Personen beschäftigt. Provokativ gefragt: Wie schweizerisch ist die Swisscom noch?
Die Entwicklung der Frage
Bereits im November und Dezember 2025 hatte die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Ständerates mit dem Thema befasst. Damals hatte Marco Chiesa (SVP) die bereits erwähnte Motion eingereicht, mit dem Ziel, den Betrieben mit einer Mehrheitsbeteiligung des Bundes die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland gesetzlich zu verbieten.
Fast überraschend wurde vom damaligen Kommissionspräsidenten, Markus Zopfi (Grüne), ein Ordnungsantrag mit der Bitte um Prüfung der Sachverhalte gestellt, da er – so wörtlich – im Grundsatz die Berechtigung der Motion Chiesa in dieser Sache verstehe. Zuvor hatte der Bundesrat eben diese Motion aber noch im November 2025 mit dem Hinweis abgelehnt, solche Verlagerungen seien zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit von Bundesbetrieben im Zweifel betriebsnotwendig.
Analysiert man die Argumente des Bundesrates jedoch, so könnte man dessen Argumentation so auslegen, dass sie eher zugunsten der betroffenen Unternehmen wie Post oder Swisscom laufe und weniger die weitere Qualifikation des Standortes Schweiz als Ganzes im Auge habe. Genau dies ist auch die Diskussion in der zuständigen Kommission des Ständerats.
Der Bundesrat hatte dazu im November 2025 veröffentlicht, dass «auch die Swisscom, wie andere Unternehmen der Branche, … aktuell rund 600 Mitarbeitende in Riga und Rotterdam beschäftigt». Hinzu kommen die erwähnten Arbeitsplätze in Portugal.
Neu wird auch immer klarer, dass gerade die neuen Stellen in Portugal sich auch mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz beschäftigen, dies auch, weil schon heute weite Teile der Swisscom von KI gesteuert werden. Und KI ist eben nicht nur eine unternehmenskritische, sondern ohne Zweifel auch eine für die Schweiz strategisch-politisch bedeutsame Zukunftstechnologie.
Kernfrage: Tun wir genug für die Schweizer KI-Kompetenz?
Würden die gerade für die KI-Entwicklung nun ins Ausland verlagerten Arbeitsplätze nicht auch der Heranbildung einer KI-Elite im eigenen Land förderlich sein? Und tun wir daher genug für die KI-Kompetenz in der Schweiz? An den grossen Universitäts-Standorten wie Zürich (ETH) oder Lausanne (EPFL) ist dies sicher der Fall. Und so ist es politisch umso erstaunlicher, dass die Motion Chiesa besonders angesichts der Swisscom-Pläne für Portugal über längere Zeit nicht nochmals verschärft und fast ein wenig zögerlich behandelt wurde.
Bislang – soweit dies erkennbar ist – ruhte die Motion nämlich monatelang, nachdem sie am 9. Dezember 2025 an die zuständige Kommission des Ständerates verwiesen wurde. Erst jetzt aber, am 14. August 2026, teilte die Kommission mit, sie habe wegen dieser Sache «mit einer Anhörung der Swisscom begonnen. Sie wird das Geschäft an ihrer nächsten Sitzung weiterbehandeln.» Das Ergebnis dieser Anhörung darf gespannt erwartet werden.
Was sagt der Swisscom-Chef?
Der CEO der Swisscom, Christoph Aeschlimann, nimmt Stellung. Denn die Kernfrage lautete: Warum nicht KI-Entwicklung in der Schweiz? Und warum eigentlich nicht im Oberland, warum nicht in Frutigen oder in Thun? Fehlen hier die fähigen Kräfte oder will man deren Ausbildung in den Beruf und Einbindung in die Swisscom bewusst ins Ausland verlegen?
An einem Unternehmer-Anlass im luzernischen Reitnau hielt Aeschlimann eine Rede zur strategischen Positionierung der Swisscom im Hinblick auf die Jahre bis 2030. Er versuchte dabei, die Swisscom neben die KI-Bemühungen der grossen Player, und darunter darf man nicht nur Microsoft oder Google verstehen, sondern auch alle KI- und Plattform-Anbieter, zu stellen und betonte insbesondere, dass er versuche einen eigenständigen Schweizer Weg in allen IT-Fragen zu gehen. Dies betreffe sowohl Cybersecurity und eine eigene schweizerische Datensicherheit samt weitreichenden Cloud-Angeboten für KMU und Private als auch Netz-Kapazität und Mitarbeiterkompetenz. In allem müsse man typisch Schweizer Verlässlichkeit als unverwechselbares Markenzeichen umsetzen. Doch macht gerade vor diesem Hintergrund die Verlagerung von Spitzen-Arbeitsplätzen ins Ausland für Fachleute nur bedingt Sinn.
Frutigländer: Christoph Aeschlimann, wieso findet das geplante Investment in Portugal und nicht in der Schweiz statt – insbesondere nicht im Berner Oberland? Christoph Aeschlimann: Swisscom beschäftigt in der Schweiz rund 15 000 Mitarbeitende und investiert jedes Jahr rund 1,6 bis 1,7 Milliarden Franken in die Netz- und IT-Infrastruktur in unserem Land. Unsere Mitarbeitenden in der Schweiz sind und bleiben das Herzstück von Swisscom, der geplante Standort in Lissabon mit zunächst rund 40 Mitarbeitenden wird daran nichts ändern. Schweizer Standorte wie Frutigen verfügen nicht über die nötige Anzahl an qualifizierten Fachkräften im Bereich Software oder KI und zu wettbewerbsfähigen Kosten. Deshalb wollen wir unsere starke Schweizer Präsenz mit dem internationalen Standort Lissabon ergänzen.
Wieso begibt sich Swisscom in ein EU-Umfeld mit teilweise anderen Regeln? Portugal gehört wie die Schweiz zu Europa und verfügt über ein stabiles, verlässliches regulatorisches Umfeld. Es gelten die gleichen Werte, Standards und Ansprüche an die Qualität. Für einen Technologie-Standort ist Rechtssicherheit ein wichtiger Faktor. Genau deshalb haben wir uns für einen EU-Standort entschieden. Zudem bleiben unsere Daten wie bisher in der Schweiz gespeichert.
Können aus diesen Auslandsinvestments Schweizer Produkte und Dienstleistungen entstehen? Ja, der Zweck des Standorts besteht gerade darin, Innovationen und technologische Kompetenzen schneller aufzubauen und diese in Produkte, Dienstleistungen und Netzprozesse von Swisscom einzubringen. Die Verantwortung für unsere Angebote gegenüber unseren Kundinnen und Kunden bleibt gleichzeitig bei Swisscom.
Ist das mit dem Anspruch eines bundesnahen Unternehmens vereinbar? Ja. Swisscom steht im Wettbewerb mit internationalen Technologie- und Telekomunternehmen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir Zugang zu den besten Talenten haben, Innovation effizient vorantreiben und gleichzeitig die Kosten im Griff behalten. Dazu dienen auch internationale Standorte. Bundesnah bedeutet für mich, dass wir eine starke digitale Infrastruktur für die Schweiz bereitstellen, Verantwortung für unsere Kundinnen und Kunden übernehmen und substanziell in den Standort Schweiz investieren. Genau das tun wir weiterhin.



