Rund 90 000 KMU in der Schweiz stehen nach Schätzungen von Brancheninsidern kurz vor einem Generationenwechsel. Und mit ihnen Hunderttausende Mitarbeitende, für die ein solcher Schritt oftmals mit Hoffnung, aber auch mit Unsicherheit verbunden ist.
Viele kleinere und mittlere Unternehmen werden jedes Jahr in der Schweiz von einer Generation an die nächste übergeben. Auch im Oberland findet das häufig statt, oft bleiben die Einzelheiten mehr oder weniger im Verborgenen, andere gehen offensiv damit um. Ein Beispiel: Der vor einigen Jahren nicht zu übersehende Übergang des familiengeführten ehemaligen Hotels Kreuz in Adelboden zum jetzigen Aparthotel war allein schon wegen der enormen Öffentlichkeit eine Ausnahme. Es lag aber auch an Hotelier und – wie er sich heute selbst bezeichnet – Multi-Unternehmer Chris Rosser, der das Projekt bis heute verantwortet. Viele Millionen waren für sein Vorhaben erforderlich. Vor allem aber innovative Konzepte, die Rosser auch mit dem Cordon-bleu-Restaurant umsetzte, und eine schon vor Beginn des Projektes erfahrene Unternehmerpersönlichkeit.
Chris Rosser kommuniziert den Werdegang seiner Projekte bis heute erfrischend offen: Der fünfte Jahresabschluss des Apart Hotels Adelboden weise ein sehr gutes Betriebsergebnis aus, veröffentlichte er vor wenigen Wochen auf der Plattform LinkedIn – samt einem Foto von ihm und seinen Eltern. Aber er schreibt auch: «Nach wie vor ist die Bilanz ungesund, der Neubau war einfach zu teuer. Wir müssen uns die nächsten fünf Jahre weiterhin stark auf die Rückzahlung der Hypothek fokussieren … Wir sind stolz, als Familie bewiesen zu haben, dass Nachfolgeregelungen auch heute möglich und sinnvoll sind.» Darum geht es: um das erfolgreiche Zusammenwirken von Familien und Fachpersonen.
Die Beteiligten
Das Wichtigste, was zu solch einer Nachfolgeregelung nötig ist, scheint die richtige Zusammensetzung der Beteiligten zu sein. Dies sieht auch Thomas Zimmermann von der Berner Kantonalbank in Bern so. Er ist bei der Kantonalbank für die Koordination und Durchführung von Nachfolgeregelungen verantwortlich und war selbst jahrzehntelang Unter-
Management, Geschäftsmodell, Eigenkapital, aber auch, was ein fairer Preis für die Übernahme eines Unternehmens sein kann, sind die wichtigsten Fragen bei einer Nachfolgeregelung. GRAFIK: ZVG / BEKB nehmer, bevor er bei der BEKB in dieser Sonderfunktion einstieg. Für ihn ist ein koordiniertes und gut organisiertes Vorgehen das Allerwichtigste. Schon im Erstgespräch klärt er Fragen nach dem Management, dem Geschäftsmodell, dem Eigenkapital, aber auch, was denn ein fairer Preis für die Übernahme eines Unternehmens sein könnte.
Kaum ein gesunder Nachfolgeprozess ist jedoch unter eineinhalb Jahren Vorbereitungszeit möglich, besser seien je nach Fall rund fünf Jahre, sagt Zimmermann. Dazu seien gute Berater von grundlegender Bedeutung, die den Prozess nicht etwa manipulierten, sondern oft vor allem koordinierten. Und natürlich eine Teambildung, die Familie, Firma und die zukünftigen Unternehmer auf Augenhöhe an einen Tisch bringen würde.
Es geht also im Nachfolgeprozess beileibe nicht nur darum, Fachleute wie etwa Treuhänder oder Banker selbst ins Boot zu nehmen. Es geht zuerst um die direkten Beteiligten, dann um geeignete Berater. Passende Berater in Nachfolgefragen sind dabei eher Generalisten, vor allem aber Moderatoren und Mitgestalter eines solchen Prozesses.
Wer bietet was an?
Dass Banken eine solche Dienstleistung anbieten, ist in der Schweiz eher selten. Neben der BEKB ist es die Schwyzer Kantonalbank, die auf Plakaten für diese Rolle und ihre Dienstleistung wirbt. Sie legt Wert darauf, dass eine umfassende Vorbereitung und genügend Vorlaufzeit zur Verfügung stehen. Dabei gehen die Schwyzer sogar von fünf bis zehn Jahren Übergangszeit aus.
Bei der BEKB sind dabei charakteristischerweise oft die Firmenkundenberater in den Filialen die ersten Ansprechpartner des Nachfolgeprozesses. Daneben gibt es im Kanton einige spezialisierte Berater, wie zum Beispiel das Berner «KMU-Nachfolgezentrum», das ebenfalls in der Zentralschweiz aktiv ist. Auch die Vitaperspektiv AG in Heimberg bietet im Rahmen ihrer Coaching-Tätigkeit eine über 20-jährige Erfahrung und breite Einbindung in oberländische Beratungsstrukturen an. Einer der Schwerpunkte sind dabei Nachfolgeregelungen. Eine besondere Rolle spielt die be-advanced AG in Bern, die den Nachfolgeprozess oft von der Gründungsseite her angeht: Sie betreut in der Regel also die junge Generation, die potenziellen Nachfolger. Das sind oft Start-ups, und man ist bei «be-advanced» immer auf der Suche nach nachfolgenden Unternehmer-/innen-Generationen.
Wie läuft die Beratung ab?
Für Nachfolgeregelungen gibt es keinen Standardprozess. Es bietet sich jedoch an, gewissen Grundstrukturen zu folgen. Dazu gehört ein Beispielablauf, der sich nach ausführlichen Erstgesprächen wie folgt lesen kann: • Analyse und Planung unter Einbeziehung von Familie, Mitarbeitenden und einer soliden Finanzplanung, • Vorbereitung, in der die Nachfolgefähigkeit der Beteiligten geplant wird, aber auch die Finanzierung von Grundbedürfnissen wie der Altersvorsorge, • Entscheidung und Abschluss; hierzu gehört auch die sorgfältige Prüfung aller Wertbestandteile und deren wirtschaftlichen Potenzials (sogenannte «Due Diligence»), • Coaching für die neuen Rollen, sowohl der bisherigen als auch der kommenden Unternehmer-/innenGeneration.
Auch Garage bleibt in der Familie
Der eingangs erwähnte Adelbodener Chris Rosser ist heute schweizweit als Vielfach-Unternehmer, Redner und Coach unterwegs. Es gibt daneben weitere Beispiele aus der Region für eine gelungene Betriebsübergabe. Es war am 1. Juli 2025, als die Künzi Allround-Garage in Adelboden veröffentlichte, die frühere Eigentümerfamilie habe den Betrieb an den Schwiegersohn und die Kinder übergeben. Wie der heutige Geschäftsführer Reto Steiner berichtete, hat als Berater dabei das schon erwähnte KMU-Nachfolgezentrum in Bern fungiert.
Viele KMU stehen gerade jetzt an der Schwelle zur Nachfolge. Wenn Unternehmensnachfolgen gelingen sollen, braucht es weit mehr als nur Gespür und Geschäftssinn. Es braucht vor allem einen koordinierten Kommunikationsprozess und eine Menge Wahrhaftigkeit und Goodwill; Vor allem aber braucht es Zeit und gute Beratung. Die hier angefragten Berater und Vorgehensweisen sind Beispiele, die alle eine lange Geschichte und reichlich Erfolg aufweisen können. Auch andere Beteiligte und Methoden können zum Erfolg führen. Das Wichtigste für den Erfolg einer Generationenübergabe ist, dass man sie proaktiv und kommunikativ durchführt. Abwarten bringt in der Regel keinen Erfolg.



