Es ist wieder so weit: In knapp einem Monat wird abgestimmt. Erste Umfragen liegen vor. Aber ob das Resultat nach dem Urnengang damit übereinstimmen wird? Man könnte also einfach warten und schauen, wie sich die Schweizerinnen und Schweizer entscheiden. Aber warten? Einfach so? Ohne Zahlen? Undenkbar, wir nicht, wir wollen Daten. Und diese nicht nur vor Abstimmungen.
Die Schweiz misst und untersucht, was sich messen und untersuchen lässt. Kaum ist eine Studie veröffentlicht, steht die nächste schon im Türrahmen – selbstverständlich mit Powerpoint-Präsentation und socialmediagerecht auf drei Sätze komprimiert. Mediennutzung, Jugendstress, Sportgewohnheiten, Haustierverhalten oder die Kosten eines künftigen AKW: 14 Milliarden? 43 Milliarden? Irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen. Dass viel geforscht wird, ist vernünftig. Eigenartig ist, wie begierig wir jede neue Zahl behandeln, als hätte sie gerade das innerste Wesen der Schweiz freigelegt. Andere Länder streiten zuerst und zählen nachher. Wir zählen zuerst – und streiten anschliessend über die Zahlen. Vielleicht ist das etwas Urschweizerisches. Als liesse sich jede politische Unsicherheit der Schweizer, jede gesellschaftliche Unruhe der Stadtberner und jede kulturelle Eigenart der Oberländer in eine PDF-Datei mit einem Fazit-Kasten überführen.
Dabei wirken wir mit jeder neuen Studie nicht unbedingt sicherer, sondern oft nur nervöser. Sind wir noch fleissig? Noch vernünftig? Schon digital? Bereits überfordert? Noch fit? Oder bloss gut vermessen? Sind wir überhaupt noch wir selbst? Wir stimmen deshalb nicht nur ab. Wir begutachten davor, währenddessen und danach. Das erzählt auch etwas über uns. Vielleicht nicht nur, dass wir gründlich sind, sondern auch, dass wir dem eigenen Gefühl nicht mehr ganz trauen. Erst wenn es schwarz auf weiss oder als farbiges Balkendiagramm vorliegt (vielleicht auch nur von KI generiert), glauben wir, was wir eigentlich längst geahnt haben: Die Schweiz traut ihrem eigenen Selbstbild erst, wenn eine Studie es bestätigt.
H.SCHNEIDER@FRUTIGLAENDER.CH



