StartGeschichteFrutigtuch – es wird weiter getüftelt

Frutigtuch – es wird weiter getüftelt

Dem Aufruf, für die Reproduktion des Frutigtuches Schafwolle zu spinnen, sind im vergangenen Mai insgesamt zirka 15 Personen gefolgt. Das Interesse der Bevölkerung war spürbar gross. An drei Spinnnachmittagen ratterten schliesslich im Schulhaus Rinderwald die Spinnräder. Aktuell wird die Wolle zu Probestücken verwoben, und es gibt noch einiges auszutüfteln.

Über die Kantonsgrenze hinaus haben sich Interessierte gemeldet und beim Startschuss des Projektes mitgewirkt. In allen Altersgruppen wurde zusammen gesponnen. Ob Anfänger oder Fortgeschrittene – jede und jeder konnte seinen Teil zur Reproduktion des Frutigtuches beitragen. Das gemeinsame Ausüben des Handwerks mutete einerseits nostalgisch an, wirkte in der heutigen Zeit aber auch entschleunigend, beruhigend und friedlich.

Da die Wolle des Walliser Schwarznasenschafs derjenigen des ausgestorbenen Frutigschafs wahrscheinlich ähnlich ist, wurde diese verarbeitet: Das Kettgarn für den Zettel (Längsfäden) wurde aus den langen Deckhaaren, das Schussgarn aus den Haaren der Unterwolle gesponnen.

Tuch für zwei Trachtenjupes

Jakob Pieren, der Initiant des Projektes und ehrenamtlicher Mitarbeiter für Forschungsprojekte in der Schule Rinderwald, hat zusammen mit den Oberschülern die Wollqualität genau unter die Lupe genommen und spannende Berechnungen angestellt: Im Rahmen der Spinnnachmittage wurden 1700 Gramm Garne hergestellt. Bei einem mittleren Stoffgewicht von 350 g / m2 könnten knapp zwei Trachtenjupes daraus hergestellt werden. Es versteht sich, dass für die 120 geleisteten Arbeitsstunden im Schulhaus und zu Hause kein Lohn ausbezahlt werden konnte. Fürs Waschen, Sortieren, Kämmen und Karden wurde gemäss einer geschilderten Spinnaktion aus den Jahren 1848 /50 in Adelboden mit 5 Prozent gerechnet, fürs Spinnen mit 30 Prozent, fürs Weben mit 10 Prozent; die restlichen Auslagen waren fürs Färben, Walken, die Transporte und die Rohwolle bestimmt.

Abstehende Härchen haken

Über die Sommerferien wurde der Webstuhl der Mosaik-Schulen der Inneren Gebiete, der für textile Projekte rege im Einsatz ist, eingerichtet. Dabei konnte auf das Wissen, die Erfahrung und die Mithilfe von Ursi Zurbrügg und ihrer Tochter Kathrin gezählt werden. Zu-

Vor dem Einlegen ins Wasser wurde die Wolle gewogen und deklariert. Mit vereinten Kräften wird der Zettel fürs Weben vorbereitet. Erster Webversuch.

sammen mit Jakob Pieren und seiner Tochter Maria wurde der Zettel für die Köperbindung (die eine jeansähnliche Struktur erzeugt) vorbereitet. Nach zwei Nachmittagen konnten erste Webversuche unternommen werden. Das Schiffchen war wegen der Härchen schwer zu bewegen. Zu ihrer grossen Freude konnte jedoch das Muster erkannt werden. Wie in alten Büchern beschrieben, versuchten die Pierens mit einem eigens gebauten Gerät das «Besengen» (das Verbrennen feiner, abstehender Härchen). Dies half, brachte jedoch noch nicht die erwünschte deutliche Verbesserung. Also testete man noch das «Schlichten»: Eine Mehlpampe sollte die Arbeit geschmeidiger machen. Auch da zeigte sich nochmals eine Verbesserung.

Weiter «pröble»

Geduldig «pröbelt» Jakob Pieren weiter: Die Kettdichte verringern und dünner gesponnene Wolle einsetzen – das sind die nächsten Schritte. Während der Webstuhl nach den Herbstferien wieder für die Schule im Einsatz ist, wird er sich in Gümligen einmieten und auf einem Industriewebstuhl weiter tüfteln, um noch näher an das originale Frutigtuch aus dem 18. und 19. Jahrhundert heranzukommen. Seine Tochter Maria plant, im Rahmen ihrer Ausbildung zur Primarlehrerin an der PH Bern ihre Abschlussarbeit dem Frutigtuch zu widmen und dabei einen ausserschulischen Lernort in einer Institution zu untersuchen.

Sobald die Reproduktionsversuche abgeschlossen sind, wird zusammen mit der Kulturgutstiftung Frutigland über die weitere Produktion des «neuen, alten» Frutigtuches nachgedacht.

Erstes Spinntreffen im Engstligtal

Maria Pieren-Wyss aus Adelboden war eine der Spinnerinnen. Das Filzen und Spinnen sind ihr täglich Brot. Von ihrem Wissen und ihrer langen beruflichen Erfahrung konnten die Teilnehmenden im Rinderwald profitieren. Pieren-Wyss reist an Spinntreffen in der ganzen Schweiz und lädt nun, aufgrund des grossen Interesses, in der Achseten Kirche selber zu einem Treffen ein. Sie freut sich auf alle, die das Handwerk des Spinnens lernen, wieder auffrischen oder in der Gruppe praktizieren wollen. Nach alter Tradition soll man sich mit Gleichgesinnten zum Spinnen von Naturfasern oder einfach zum Handarbeiten treffen.

Info: 1. Spinntreffen im Saal der Achseten Kirche am Mittwoch, 9. September, von 14 bis 21 Uhr (ein Kommen und Gehen). Anmeldung bis Sonntag, 6. September unter 079 646 65 04 oder info@marias-art.ch. Kosten: 5 Franken (als Spende an die Kirchgemeinde).

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