StartNewsNaturDie Gewitternacht, in der der Tschingelsee entstand

Die Gewitternacht, in der der Tschingelsee entstand

In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1972 ging ein heftiges Gewitter mit Hagel nieder. Der Gornerenbach wurde durch einen grossen Murgang blockiert. So entstand der Tschingelsee im hinteren Teil des Kientals. Peter Fridelance, damals Rettungschef bei der Feuerwehr Reichenbach, und die Autorin erinnern sich an jene spannungsgeladenen Stunden.

Die fünfköpfige Familie Fridelance sass an jenem Abend beim Abendessen im Lehrerhaus in Kien, als ein heftiges Gewitter niederging. Das schwarze Wandtelefon hing im Korridor. Plötzlich schrillte es langanhaltend und ununterbrochen – Feueralarm. Über das Telefon kam die Information, dass Peter Fridelance als Rettungschef unverzüglich ausrücken müsse. Im Kiental war an den Hängen des Ärmighorns ein Murgang niedergegangen. Der entstandene Damm war sechs Meter hoch und staute den Gornerenbach.

Schwarze Feuerwehruniform und roter Opel Kadett

Damals hatte jede Bäuert der Gemeinde Reichenbach einen eigenen Löschzug. Es gab die Löschzüge Kien, Reudlen, Reichenbach, Faltschen, Scharnachtal und Kiental. In Kien war das Feuerwehrmagazin des Löschzugs an das Lehrerhaus angebaut, in dem Rettungschef und Oberstufenlehrer Fridelance wohnte. Es enthielt eine Leiter, eine Motorspritze und Schläuche. Feuerwehruniform, eine Art graublaues Übergewand, und Helm hatte jeder Feuerwehrmann bei sich zu Hause. Feuerwehrkommandant und Offiziere waren für die ganze Gemeinde zuständig.

Nach der Alarmierung stürzte sich Rettungschef Fridelance in seine Offiziersuniform aus schwarzem Wollstoff und fuhr mit seinem privaten roten Opel Kadett Richtung Kiental: Mit der Alarmierung gab es die Information, dass die Bewohner bei einem allfälligen Dammbruch im Kiental das Dorf Kien innerhalb weniger Minuten verlassen müssten. Es wurde befürchtet, dass eine Flutwelle mit viel Geschiebe und Holz das Dorf überschwemmen könnte, so wie es später beim verheerenden Hochwasser im August 2005 geschah.

Bange Stunden und trotzdem ab ins Bett

Mit gemischten Gefühlen, jedoch klar seinen Pflichten folgend, verliess der 34-jährige Familienvater das Haus. Er vertraute darauf, dass seine Frau im Katastrophenfall das Richtige tun würde. Die Familie beendete das Abendessen und wusch das Geschirr ab. Blitze und Donnergrollen verabschiedeten sich, der Starkregen blieb. Nun hiess es für die Kinder: ab ins Bett. Die Tochter war damals zehn Jahre alt, die Geschwister sieben und vier. «Die Mutter befahl uns, die Kleider so bereitzulegen, dass wir sie schnell anziehen könnten. Sie selbst packte einen Rucksack mit den wichtigsten Papieren. Mein Bauch grummelte. Ich versuchte, wach zu bleiben. Doch trotz Aufregung und Angst schlief ich schliesslich ein.»

Nichts zu retten

Im Kiental gab es nichts zu retten. Der Rettungschef durfte deshalb bald nach Hause. Die Feuerwehr überwachte den Damm die ganze Nacht. Der Stausee erreichte eine Breite von 300 Metern und eine Länge von 800 Metern mit einer geschätzten Tiefe von sechs bis zwölf Metern. Ein Ferienhaus, ein grosser Landwirtschaftsbetrieb des Burgerspitals Bern, der letzte Käsespeicher im Tschingel und mehrere Autos standen unter Wasser.

«Südle» und Schlittschuhlaufen

Kurz darauf fuhr die Familie an den neu entstandenen Tschingelsee. Die Bilder von Gebäuden, Autos und Bäumen, die im See standen, von der Strasse, die sich im See verlor, sind immer noch präsent. Später verbrachten die Kinder eine schöne Zeit beim Baden und «Südle» im See und als dieser ein paar Jahre später zufror, konnte man dort auf dem Eis Schlittschuh laufen und die Eltern überquerten den See auf Langlaufskiern. «Was mit einer Kata strophennacht begann, endete in meinen Kindheitserinnerungen mit schönen Momenten in der Natur.»

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