Am fünften Landschaftskongress in Davos wurden Anfang September neue Forschungsergebnisse zur alpinen Raumplanung vorgestellt. Denn: Bondo, Brienz, Blatten – und vielleicht bald Kandersteg. Diese Namen stehen für dieselbe Erfahrung. Der Boden, neben dem wir bauen, ist nicht mehr so stabil, wie wir dachten. Der Kongress beleuchtete, wie stark der Klimawandel unsere Bergregionen bereits verändert hat und wie wir uns darauf einstellen können.
Die Nullgradgrenze steigt, der Permafrost taut, Extremwetter nimmt zu. Das hat spürbare Folgen: Sogar SAC-Hütten müssen wegen des schwindenden Permafrosts versetzt werden. Am anderen Ende der Kette stehen Talbewohnerinnen und Talbewohner, die durch wachsende Bergsturzgefahr ihr Zuhause verlieren – oder es nicht mehr versichern können.
Probleme im Frutigland
Neben Steinschlag, Bergsturz und Hochwasser trifft die Bergregionen ein weiteres Problem: Wasserknappheit. Ausgerechnet im vermeintlichen Wasserschloss Schweiz wird das Wasser in Hitzesommern knapp. Seit 2015 gab es bereits vier solche Sommer, die den Alpen und ihrer Bevölkerung zugesetzt haben. Ein Grund dafür: Karst- und Kluftgestein speichert Wasser wie ein natürlicher Schwamm – doch dieser Schwamm wird langsam trockener und gibt weniger Wasser an unsere Bäche und Quellen ab. Ein weiterer Grund liegt im Schnee selbst: Fällt im Winter weniger Schnee oder schmilzt er früher, fehlt im Sommer das Schmelzwasser, das sonst Bäche und Grundwasser speist – mit Folgen bis ins Flachland und in die Talböden. Um mit dieser Entwicklung umzugehen, braucht es neue Lösungen.
Eine neue Technologie könnte helfen
Bei Lawinen ist der Schweiz die Anpassung bereits gut gelungen: Dank Gefahrenkarten und Lawinenschutzbauten liess sich die Zahl der Lawinentoten im bewohnten Gebiet massiv senken.
Schwieriger ist es bei Murgängen und Gletscherstürzen. Ihre Kräfte sind so gross, dass sie sich kaum eindämmen lassen – anders als Lawinen können sie auch nicht gezielt kontrolliert ausgelöst werden. Es bleibt oft nur überwachen, alarmieren, gefährdete Gebiete meiden. Hier hilft neue Technologie: Eine an der ETH Zürich entwickelte Software simuliert, wie sich Gesteins- und Schlammströme bei einem Murgang verhalten. Damit lassen sich Gefahrenzonen künftig genauer eingrenzen und besser vorhersagen, wie hoch ein Murgang oder eine Flutwelle nach einem Gletschersturz ausfallen könnte.
Was der Mutthornhütte widerfahren ist, dürfte bald rund 40 Prozent aller SACHütten treffen: Instabiler Untergrund oder Sturzgefahr bedrohen ihren Standort. Daneben gibt es indirekte Gefahren, die vor allem den Betrieb einer Hütte gefährden. So hat eine Massenbewegung beim Spitze Stei den einfachen Zugang zur Fründenhütte verunmöglicht – erreichbar ist sie nur noch über einen anspruchsvollen Aufstieg. Wie SAC-Sektionen mit solchen Veränderungen umgehen können, hat der SAC im Studienpaket Hütten 2050 untersucht. Drei Szenarien zeichnen sich ab: Aufgabe, Verkleinerung oder Verlegung der Hütte. Auch beliebte Bergtouren von früher sind heute teils nicht mehr begehbar – ein weiteres Zeichen, wie sehr sich unsere Berge in wenigen Jahrzehnten verändert haben. Doch nicht nur zu viel Wasser auf einmal ist ein Problem – zunehmend fehlt es auch ganz.
Mögliche Lösungen in den Alpen
Diesen Sommer gab es auf einigen Alpen akute Wasserknappheit – in manchen Regionen waren sogar Helikopterflüge nötig, um die Wasserversorgung sicherzustellen. Ein interessanter Gedanke dazu: die bestehenden Speicherseen von Skigebieten mitzunutzen.
Ein Beispiel liefert die Beschneiungsanlage in Davos Rinerhorn. Ist ihr Speichersee voll und steht trotzdem noch Wasser aus den umliegenden Bächen zur Verfügung, kann dieses zur Stromproduktion genutzt werden: In günstigen Stromzeiten wird das Bachwasser in den Speichersee gepumpt, am Abend – wenn die Nachfrage bis Mitternacht am grössten ist – fliesst es durch eine Turbine zurück ins Stromnetz. So lassen sich in Davos rund 1,2 GWh Strom pro Jahr erzeugen.
Zum Vergleich: Das geplante Speicherkraftwerk Trift kommt auf eine Produktionskapazität von rund 145 GWh. Die Davoser Anlage ist also verhältnismässig klein. Ihr Vorteil liegt woanders: Die Infrastruktur steht bereits, und sie wird ohnehin nur zeitweise für die Beschneiung gebraucht. Die zusätzliche Nutzung könnte trotzdem einen wertvollen Beitrag zur Produktion von erneuerbarer Energie leisten und nebenbei Arbeitsplätze in der Region sichern.
Für unseren Stromverbrauch und die nationale Trinkwasserversorgung werden wohl auch künftig grössere Speicher in den Alpen nötig sein, wie das TriftProjekt zeigt. Solche Grossprojekte können aber nicht jede Aufgabe übernehmen. Kleine Speicherprojekte könnten hier die regionale Wasserknappheit überbrücken: Speicherseen von Skigebieten oder neue, etwa von Genossenschaften gebaute Seen könnten die Trinkwasserversorgung von Alpen und Bergregionen zusätzlich absichern. Dafür braucht es aber auch einen sparsamen Umgang mit Wasser und die Frage, welche Nutztiere sich für den Erhalt unserer Landschaft künftig noch eignen, etwa trittsichere Ziegen oder Lamas statt Kühe an steilen Hängen.



