Die Nacht der Sterne bot in Spiez den Rahmen für einen besonderen Begegnungsabend. Bei der Kollektivunterkunft in Hondrich kamen Bewohnende, Kinder und Erwachsene aus der Umgebung zusammen und lauschten den Sagen von Andreas Sommer.
Der Anlass Nacht der Sterne sollte im ganzen Kanton bewusst machen, wie gross die Auswirkungen übermässiger künstlicher Beleuchtung sind. Daneben sollte auch die Schönheit der Nacht, selbst in dicht besiedelten und urbanen Räumen, wieder erlebbar gemacht werden.
Da in Spiez wie auch in anderen Gemeinden die Lichter aus Sicherheitsüberlegungen nicht gelöscht wurden (siehe «Frutigländer»-Ausgabe vom 11. September 2026), setzte man auf ein Rahmenprogramm, das für das Phänomen sensibilisieren sollte. Die verlorene Nachtdunkelheit auch als Raum für Ruhe, Phantasie und Erholung wiederzuentdecken, das war das ausdrückliche Ziel.
Ein Beispiel für dieses Rahmenprogramm in Spiez ist die Sagenwanderung, die abends vor der Kollektivunterkunft der Gemeinde Spiez in Hondrich begann. Rund ein Dutzend erwachsene Besucher hatten sich eingefunden. Zuvor hatte es eine Führung durch die Unterkunft und einen reichhaltigen Apéro gegeben, der von den Bewohnenden selbst mit spürbarer und schmackhafter Gastfreundschaft gekocht worden war.
Es nahmen dann auch eine gute Handvoll Kinder aus der Unterkunft an der nachfolgenden Sagenerzählung von Andreas Sommer teil, zusammen mit einem Dutzend Kindern aus den umliegenden Spiezer Ortsteilen, draussen, auf Bänken im Abendlicht, immer den Niesen im Blick. Franziska Bühler, die Präsidentin des Spiezer Integrationsausschusses, war mit ihren Kindern auch dort. Sie hatte mitgeholfen, den familiären und freundschaftlich geprägten Anlass zu organisieren. Treffpunkt war der grosse Baum vor der Unterkunft. Statt zu wandern, blieb die Gruppe mit den Kindern in der herbstlichen Kühle des Abends und dem immer dämmriger werdenden Licht in gespannter Erwartung sitzen.
Der Erzähler und die Sagen
Sagenerzähler Andreas Sommer ist im Schwarzenburgerland dank seiner Auftritte und Sagenwanderungen gut bekannt. Die Erfahrung war ihm anzumerken, als er in eindrücklicher Weise seine kleinen und grossen Zuhörerinnen und Zuhörer in den Bann seiner Erzählungen zog. Zunächst in gekonntem Bühnendeutsch, dann im Berner Dialekt.
Lebhaft erwachte in seiner Aufführung am Beginn der Nacht der Sterne in Spiez das Bild einer vergangenen Zeit zum Leben, mit Figuren aus einer Welt, die wir kaum noch erahnen können. Es entstand ein eindrückliches «Es war einmal», welches alle in den Bann zog, als wäre es ein «Gerade Jetzt».
Andreas Sommer erzählte die Geschichte des legendenhaften und deshalb längst vergessenen Grindelwalder Hirten Hans Kuhschwanz – «so will wirklich keiner heissen», bemerkte Erzähler Andreas Sommer. Der Hirte träumte eines Nachts dreimal von dem grossen Glück, das ihm begegnen würde, wenn er sich geduldig wartend auf eine der Aare-Brücken in Thun begäbe.
Was der Hirt Kuhschwanz dann auch tat, denn «wenn man etwas dreimal träumt, dann muss man dem nachgehen», so der Erzähler. Dass der Kuhhirte dabei sein Glück am Ende zuhause, vergraben in der eigenen Herdstatt, fand, gab der Geschichte dann doch ein fast märchenhaftes Ende.
Das Wiederauferstehen der Sterne
Ganz am Ende der Nacht sind sie dann doch zum Vorschein gekommen, die Sterne über Spiez: Als die abendlichen Wolken sich verzogen hatten, in der Kühle des Morgens und als fast alle anderen Lichter des Dorfes am See erloschen waren, konnte man sie sehen, ein wenig vom hellgelben «Niesenlichtli» überstrahlt. Wollte man es dichterisch ausdrücken: Scheu schienen sie, die entrückten Sterne, nochmals leise von den Erzählungen des vergangenen Abends und von den vielen Geschichten und Träumen der schon längst angebrochenen Dunkelheit zu flüstern. Aber immerhin: Schliesslich konnte man sie doch sehen – und endlich ruhen, bevor es wieder tagte.



