Der Schachklub Spiez, gegründet im Jahr 1948, fungiert als Treffpunkt für Jung und Alt, Schule für strategisches Denken und soziales Netzwerk zugleich. Der langjährige Präsident Klaus Aegerter öffnet die Türen zu einem Klub, der an einer spannenden Schwelle steht: dem Generationenwechsel.
«Schach ist ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann.» Dieses Sprichwort stammt aus Indien und soll heissen: Schach ist leicht zu erlernen, aber schwer zu meistern. Die Mücke symbolisiert den Anfänger: Man versteht schnell die Grundregeln der Figuren und kann sofort mit dem Spielen beginnen – die Mücke kann also mühelos im See baden. Der Elefant hingegen steht für den Experten: Trotz der einfachen Regeln ist die Komplexität unerschöpflich. Selbst erfahrene Grossmeister können an scheinbar unlösbaren Positionen oder strategischen Fallen verzweifeln und «ertrinken». Schach ist das Spiel der Denker, der Ehrgeizigen, jener, die innerlich stille Kämpfe austragen. Von aussen sieht man ihnen nichts an. Es ist das «Duell der Gehirne» und ein Phänomen, das die Menschen seit jeher begleitet – so auch am Thunersee, wenn wir schon von «Mücken im See» sprechen. Das gesellschaftliche Miteinander hier ist geprägt von einer breiten Palette an Vereinen.
Tradition mit modernen Herausforderungen
Die Wurzeln des Schachklubs Spiez reichen tief in die Nachkriegszeit zurück – 1948 wurde der Verein gegründet. Damals war das Schachleben im Berner Oberland noch stark zersplittert. Es gab zahlreiche kleine Klubs in Frutigen, Brienz, im Saanenland und im Simmental. Man traf sich zu freundschaftlichen Wettkämpfen und reiste von Dorf zu Dorf, um gegen die lokale Mannschaft anzutreten. Erst später organisierte man sich im Oberländischen Schachverband, was die Struktur professionalisierte und Meisterschaften ermöglichte – auch im Schweizerischen Schachverband.
Die Geschichte des Klubs ist von Wandel geprägt
Viele talentierte Spieler zogen fürs Studium in die grossen Zentren wie Zürich oder Bern und kehrten erst Jahrzehnte später, oft im Rentenalter, in ihre Heimat zurück. «Wir hatten viele ETH-Studenten, die dann in Zürich oder Bern in den oberen Ligen spielten und erst im fortgeschrittenen Alter wieder hierher kamen», so Klaus Aegerter. Diese Rückkehrer prägten den Klub über lange Zeit. Doch die Natur fordert ihren Tribut. «In den 25 Jahren, die ich jetzt beim Schachklub bin, haben wir mehrere Todesfälle von wirklich ambitionierten und guten Schachspielern verkraften müssen», berichtet der Präsident mit ernster Stimme.
Heute steht der Schachklub Spiez vor einer demografischen Realität, die viele
Die Kerngruppe des Schachklubs Spiez mit Präsident Klaus Aegerter (Zweiter v. l.). am Ufer des Thunersees.
Vereine kennen: Die aktive Kernmannschaft ist im Durchschnitt über 70 Jahre alt, der älteste Spieler ist 82. Dazwischen klafft eine Lücke. «Die Alterskategorie zwischen 30 und 50 ist bei uns kaum besetzt», berichtet Aegerter. «Das sind die Leute, die voll im Berufsleben stehen, Familie haben und einfach keine Zeit für ein aufwendiges Hobby am Samstagnachmittag finden.» Diese Schere zwischen der erfahrenen, aber alternden Garde und dem noch jungen Nachwuchs erfordert neues Denken.
Mut zur Verjüngung
Klaus Aegerter hat in den Sommerferien die Weichen für ein ambitioniertes Projekt gestellt, das den Klub auf den nächsten Wandel vorbereiten soll. «Das Ziel ist ein gezielter Generationenwechsel», sagt er. Die Idee ist so einfach wie revolutionär: Anstatt einzelne Jugendliche in eine Mannschaft aus «alten Knackern» zu integrieren, soll eine geschlossene, junge Mannschaft aufgebaut werden. «Es ist schwierig, als einzelner Junior in einer Mannschaft zu spielen, wo alle anderen mehr als doppelt so alt sind. Die Gesprächsthemen passen oft nicht zusammen», weiss Aegerter aus Erfahrung. Die Jungen gehen nach dem Spiel nach Hause, die Älteren noch gemeinsam essen. Diese soziale Kluft hemmt die Bindung. Deshalb plant der Vorstand, ab der kommenden Saison eine junge Formation in der zweiten Regionalliga der Schweizerischen Gruppenmeisterschaft antreten zu lassen. Die Resonanz war überraschend positiv. In einer internen Umfrage gaben die Jugendlichen unisono an, ambitioniert in der höheren Liga spielen zu wollen. Dieser Schritt ist auch eine logische Konsequenz aus der erfolgreichen Nachwuchsarbeit der letzten Jahre. Die Jugendabteilung wächst stetig und umfasst mittlerweile 15 bis 20 Kinder. «Wir haben zum ersten Mal eine Gruppe von Gleichaltrigen, die alle zusammen ein grosses Potenzial haben», freut sich Aegerter. Die Dynamik untereinander ist spürbar anders als in gemischten Gruppen. Sie spielen gerne zusammen, feuern sich an und bilden eine echte Einheit.
Doch der Wandel findet nicht nur am Spielbrett statt, sondern geht in der Führungsetage weiter. Klaus Aegerter, der das Präsidentenamt seit 20 Jahren innehat, wird Ende Jahr zurücktreten. «Es ist Zeit für die nächste Generation», meint er bescheiden. Mit Benjamin Maurer (26) und Saskia Bischoff (30) sitzen bereits zwei junge Menschen im Vorstand. Während Maurer das Amt des Kassiers innehat, fungiert Bischoff momentan als Sekretärin – bevor sie Anfang 2027 die neue Klubpräsidentin wird. Aegerter selbst wird auch nach seinem Rücktritt dem Schachklub Spiez treu bleiben. Als Nachwuchsförderer wird er weiterhin im Vorstand mitwirken und das Training leiten, doch die operative Verantwortung geht an die Jüngeren über. «Wir müssen sicherstellen, dass der Klub weitergeführt wird, auch wenn meine Generation einmal nicht mehr da ist.»
Soziale Seele
Wer denkt, Schach sei ein einsames Spiel, der irrt sich. Zwar sitzt man am Brett seinem Gegenüber allein gegenüber, doch der Klub lebt von der Gemeinschaft. «Die sozialen Kontakte sind uns sehr wichtig», betont Aegerter. «Wir gehen spielen, essen zusammen, unternehmen etwas. Solche Anlässe stärken den Zusammenhalt ungemein.»
Ein weiterer Punkt, der neben dem Fokus auf ein aktives, soziales Miteinander beim Schachklub Spiez auffällt, ist der verhältnismässig hohe Frauenanteil. Rund 15 Prozent der aktiven Mitglieder sind Frauen, und auch in der Jugendabteilung sind viele Mädchen dabei. «Neue Schachspielerinnen und -spieler finden wellenförmig zu uns – manchmal ist es sehr ruhig, und an anderen Tagen bekommen wir dafür mehrere neue Anfragen gleichzeitig. Wenn ein Mädchen zum ersten Mal den Klub besucht, nimmt es oft auch eine Freundin mit», so Aegerter.
Für die Senioren ist der Klub ein wichtiger Anker im Alltag. «Es gibt für mich drei Dinge, die auch im Alter kognitiv fit halten: ein herausforderndes Spiel spielen, Musik machen und Sprachen lernen», so Aegerter überzeugt. Schach halte auch ihn geistig fit. «Es ist auch zumindest ein Versuch, sich vor Demenz zu schützen. Neues Lernen verlangsamt diesen Prozess.» Die Seniorengruppe, die vorübergehend geschrumpft war, zählt heute wieder zehn bis zwölf aktive Mitglieder, die sich regelmässig treffen, um zu spielen und sich untereinander auszutauschen.
Psychologie, Strategie und Nervenkitzel
Was macht Schach eigentlich so besonders? Für Klaus Aegerter ist es die unendliche Komplexität kombiniert mit der menschlichen Komponente. «Nach drei Zügen gibt es bereits 120 Millionen mögliche Stellungen», erklärt er. «Das ist absolut faszinierend.» Und: Schach ist keine reine Mathematik am Brett, sondern auch Psychologie. «Wenn du physisch deinem Gegner gegenübersitzt, passiert wahnsinnig viel», weiss der erfahrene Spieler. Ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, eine Geste bis hin zur Art, wie der Gegner eine Figur setzt – all das sendet Signale. Aegerter erinnert sich an eine Partie: «Alles sah danach aus, als ob ich verlieren würde. Für meinen Gegner war das Spiel praktisch schon entschieden, infolgedessen lehnte er sich mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen zurück. Da geschah es: Ich mobilisierte alle Kräfte und mein Gegner machte einen entscheidenden Fehler, der die Ausgangslage um 180 Grad drehte. Ich entschied schlussendlich die Partie für mich.» Diese psychologische Ebene findet nur live statt, was Schach am Brett nochmals grundsätzlich vom Schach am Computer unterscheidet. Online-Schach hat während der Pandemie zwar einen Boom erlebt und viele Neueinsteiger gebracht. Laut Aegerter ist nun die Herausforderung, diese Spieler vom Bildschirm weg an das echte Brett zu holen. «Ein Brett hat ganz andere Komponenten. Die physische Präsenz, die Atmosphäre im Raum – das ist unersetzlich.»
Auch die Vorbereitung auf ein Turnier ist eine Wissenschaft für sich. Während jede Spielerin und jeder Spieler eigene Techniken hat, sich vorzubereiten, spielt Musik immer wieder eine wichtige Rolle. Auch Klaus Aegerter setzt auf eine Mischung aus taktischen Aufgaben und der richtigen Musik in den Ohren: «Mein Musikspektrum ist breit. Ich habe keine spezielle Vorbereitungsmusik, aber sie hilft mir, abzuschalten oder mich zu fokussieren.» Zu viel Entspannung vor einem Match ist für Aegerter eher kontraproduktiv: «Ich brauche eine gewisse Grundnervosität, um gut zu spielen. Wenn ich zu ruhig bin, funktioniert es nicht.»
Ambitionen und Zukunftsvisionen
Die Zukunft des Schachklubs Spiez sieht vielversprechend aus. Die aktuelle Saison läuft gut, und das Ziel ist klar: der Wiederaufstieg in die zweite Liga und das Halten der Position unter den Spitzenmannschaften. Vielleicht winkt sogar ein Blick in Richtung erste Liga. «Das können wir nur, wenn wir mit einer Gruppe von Jungen weitermachen», ist sich Aegerter sicher. Mit Arsenii Filimonov, der in diesem Jahr den Titel des Junioren-Weltmeisters im Blitzschach an der Gehörlosen-Weltmeisterschaft in Spanien holte, spielt bereits heute ein einzigartiges Nachwuchstalent mit gros sen Ambitionen im Klub.
Blitzschach ist eine zeitbegrenzte Variante des normalen Schachs, bei der beide Seiten maximal zehn Minuten Zeit haben, um die gesamte Partie zu spielen. Der Schachklub Spiez tüftelt an Ideen, wie zukünftig gelegentlich am Samstagnachmittag ein internes Blitzturnier durchgeführt werden könnte. «Solche Events machen Spass und fördern das taktische Gespür», so Aegerter. Auch die Ausbildung neuer Schachtalente soll weiter professionalisiert werden. Geplant ist das Beiziehen eines Online-Trainers, der speziell die Spielanalyse und das strategische Verständnis der Junioren fördert.
Für Klaus Aegerter ist Schach eine «sehr gute Schule, um mit Niederlagen umzugehen». Es lehre einen Demut und den Respekt vor dem Spiel und seinem Gegner. «Man kratzt immer nur an der Oberfläche von dem, was möglich ist. Als durchschnittlicher Schweizer Schachspieler merkt man schnell, wie viel mehr es noch zu verstehen gibt.» Diese Demut verbindet die Generationen. Ob 16 oder 80 – am Brett sind alle gleich, alle müssen sich den 64 Feldern stellen.
Mit einer starken Jugend, einem engagierten neuen Vorstand und einer erfahrenen Garde, die den Rücken stärkt, ist der Schachklub Spiez bereit für die Zukunft. Am Ende geht es nicht nur ums Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die seit fast 80 Jahren die Sprache des Schachs spricht – und diese Sprache an die nächste Generation weitergibt. Vielleicht ist heute ja genau der richtige Moment, zum ersten Mal selbst eine Figur in die Hand zu nehmen und den ersten Zug zu wagen.



