Fällt das nationale Schulsportobligatorium? Befürworter sehen in einer kantonalen Regelung eine Stärkung der Kantone. Sportverbände, Lehrkräfte und Politiker warnen hingegen vor den Plänen. Die Sportlehrerin und SP-Nationalrätin Andrea Zryd erklärt den Widerstand.
Wer erinnert sich nicht an den leichten Schweissgeruch in der Turnhalle und die nicht bei allen beliebte Kletterstange? Der Schulsport soll zwar nicht verschwinden, die Zuständigkeit dafür könnte sich aber ändern. Nur eine Formsache? Mit dem Programm «Entflechtung 27» überprüfen Bund und Kantone ihre Aufgaben und deren Finanzierung und wollen diese teilweise neu regeln. Gemeinsame Finanzierungen – derzeit werden Dutzende Aufgaben zusammen bezahlt – sollen reduziert werden, um Fehlanreize und Lastenverschiebungen zu verhindern. Die Aufgabenverschiebung soll für die Beteiligten finanziell neutral erfolgen. So viel zur Theorie.
In der politischen Diskussion über die Vorschläge zeigt sich, dass längst nicht alle mit den möglichen Änderungen einverstanden sind. Umstritten ist insbesondere die Idee, das bisher bundesrechtlich geregelte Obligatorium von mindestens drei Sportlektionen pro Woche ersatzlos zu streichen und die Regelung den Kantonen zu überlassen. Befürworter einer kantonalen Lösung, darunter die Erziehungsdirektorenkonferenz, betonen, damit werde die Schulhoheit der Kantone gestärkt. Der Sportunterricht sei bereits über die kantonalen Lehrpläne ausreichend geregelt.
Wieso die Skepsis? Widerstand kommt sowohl von Lehrkräften als auch von Sportvereinen und -verbänden. Nationalrätin Andrea Zryd (SP, Magglingen/Adelboden) ist ausgebildete Sportlehrerin an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen. Sie engagiert sich zudem in verschiedenen Verbänden und Organisationen und ist Präsidentin von Swisscoach, dem Berufsverband der Trainerinnen und Trainer im Leistungs- und Spitzensport. Sie erklärt, weshalb sie die Aufhebung des Obligatoriums für falsch hält und den Widerstand aus Sport und Politik unterstützt.
Zryd befürchtet, dass eine Verlagerung der Kompetenz den Schulsport gefährden könnte. Drei Lektionen seien bereits ein Minimum. Doch welche Bedeutung hat der Schulsport heute? «Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Früher diente er eher der Ertüchtigung, in getrennten Gruppen von Jungen und Mädchen. Heute können alle jede Sportart ausüben, und es gibt Raum zur Entfaltung. Zudem lernen die Jugendlichen, ihre eigenen Grenzen abzuschätzen.» Neben der körperlichen Leistung seien auch das Zusammenspiel in der Gruppe, die Teamfähigkeit und die soziale Komponente wichtig. «Es ist mehr als Bewegung. Studien zeigen, dass auch das Gehirn trainiert wird. Das ist schon lange bekannt. Es wäre tragisch, wenn diese bis ins Alter wichtige Grundlage für die Physis und Psyche aus dem Stundenplan verschwinden würde.»
Die Nationalrätin warnt zudem davor, dass die Kantone den Sportunterricht nach einem Wegfall des Obligatoriums unterschiedlich gewichten und darin vor allem Sparpotenzial sehen könnten. Konkret verweist sie auf die vielerorts bereits fehlenden Sporthallen. Schweizweit seien es schätzungsweise 100 bis 150. Würde der Sportunterricht reduziert, könnte für Kantone und Gemeinden der Druck sinken, in den Bau und Unterhalt teurer Sporthallen zu investieren, so ihre Einschätzung. Davor warnt auch der kantonale Lehrpersonenverband Bildung Bern.
Auswirkungen auf Sportvereine
Eine solche Entwicklung könnte sich nicht nur auf die Schulen, sondern auch auf die Sportvereine auswirken. Die meisten Vereinseintritte erfolgen im Schulalter. Weniger sportbegeisterte Schülerinnen und Schüler könnten den Vereinen langfristig den Nachwuchs entziehen. Viele Vereine übernehmen zudem wichtige soziale Aufgaben. Sinkt die Zahl der Sportlerinnen und Sportler, könnte der Bedarf und schliesslich das Angebot an Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten zurückgehen. Klassische Sportvereine stehen gemäss Studien bereits durch den Boom der Fitnessstudios unter Druck, in denen meist allein trainiert wird. «Der soziale Aspekt fällt weg», sagt Zryd. Zudem brauchen die Vereine dringend die nötigen Infrastrukturen, und wenn die Gemeinden diese für die Schulen sicherstellen müssen, profitieren auch die Vereine.
Sportlehrpersonen warnen auch vor gesundheitlichen Folgen. Da motorische Defizite, Übergewicht und die Angst vor Bewegung bei Kindern zunähmen, sei eine Reduktion des Schulsports das falsche Signal. Der obligatorische Schulsport erreicht auch Kinder, die keinem Verein angehören oder sich ausserhalb der Schule wenig bewegen. Für sie ist er besonders wichtig, um grundlegende Fähigkeiten wie Schwimmen und Koordination zu erlernen. Zryd verweist auf den Bundesrat, der selbst festhält, dass Bewegung für die körperliche, psychische und soziale Entwicklung wichtig ist und weniger Bewegungsförderung negative Folgen haben kann. Ihr Fazit: «Die vorgeschlagene Änderung ist völlig unnötig und bringt keinen Mehrwert. Auch finanziell tragen die Kantone bereits heute die vollen Kosten.»



