Oktober, das kommt aus dem Lateinischen und heisst «der achte Monat». Nun ist er aber schon über 2000 Jahre der zehnte Monat. Hinzu kommt: Wir haben einen modernen Kalender, keinen antiken. Was hat es damit auf sich? Was bedeutet der Oktober heute?
Natürlich ist der Oktober der zehnte Monat des Jahres im heutigen Kalender. Vor der ersten römischen Kalenderreform im Jahre 153 v. Chr. war er aber noch der achte, daher der Name von lateinisch «octo» für acht. Nach 153 v. Chr. beginnt das Jahr aber im Januar, und man hat viele Monatsnamen einfach übernommen – ganz so, als hätte der Monat Oktober keine Tradition, sondern nur eine bedeutungslose Zahl. Aber dem war nicht so.
Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass «der Oktober traditionell nicht irgendein Monat war: Er galt lange als eine Art besonderer Monat, in dem anscheinend gerne geheiratet wurde. Dies galt auch für Herrscherhäuser. Beginnt man mit einem bekannten Beispiel für Oktober-Hochzeiten, so kann man an Bayern denken: Immer am ersten Sonntag im Oktober geht auf der Münchner «Wiesn» das Oktoberfest zu Ende. Zum ersten Mal wurde es gefeiert, als sich Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., am 12. Oktober 1810 mit Therese von Sachsen-Hildburghausen vermählte. Wenige Tage später, am 17. Oktober 1810, wurde dann das Oktoberfest mit einem Pferderennen eröffnet. Einen Schritt weiter zurück geht die Erinnerung an Isabella I. von Kastilien, die im 15. Jahrhundert lebte und unter deren späterer Herrschaft Columbus nach Amerika fuhr.
Selbst ist die Frau
Viele Male versuchte ihr damals regierender Halbbruder, Isabelle mit einem ihm genehmen Kandidaten zu verheiraten, doch Isabelle wollte sich ihren zukünftigen Ehemann selber aussuchen und wählte den damals 17-jährigen Ferdinand, den Anwärter auf den Königsthron von Aragón, der ihren Vorstellungen entsprach.
Um einen Konflikt mit ihrem Halbbruder zu vermeiden, floh Isabella zunächst. Der junge Ferdinand soll sich der Legende nach als Eselstreiber verkleidet zu ihr durchgeschlagen haben. Die Hochzeit fand am 19. Oktober 1469 in Valladolid, Nordspanien, statt. Fünf Jahre später bestieg Isabella den kastilischen Thron und begründete in der Folge ein Weltreich.
Ein viel früheres Beispiel, bei dem man lange eine Heirat im Oktober annahm, war die zweite Ehe Karls des Grossen. Seine Auserwählte hiess Hildegard, die er nach der Legende im Herbst 770 heiratete. Die historische Forschung hat dies aber später angezweifelt. Karl hatte im Laufe seines Lebens noch vier andere Frauen, daneben «Gespielinnen» und insgesamt 18 Kinder. Hildegard, die damals höchstens 13 Jahre alt war, gebar je nach Quelle in ihrer kurzen Ehe neun oder zehn Kinder und starb bereits mit 25 Jahren.
Einige Oktober-Gedenktage
Ein Monat der Gedenktage ist der Monat aber seit Jahrhunderten – und das aus vielerlei Gründen. Da ist zuerst der sich in diesem Jahr am 3. und 4. Oktober jährende 800. Todestag des Ordensgründers Franziskus von Assisi. Er starb 1226 spektakulär: Nackt legte er sich, von Brüdern schützend umgeben, auf den Boden seiner Lieblingskapelle und verschied. Da Franziskus hinsichtlich des Quellenumfangs zu Leben und Wirken zu den am besten dokumentierten Persönlichkeiten des Mittelalters gehört, kann man davon ausgehen, dass das so stimmt.
Die evangelische und die katholische Kirche sind sich aber über den exakten Zeitpunkt seines Ablebens nicht ganz einig: Es scheint irgendwann um Mitternacht gewesen zu sein, ob davor oder danach, ist unklar. Es war die Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1226 – so kommt es zu einem «doppelten» Todestag.
In beiden Kirchen wird sein Gedenken in dieser Nacht bis heute bewahrt, zumindest gelegentlich. Franziskus’ Wirksamkeit in der europäischen Geschichte ist auch ausserhalb der Kirche immens, etwa durch den von ihm gegründeten Armutsorden, die Franziskaner, die in der schulischen Erziehung, in der Armen- und Krankenpflege sowie in der Theologie enormen Einfluss hatten.
Ausserdem diente er als Vorbild für eine Fülle literarischer Schöpfungen, selbst naturwissenschaftliche Werke – etwa des Biologen Konrad Lorenz («Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen») oder der Schriftstellerin Luise Rinser («Bruder Feuer») – eingeschlossen.
Ein anderer Gedenktag fällt ebenfalls auf den 3. Oktober: Im sogenannten Einigungsvertrag des Jahres 1990 wurde dieser Tag als Tag der Deutschen Einheit zum gesetzlichen Feiertag in Deutschland bestimmt. Er erinnert an die deutsche Wiedervereinigung, die mit dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 vollendet wurde. Auch Österreich feiert im Oktober einen Nationalfeiertag: Am 26. Oktober 1955, nach der Staatsvertragsunterzeichnung, standen erstmals keine ausländischen Truppen mehr auf österreichischem Boden und im neuen Bundesverfassungsgesetz wurde die immerwährende Neutralität Österreichs erklärt.
Kriege im Oktober
Es dürfte kaum einen Tag des Jahres geben, an dem nicht an irgendeinem Punkt der Geschichte ein Krieg begonnen hat. Einige Kriege sind allerdings denkwürdig oder abschreckend – je nach Standpunkt. Da ist zunächst die bekannte Oktoberrevolution in Russland, die nach unserem Kalender gar nicht im Oktober stattfand – ein Kalender-Kuriosum. Wie kam das?
Der Begriff Oktoberrevolution wurde bewusst geprägt, um das Geschehen gegenüber der vorausgegangenen Februarrevolution abzugrenzen, welche die Abdankung Zar Nikolaus II. und das Ende der jahrhundertealten russischen Monarchie bewirkt hatte.
Die Bezeichnung beider Ereignisse nach den Monaten Februar und Oktober beruht auf dem damals in Russland noch verwendeten julianischen Kalender. Nach dem im übrigen Europa geltenden gregorianischen Kalender, der dem julianischen um 13 Tage voraus war, fielen aber beide Ereignisse in die jeweiligen Folgemonate. Daher wurde der Jahrestag der Oktoberrevolution in der Sowjetunion jeweils am 7. November begangen.
Und dann ist da der weltgeschichtlich bedeutende Jom-Kippur-Krieg: Der JomKippur-Krieg wurde vom 6. bis 25. Oktober 1973 von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten gegen Israel geführt.
Der Krieg hatte weitreichende Folgen. Die arabische Welt, die sich durch die Niederlage der ägyptisch-syrischjordanischen Allianz im Sechstagekrieg zutiefst gedemütigt fühlte, konnte aus den anfänglichen Erfolgen des JomKippur-Krieges psychologische Vorteile ziehen.
Es ist ein seltsamer Zufall, dass der Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 fast am selben Tag begann. Der Terrorangriff auf Israel war mit mindestens 1 195 überwiegend jüdischen Todesopfern das grösste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Der Überfall wurde unter Führung der palästinensischen, radikal-islamistischen Terrororganisation Hamas gemeinsam mit anderen palästinensischen Gruppen vom Gazastreifen aus begangen.
Doch gehören auch ganz andere, für die europäische Geschichte wegweisende Gedenktage zum Oktober: Allen voran der letzte Tag des Monats, der Reformationstag am 31. Oktober.
Der 31. Oktober 1517
Der Reformationstag erinnert an den vermutlichen Anschlag der 95 Thesen zur Ablasspraxis der Kirche an die Pforte der Schlosskirche in Wittenberg durch Martin Luther. Nach einer später verfassten Legende soll dies am 31. Oktober 1517 geschehen sein und somit den Beginn der Reformation im selben Jahr markieren.
Fest steht jedoch, dass Luther am 31. Oktober 1517 direkt an den Mainzer Erzbischof Albrecht schrieb und dort seine Thesen beilegte. In der Schweiz gilt heute der erste Sonntag im November als Reformationssonntag, der zeitlich in Anlehnung an den Reformationstag in Deutschland und Österreich festgelegt ist.
Historisch betrachtet war der Beginn der Reformation aber eher ein langsamer, kontinuierlicher Prozess. Die Bewegung ging zunächst von Wittenberg und von Zürich aus. In den 1540er-Jahren entwickelte sich auch Genf unter dem Einfluss Johannes Calvins zu einem dritten Zentrum der Reformation.
Dass man an diesem Tag auch das heidnische Fest Halloween begeht, ist eine seit den 1990er-Jahren verbreitete Entwicklung.
Halloween bezeichnet die Volksbräuche am Abend und in der Nacht vor dem Hochfest Allerheiligen, also die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November. Dieses Brauchtum war ursprünglich im katholisch geprägten Irland verbreitet und geht auf vorchristliche keltische Totenbräuche zurück. Irische Einwanderer in den USA pflegten ihre Bräuche in Erinnerung an die Heimat und entwickelten sie weiter.
Ist ein Monats-Fazit möglich? Kein einheitliches, das ist sicher. Aber schon aus diesen wenigen Darstellungen wird klar: Der Oktober ist nicht nur wegen des Wetters ein bewegender, polarisierender und ein Übergangsmonat.
Da ist nicht einfach der «goldene Oktober», in dem anscheinend alles zur Ruhe kommt. Dahinter lauert eine Unruhe, die sich in den länger werdenden Nächten und dem immer kühleren Wetter untergründig Bahn bricht – in Umbrüchen, in Kriegen und in Gedenktagen. «Friede», das wird erst später im Jahr erwartet.



