Ein Werk für Ohr und Auge
30.10.2020 KulturFür sein neustes Produkt «Familienalbum» hat der Singer-Songwriter Christoph Trummer lange und tief gegraben. Herausgekommen ist ein bewegendes CD-Buch, das direkt zu den Wurzeln des Frutigers führt.
JULIAN ZAHND
Von Journalisten wurde er auch schon als ...
Für sein neustes Produkt «Familienalbum» hat der Singer-Songwriter Christoph Trummer lange und tief gegraben. Herausgekommen ist ein bewegendes CD-Buch, das direkt zu den Wurzeln des Frutigers führt.
JULIAN ZAHND
Von Journalisten wurde er auch schon als «Songwriterkönig von Bern» bezeichnet. Dabei will dieser Herrschertitel gar nicht so recht passen zum bescheidenen Frutiger, der mittlerweile in Berns Agglomeration wohnt, seine Herkunft aber stets in das künstlerische Schaffen einfliessen lässt. Denn das Glamouröse ist Christoph Trummers Sache nicht. Zwar trägt eines seiner bisherigen Alben den Titel «Fürne Königin», aber eben: Die Krone setzt der Künstler anderen auf, nie sich selbst. Auch seine Musik kommt nicht hochtrabend verschnörkelt daher, viel eher erdig und mit Tiefgang – manchmal hoffnungsvoll, meist melancholisch.
Bei seinem neusten Werk ist das nicht anders. Während sieben Jahren arbeitete Trummer daran, ab heute ist das «Familienalbum» erhältlich. Bereits zum zweiten Mal verlässt er den Rahmen des konventionellen Musikalbums – neben 14 Songs enthält das Produkt auch einen Essay, verschriftlichte Gespräche mit Weggenossen und Bilder.
Die grosse Wahrheit in kleinen Alltagsszenen
Was gehen uns unsere Eltern und unsere Familiengeschichte an? Welche Spuren haben sie hinterlassen? Und nicht zuletzt: Was machen wir daraus und welche Spuren hinterlassen wir selbst? Diesen Fragen geht Trummer im «Familienalbum» nach. Ins Zentrum rückt er dabei seine Eltern. Er beschreibt ihre Geschichte anhand unaufgeregter Momente des Alltags, wie sie sich im Schein eines Grillfeuers oder in der Morgendämmerung vor dem Aufwachen im Ehebett abspielen. Dabei geht es um Liebe, aber auch um Entfremdung und geplatzte Träume.
Trummer formuliert seine Texte aus persönlicher Sicht, in vielen Songs nimmt er aber auch die Perspektiven seiner Eltern ein. «Eine Anmassung», wie er selber sagt, denn die Bilder nähren sich hauptsächlich aus seinen verblassenden Erinnerungen, die Eltern befragen konnte er nicht mehr. Vater und Mutter sind bereits um die Jahrtausendwende gestorben, beide erreichten sie das 50. Altersjahr nicht. Dennoch erachtet der Künstler diesen imaginären Prozess der Annäherung als wichtig. «Ich glaube, dass dieses Sich-Einfühlen und Verstehen-Wollen etwas durchwegs Gutes ist, wenn man sich bewusst bleibt, dass man es eben nur innerhalb der eigenen Möglichkeiten tun kann.» Eine «Anmassung» ganz im Trummerschen Stil also.
Er bricht das Gebot
Das «Familienalbum» ist kein Werk über Verlust und Trauer. «Man kann auch die Lebenden verlieren, und man findet sich manchmal einfacher mit den Toten», schreibt Trummer in seinem Vorwort. Der Soundtrack dazu passt: Seine Gitarrenakkorde werden oft von beschwingten Rhythmen getrieben. Seine Stimme ist teils von feierlichem Chorgesang begleitet (dieser symbolisiert die Perspektive der Mutter) oder aber mit verspielten Bläsersätzen (Vaterperspektive) unterlegt.
Man solle sich kein Bildnis machen, schreibt Trummer. Das gehe aber nicht. «Wir brechen das Gebot, wir können nicht anders. Weder einen Gott noch eine Mutter noch einen Vater können wir fassen, wenn wir uns kein Bild machen.» Getrieben von der Sehnsucht, sie zu sehen, bricht Trummer somit das Gebot. Er tue dies seit Jahren, doch nun einmal gründlich. Wenn auch nicht abschliessend, denn das sind Trummers Antworten nie. Am Ende des Albums wird dies in doppelter Hinsicht deutlich: «Es sy alls nume Byspiil, alls e chli Wahrheit, i sueche di, ire Gschicht für mi», singt er im Song «Byspiil». Im «Wiegelied» erfährt man schliesslich, dass auch Christoph Trummer mittlerweile Spuren als Vater hinterlässt.
Obwohl es lediglich den Zwischenstand einer fortwährenden Suche beschreibt, erscheint das «Familienalbum» dadurch zugleich zeitlos.
Das CD-Buch «Familienalbum» ist ab heute erhältlich. Die Plattentaufe ist für den 10. Dezember geplant. Mehr zum Werk und den Tourdaten finden Sie in unserer Web-Link-Übersicht unter www.frutiglaender.ch/web-links.html