NORMAL - Idiot, Schwachsinn, behindert!
09.03.2021 KolumneIdiot, Schwachsinn, behindert!
«Du bisch ä Idiot!»
Am Anfang des 19. Jahrhunderts war der Begriff «Idiotie» ein medizinisch-psychiatrischer Fachbegriff und diente zur Bezeichnung für mental «abgesonderte» Menschen und «Sonderlinge». Der Fachbegriff ...
Idiot, Schwachsinn, behindert!
«Du bisch ä Idiot!»
Am Anfang des 19. Jahrhunderts war der Begriff «Idiotie» ein medizinisch-psychiatrischer Fachbegriff und diente zur Bezeichnung für mental «abgesonderte» Menschen und «Sonderlinge». Der Fachbegriff «Idiotie» wurde mit der Zeit zunehmend zu einem Schimpfwort, sodass ein neuer Fachbegriff gesucht werden musste. «Schwachsinn» folgte auf «Idiotie», danach kamen «geistig behindert» oder «Mensch mit einer geistigen Behinderung». Vermehrt hört man heute auf dem Pausenplatz und anderswo den Ausdruck «das isch ja behinderet» oder «dä isch behinderet». Und wie bei den Vorgängerbegriffen bedeutet dies nicht positive Beachtung oder Anerkennung. Vielmehr sind auch diese Fachbegriffe zu Schimpfwörtern verkommen. Daher mussten die Fachleute wiederum einen neuen, nicht negativ besetzten Begriff suchen oder kreieren.
Heute lautet ein breit benutzter Fachbegriff «Menschen mit einer Beeinträchtigung». Dieser Ausdruck soll nicht die Behinderung oder die Beeinträchtigung in den Vordergrund stellen, sondern soll festhalten, dass es um Menschen geht, die behindert werden.
Behindert werden sie z. B. durch Stufen oder Treppen, wenn sie gehbehindert oder vielmehr geh-beeinträchtig sind. Doch, wie lange wird es wohl dauern bis der Ausdruck «beeinträchtigt» negativ besetzt und als Schimpfwort verwendet wird?
Auch Persönlichkeiten mit Vorbildfunktionen wie der Formel-1-Rennfahrer Max Verstappen verwenden diese Fachbegriffe als Schimpfwörter. So hat Herr Verstappen einen seiner Konkurrenten im Training zu einem WM-Lauf im Herbst 2020 nach einem Crash wütend als «behinderter Vollidiot, Mongo» bezeichnet, wobei es zu ergänzen gilt, dass die Schuldfrage für den Crash von Experten nicht abschliessend geklärt wurde und beiden Fahrern einen Teil der Schuld zugeordnet wurde. Leider hat Herr Verstappen auch, als er auf die Problematik seiner Wortwahl hingewiesen wurde, seine Aussage nicht relativiert oder gar bedauert, dass er in seiner ersten Reaktion und seinem Ärger Menschen beleidigt haben könnte.
Was also ist normal im Sprachgebrauch, für was oder wen und mit welcher Botschaft verwenden wir Wörter oder Begriffe? Wenn wir wollen, dass wir Menschen mit einer Beeinträchtigung oder andere Minderheiten (wobei auch der Begriff Minderheit problematisch sein kann) nicht ausgrenzen und nicht diskriminieren, ist es wichtig, mit der Sprache sorgfältig umzugehen und Wörter und Begriffe bewusst einzusetzen oder bewusst nicht einzusetzen.
Leider muss ich eingestehen, dass mein Sprachgebrauch nicht immer sorgfältig und mit Bedacht gewählt ist. In gewissen Situationen, vor allem hinter dem Steuerrad, rutschen mir verschiedentlich Schimpfwörter raus, die ich hier nicht wiedergeben will. Ich betitle andere Verkehrsteilnehmer mit Ausdrücken quer durchs ganze Tierbuch sowie mit anderen nicht nett gemeinten Begriffen und bin froh, dass ich keinen Funk im Auto habe und meine Fahrt nicht direkt im Fernsehen übertragen wird.
Dennoch ist mir ein respektvoller und achtsamer Umgang mit meinem Gegenüber sehr wichtig und ich nehme mir vor, im Sinne eines verspäteten Neujahrsvorsatzes, Schimpfwörter zumindest weniger zu benutzen.
ARNOLD SIEBER
ARNOLD.SIEBER@GMAIL.COM