KOLUMNE – BAUCHGEFÜHLE
09.02.2024 KolumneWachstumsdrang statt Weitblick
Ein lang gehegter Traum geht in Erfüllung: Wir reisen durch die Iberische Halbinsel, ohne Zeithorizont, ohne Überflutung von Nachrichten, einfach nur leben. So viele Eindrücke prägen unseren Alltag, schöne, aber ...
Wachstumsdrang statt Weitblick
Ein lang gehegter Traum geht in Erfüllung: Wir reisen durch die Iberische Halbinsel, ohne Zeithorizont, ohne Überflutung von Nachrichten, einfach nur leben. So viele Eindrücke prägen unseren Alltag, schöne, aber auch nachdenklich stimmende. Langsam tuckern wir der Costa Brava entlang durch Tourismusdestinationen, die im Winter zumeist der einheimischen Bevölkerung gehören, umgeben von vielen leerstehenden Häusern. Aber lieber bewegen wir uns im Hinterland, wo kleine Dörfer mit riesigen Kirchen und zerfallenden Klöstern von längst vergangenen Zeiten erzählen, als die Menschen noch von der Landwirtschaft, dem lokalen Handwerk und Gewerbe lebten. Hier sind viele Dörfer fast unbewohnt und dem Zerfall geweiht, da der Tourismus und die Industrialisierung die Bevölkerung in die Ballungszentren oder an die Küste gezogen hat. Wir fahren durch Olivenhaine und Rebberge, die heute von wenigen Bauern intensiv genutzt werden, dazwischen Schweinefarmen, um den Bedarf an Jamón (Schinken) zu decken, der als riesige Keulen überall von den Decken hängt. Im hügeligen Hinterland erfreuen wir uns an den weiss und rosa blühenden Mandelbäumen auf kargem Boden. Ganz eindrücklich ist eine Biketour mit Blick auf den Stausee von Siurana, der noch vor drei Jahren bei unserer letzten Reise tiefblau zwischen den steilen Kletterfelsen funkelte und heute eine triste Mondlandschaft bildet.
In der autonomen Gemeinschaft Valencia erfahren wir an der Costa Blanca nochmals eine Steigerung der menschlichen Begierde, wo aus dem romantischen Fischerdorf Benidorm der 1960er-Jahre eine Tourismusdestination der Superlative mit riesigen Hochhäusern und Einfamilienhäusern mit Schwimmbädern entstanden ist, eine «Urbanización», die sich weit ins Landesinnere zieht. Weiter führt unsere Reise nach Andalusien, wo riesige landwirtschaftlich genutzte Flächen treibhausartig mit Plastik bedeckt sind, so weit das Auge reicht. Woher das Wasser nehmen, wenn die Reserven fast aufgebraucht sind? Die spanischen Landwirte blockieren Strassen und Häfen: Sie möchten mehr verdienen, alle ökologischen Massnahmen abschaffen und das Wasser nicht mehr zur Energiegewinnung nutzen, sondern für die Landwirtschaft. Sind wir uns bewusst, dass diese verschwenderische Nutzung des Wassers unsere Lebensgrundlage in Frage stellt? Müssen wir angesichts solcher Ereignisse nicht auch unsere Situation in der Schweiz hinterfragen? Noch haben wir in Form von Gletschern Wasser für Mensch und Tier und die Landwirtschaft. Durch die rasant ansteigende Klimaerwärmung wird sich unsere Vegetation aber massiv verändern. Dereinst könnte ohne künstliche Bewässerung auch bei uns eine Versteppung stattfinden, die den fruchtbaren Boden verschwinden lässt.
Solange wir am Wirtschaftswachstum festhalten, kann es keine Wende geben. Weniger wäre mehr! Eine intakte Natur, unsere Lebensgrundlage, würde uns mit Gesundheit, innerer Ruhe und Zufriedenheit belohnen.
Wann erreichen wir diesen Weitblick, der eine lebenswerte Zukunft für unsere Nachkommen sichern wird?
YVONNE SCHMOKER
YVONNE.SCHMOKER@GMAIL.COM