Braucht das noch jemand – oder kann das weg?
30.08.2024 GesellschaftDer grösste private Medienkonzern des Landes spart erneut beim Journalismus. Der Schweizer Aussenminister brüstet sich öffentlich damit, keine Zeitungen mehr zu lesen, und weite Teile der bürgerlichen Politik machen aus ihrer Medienverachtung gar keinen Hehl mehr. All ...
Der grösste private Medienkonzern des Landes spart erneut beim Journalismus. Der Schweizer Aussenminister brüstet sich öffentlich damit, keine Zeitungen mehr zu lesen, und weite Teile der bürgerlichen Politik machen aus ihrer Medienverachtung gar keinen Hehl mehr. All das wird Konsequenzen haben. Ob es danach besser ist als heute?
«Braucht es die Medien als vierte Gewalt in der Schweiz noch?» So war eine SRF-Umfrage formuliert, die am letzten Dienstag online erschien. Was für eine merkwürdige Frage! Es sollte doch eigentlich kein Zweifel bestehen, dass es in einer Demokratie freie und unabhängige Medien geben muss. Dies gilt umso mehr für die Schweiz – ein Land, das von der politischen Beteiligung seiner BürgerInnen geprägt ist. Wenn ein «öffentliches Medienhaus», wie die SRG sich selbst nennt, eine solche Frage stellt, muss also etwas Besonderes vorgefallen sein.
Platziert war die Umfrage unter der Meldung, dass die TX Group, die Muttergesellschaft von Tamedia, fast 300 Stellen abbauen wird, 90 davon in ihren Zeitungsredaktionen. Die Ankündigung sorgte international für Aufmerksamkeit. Trotzdem war sie gar nicht so besonders: Es ist schon die zweite Tamedia-Entlassungswelle innerhalb eines Jahres. Erst im letzten September hatte der Medienkonzern bekannt gegeben, knapp 50 Arbeitsplätze in den Redaktionen zu streichen.
Grund für die jüngsten Entlassungen sei der Umbruch in der Medienbranche, teilte Simon Bärtschi, der Leiter Publizistik Tamedia und Mitglied der Geschäftsleitung, den Lesern in einem Online-Beitrag mit. «Die Nutzung hat sich durch Smartphones und Social Media rapide verändert. Immer mehr Menschen sind auf digitalen Kanälen unterwegs, aber die Zahlungsbereitschaft für Qualitätsjournalismus sinkt.» Das ist freilich nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist: Der Geldmangel bei Tamedia ist kein Naturgesetz, sondern die Folge der Konzernstrategie.
Geld wäre eigentlich vorhanden
Die TX Group, zu der Tamedia gehört, ist so organisiert, dass ihre Mediensparte zwangsläufig rote Zahlen schreibt. An sich ist der Konzern hochprofitabel. Im ersten Halbjahr 2024 erwirtschaftete TX einen Gewinn von 24,5 Millionen Franken – im Vergleich zu 13,7 Millionen im Vorjahr. Nur dass dieser Gewinn eben nicht im Medienbereich verdient wurde, sondern in anderen Geschäftszweigen.
Geld wäre also vorhanden – dass es nicht in die Mediensparte investiert wird, ist ein unternehmerischer Entscheid. Stattdessen fliessen die Dividenden: An der Generalversammlung im April schlug der Verwaltungsrat die Ausschüttung von 65 Millionen Franken zugunsten der Aktionäre vor. Selbst in den Corona-Krisenjahren wurden Dividenden gezahlt: 2021 ganze 78 Millionen Franken, 2022 immerhin fast 48 Millionen Franken.
«Der Journalismus muss sich mit Journalismus finanzieren», sagte Simon Bärtschi abends in der SRF-Tagesschau. Auch das ist eine eigenwillige Sichtweise: Der Journalismus hat sich noch nie mit Journalismus finanziert, erst recht nicht der sogenannte Qualitätsjournalismus. Es war schon immer das Inserategeschäft, das Medien erst ermöglichte. Die TX Group hat ihre gewinnbringende Inseratesparte von der Mediensparte getrennt. «Wir können nicht links und rechts in einen Topf greifen», beteuerte Tamedia-Mann Simon Bärtschi im Tagesschau-Interview. Dass man der Mediensparte zuvor den gut gefüllten Geldtopf wegnahm, ging aber offenbar problemlos.
Was man der TX Group bei aller Kritik lassen muss: Sie hat es geschafft, das Werbegeschäft vom Printbereich ins digitale Zeitalter zu überführen. Ob Immobilienmarkt, Autoverkauf oder Job-Börse: Alles, was vorher in gedruckter Form erschien, wurde erfolgreich als Internet-Plattform etabliert. An dieser Transformation scheitern viele andere Zeitungsverlage bis heute – sei es, weil sie zu klein sind, um den Umbruch aus eigener Kraft zu bewältigen, sei es, weil ihre Inhaber zu sehr vom Printgeschäft geprägt sind. Das Nichtkönnen oder Nichtwollen hat natürlich Konsequenzen: Die Budgets der kleineren Verlagshäuser schrumpfen von Jahr zu Jahr, weil Werbegeschäft und Leserschaft mehr und mehr ins Netz abwandern. Bis es irgendwann zu spät ist.
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Die Finanzierung ist die eine grosse Herausforderung, mit der die Medienbranche kämpft. Eine andere ist der Mentalitätswandel. Teile der Gesellschaft sind offenbar der Ansicht, dass es traditionelle Medien nicht mehr braucht – eine Haltung, die sich selbst in hohen Staatsämtern findet.
Vor ziemlich genau einem Jahr nahm Ignazio Cassis an einem Wahlkampfauftritt der Tessiner FDP teil. Man müsse in der Schweiz auch mal Dinge sagen, die nicht allen gefielen, sprach der Bundesrat, und man dürfe sich dabei auch nicht gleich von einem «articolo cretino», einem dummen Artikel, einschüchtern lassen. Und da er schon mal dabei war, gestand Cassis gleich noch, dass er selbst gar keine Zeitungen mehr lese. «Sie nützen mir nichts, absolut gar nichts», so Cassis. «Sie helfen mir nicht, die Energie zu finden, um die richtigen Dinge zu tun.» Seit er die Presse meide, arbeite er viel effizienter.
Dummerweise war in Sant’Antonino, wo der Auftritt stattfand, eine Zeitung vor Ort, der Corriere del Ticino, und der berichtete alsbald über die Medienabstinenz des Schweizer Aussenministers.
Alles nicht so gemeint
Am Tag nach Cassis’ Auftritt im Tessin versuchte Michael Steiner, der Medienchef des Aussendepartements, die Situation zu retten. Doch, doch, Bundesrat Cassis informiere sich «jeden Morgen durch den Medienspiegel und die Medienanalyse, welche durch Kommunikation EDA erstellt wird und sämtliche relevanten Medienerzeugnisse aus dem In- und Ausland beinhaltet». Ausserdem werde der Aussenminister «regelmässig durch seine Kommunikationsfachleute in Kenntnis gesetzt, wie Medien über aktuelle Ereignisse berichten». Im Übrigen sei der Herr Bundesrat überzeugt, «dass eine vielfältige Medienlandschaft die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie ist.» Natürlich.
Vielleicht war Cassis über Nacht selbst zu dieser Erkenntnis gelangt. Möglich ist aber auch, dass er bei seinem Wahlkampfauftritt schlicht die Wahrheit gesagt hatte und Zeitungen tatsächlich für entbehrlich hält. Und warum auch nicht? Aus der Sicht von Regierenden sind die Medien natürlich lästig, weil sie sich schlecht kontrollieren lassen. Viel angenehmer und effizienter ist es, wenn man gleich selbst informiert.
Über 120 Medienstellen gibt es mittlerweile bei der Bundesverwaltung, mehr als 400 Kommunikationsfachleute arbeiten daran, ihre Behörden und Departemente gut dastehen zu lassen. Informiert wird über E-Mail, Twitter / X, über Facebook und Instagram, und wenn morgen drei weitere Social-Media-Kanäle eröffnet werden, sind auch dafür wieder staatliche Medienleute und Fotografen nötig.
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Braucht es also die «vierte Gewalt» noch? In der Theorie: natürlich! In ihren Sonntagsreden betonen selbst Politiker regelmässig, wie wichtig die Medien in einer funktionierenden Demokratie seien. In der Praxis darf man mittlerweile Zweifel haben, ob sie das wirklich ernst meinen. Es ist ja nicht nur der Aussenminister. Unter vielen bürgerlichen Politikern ist es inzwischen üblich, an «den Medien» kein gutes Haar zu lassen. Zu Mainstream, zu links, zu boulevard, zu woke, reinste Propagandaschleudern – die Liste der Vorwürfe ist lang. Da verwundert es kaum noch, dass der heutige Medienminister Albert Rösti nicht nur die No-Billag-Initiative mitlancierte, sondern auch die Halbierungsinitiative mit auf den Weg brachte, die der SRG die Hälfte der Einnahmen streichen will.
Auch bei dieser Vorlage wird vordergründig vor allem über die Kosten diskutiert. Die Schweizer Bevölkerung zahle «die höchsten geräteunabhängigen Zwangsgebühren», klagen die Initianten – als wäre in der Schweiz nicht alles teurer als anderswo. Begleitet wird die Finanzdebatte aber von inhaltlicher Kritik: Die Qualität bei der SRG lasse oft zu wünschen übrig, so die Behauptung des Initiativkomitees. Oder kurz: Der «Staatsfunk» mache einfach ein mieses Programm.
Je öfter solches Vokabular gebraucht wird, desto mehr sickert es auch in die Köpfe der Bevölkerung. Am Ende werden viele tatsächlich überzeugt sein, der öffentliche Rundfunk der Schweiz sei besonders kostspielig und besonders minderwertig.
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Die Zeitungen zu teuer oder gleich überflüssig, der öffentliche Rundfunk von schlechter Qualität: Das kann und darf man alles so sehen. Man muss sich dann aber fragen, was danach kommt, was die Alternativen sind. Mehr als 70 Zeitungen sind in der Schweiz in den letzten 20 Jahren verschwunden; getroffen hat es vor allem die kleineren Regional- und Lokalblätter. Wie man an Tamedia sieht, ist dieser Prozess noch längst nicht abgeschlossen. Womit werden die verschwundenen Zeitungen ersetzt? Mit sogenannten alternativen Medien, also Facebook-Seiten und TikTok-Kanälen? Mit staatlichen Pressestellen?
Und was passiert mit der SRG, sollte die genannte Initiative durchkommen? Wird der heute funktionierende öffentliche Rundfunk dadurch besser? Werden private Anbieter qualitativ hochwertiger informieren, in allen Landessprachen? Werden sie unabhängiger sein als die heutige SRG?
Es ist wie so oft: Etwas zu zerschlagen oder abzuschaffen, geht einfach und schnell. Eine tragfähige Alternative zu entwickeln, ist deutlich schwieriger. Momentan sind Politik und Gesellschaft offenbar der Meinung, dass sich das mit der «vielfältigen Medienlandschaft» schon irgendwie regeln werde. Das wird es auch. Ob dabei etwas herauskommt, was sinnvoll und wünschenswert ist – darüber lässt sich allerdings streiten.