Die Frutiger Geburtenabteilung wird geschlossen
21.03.2025 FrutigenDer Schritt hatte sich abgezeichnet, seit gestern ist er Realität: Das fmi-Spital wird mit Ablauf dieses Monats seine Geburtshilfeabteilung verlieren. Am Donnerstagvormittag wurden Kader und Mitarbeitende des fmi-Spitals informiert, anschliessend werdende Eltern, Partnerinstitutionen ...
Der Schritt hatte sich abgezeichnet, seit gestern ist er Realität: Das fmi-Spital wird mit Ablauf dieses Monats seine Geburtshilfeabteilung verlieren. Am Donnerstagvormittag wurden Kader und Mitarbeitende des fmi-Spitals informiert, anschliessend werdende Eltern, Partnerinstitutionen und Politik.
MARK POLLMEIER
Zuletzt hatte es noch Bestrebungen gegeben, die Massnahme zu verhindern. Verschiedene Grossrätinnen und Grossräte hatten im Kantonsparlament eine Motion zur Rettung der Geburtenabteilung eingereicht. Noch im Februar war mit demselben Ziel eine Stiftung gegründet worden – vergeblich. An seiner Sitzung vom Mittwoch hatte sich der Berner Regierungsrat mit den Plänen der Spitäler fmi AG befasst und für die Schliessung grünes Licht gegeben. Danach ging alles ganz schnell.
«Niemand schliesst gern eine Geburtenabteilung»
Auch wenn die Massnahme nun sehr kurzfristig umgesetzt werde, ein Schnellschuss sei sie nicht, betonten die fmi-Verwaltungsratspräsidentin Karin Ritschard Ugi und Daniela Wiest, die Vorsitzende der Geschäftsleitung, im Gespräch mit dem «Frutigländer». Die fmi AG sei schon seit Frühling 2024 daran, eine Strategie für das künftige Angebot der Spitalgruppe zu erarbeiten. Man habe seitdem viele Gespräche geführt, Abklärungen gemacht, Workshops organisiert. «Niemand schliesst gern eine Geburtenabteilung», so VR-Präsidentin Karin Ritschard Ugi – aber am Ende sei der Schritt unausweichlich geworden.
Das Problem des Fachkräftemangels
Letztlich habe ein ganzes Bündel von Faktoren zu dem Entscheid geführt. Die finanzielle Situation sei dabei nicht einmal der wichtigste, wie fmi-CEO Daniela Wiest ausführte. Es sei zwar so, dass die Spitäler fmi AG in diesem Geschäftsjahr erstmals keine schwarzen Zahlen mehr ausweisen könne. «Aber selbst wenn wir mehr Geld hätten, würde das allein unsere Probleme nicht lösen», so Karin Ritschard Ugi. Die Aufrechterhaltung der Geburtenabteilung sei vor allem auch wegen des Fachkräftemangels schwierig.
Schon im letzten Sommer sei es fast zu Verlegungen von Geburten und Wochenbett-Aufenthalten ans Spital Interlaken gekommen, weil in Frutigen das nötige Personal fehlte. «Es geht ja nicht nur um Ärzte und Hebammen», so Daniela Wiest. Bei einer Geburtenabteilung müsse im Hintergrund ein ganzer Apparat aufrechterhalten werden, um im Fall der Fälle gewappnet zu sein, zum Beispiel ein Operationsteam samt Anästhesie. «Wenn während der Geburt ein Notfall eintritt, geht es um wenige Minuten, dann müssen alle an Ort und Stelle sein», rief Wiest in Erinnerung. Schon wenn gewisse Laborleistungen wie eine Blutgruppenuntersuchung nicht zeitnah erbracht werden könnten, wackle die gesamte Dienstbereitschaft. Fachkundiges Personal zu rekrutieren, sei aber ausgesprochen anspruchsvoll – auch weil die kurzen Reaktionszeiten im Ernstfall ein hohes Mass an Vor-Ort-Präsenz verlangten. Schon jetzt könne der Geburtshilfebetrieb nur aufrechterhalten werden, weil pensionierte Ärzte weiterhin Dienst täten.
Bedarfsgerechte Angebote gefragt
Zu dem Entscheid, die Geburtenabteilung zu streichen, habe aber auch die langfristige Perspektive beigetragen, sprich: die demografische Entwicklung in der Region. «Es geht bei unserer Strategie auch darum, dass wir bedarfsgerechte Leistungen anbieten müssen», erläuterte Verwaltungsratspräsidentin Ritschard Ugi. Der feste Wille sei, beide fmi-Spitäler, also auch jenes in Frutigen, als Akutspitäler zu erhalten, um weiterhin eine gute Gesundheitsversorgung für Bevölkerung und TouristInnen zu gewährleisten. Man würde natürlich gern so viel wie möglich anbieten, so Ritschard Ugi – aber es müsse eben auch funktionieren. Dass es in der Geburtshilfe langfristig funktionieren kann, diesen Glauben hat die Spielleitung zuletzt verloren.
«Alle sind willkommen»
Wie geht es nun weiter? Innerhalb der fmi AG wird es zu einer Konzentration des Geburtshilfeangebots am Standort Interlaken kommen. Die dortige Geburtenabteilung wird also ausgebaut, entsprechende Schritte wurden bereits eingeleitet. Gespräche mit dem Frutiger Personal über eine mögliche Weiterbeschäftigung wurden gestern schon geführt. «Alle in Frutigen angemeldeten Mütter und Beleghebammen sind im Spital Interlaken herzlich willkommen», hiess es in einer Medieninformation der fmi AG, die am Donnerstagmittag versandt wurde.
Was in Frutigen bleibt
In Frutigen werden mit Ablauf des Monats März die Bereiche Geburt und Wochenbett wegfallen. Viele der bisherigen Angebote bleiben am Frutiger Spital aber erhalten, etwa die Informationsanlässe für werdende Eltern, Geburtsvorbereitungskurse, Voruntersuchungen wie ambulante Betreuung durch Beleghebammen («ambulantes Wochenbett») sowie Rückbildungskurse.
Ausbau der Frutiger Notfallstation
Die Hausarztdichte im Frutigland liege aktuell deutlich unter der Empfehlung von einer Vollzeitstelle pro 1000 EinwohnerInnen, informierte die fmi-Spitalleitung. Diese Versorgungssituation werde sich in den nächsten Jahren weiter verschlechtern. Parallel dazu steige die Zahl der Notfall-Konsultationen am Spital. Der fmi-Verwaltungsrat habe deshalb entschieden, die Notfallstation am Spital Frutigen zu stärken und die Zusammenarbeit mit den Hausarztpraxen zu intensivieren. Auch die stationäre Grundversorgung werde weitergeführt und -entwickelt, insbesondere mit dem Fokus auf ein wohnortnahes Angebot für die ältere Bevölkerung.
Erweiterung des psychiatrischen Angebots
Ebenfalls reagieren will die Spitäler fmi AG auf die stark gewachsene Nachfrage nach psychologischer und psychiatrischer Betreuung. In Frutigen soll neu ein stationäres und teilstationäres Angebot aufgebaut werden, das die heute bestehenden ambulanten Therapiemöglichkeiten ergänzt. Der wenig genutzte 1. Stock des Spitalanbaus wird dafür umgestaltet und für die neue Frutiger Psychiatriestation zur Verfügung stehen. Diese soll im Herbst 2025 eröffnet werden und wird sich vor allem auf die Therapie und die Unterstützung älterer Menschen (Gerontopsychiatrie) sowie auf die Krisenbegleitung spezialisieren. Zusätzlich wird angestrebt, ein Mutter-Kind-Angebot aufzubauen, das auf die psychischen Herausforderungen rund um die Geburt fokussiert, zum Beispiel die Behandlung von Wochenbettdepressionen.
Ab Herbst 2025 werden mit dem Ausbau in Frutigen zehn psychiatrische Betten für einen stationären Aufenthalt von Menschen ab 18 Jahren zur Verfügung stehen. Gleichzeitig soll mittelfristig eine Tagesklinik aufgebaut werden.
Die Spitäler fmi AG hat auf ihrer Website weitere Informationen zur Verfügung gestellt, u. a. ein Interview mit Karin Ritschard Ugi und Daniela Wiest: www.spitalfmi.ch/de/aktuell