«Die Gesteinsbewegungen am Spitzen Stein werden permanent überwacht»
15.07.2025 KanderstegDas traumatische Ereignis in Blatten (VS) im Mai 2025 erschütterte besonders die Gemeinden der Berggebiete, so auch Kandersteg. Ist doch 2019 am Spitzen Stein bereits Gestein von rund 20 000 Kubikmeter ins Tal gedonnert und hat sichtbare Spuren hinterlassen. Doch das ist noch lange ...
Das traumatische Ereignis in Blatten (VS) im Mai 2025 erschütterte besonders die Gemeinden der Berggebiete, so auch Kandersteg. Ist doch 2019 am Spitzen Stein bereits Gestein von rund 20 000 Kubikmeter ins Tal gedonnert und hat sichtbare Spuren hinterlassen. Doch das ist noch lange nicht alles, warnen Forscher. Insgesamt sind am Spitzen Stein rund 16 Millionen Kubikmeter Gestein in Bewegung, etwa doppelt so viel wie in Blatten.
JACQUELINE RÜESCH
Die Berge sind in Bewegung, und das schon lange. Die globale Erderwärmung schreitet voran und lässt den Permafrost schmelzen. Das Eis, das wie Zement die Gesteine der höheren Berggebiete zusammenhielt und dem Regen- und Schmelzwasser eine kompakte Oberfläche bot, verschwindet und hinterlässt ungeschützte Lücken im Boden. Dadurch wird der Berg empfindlicher für witterungsbedingte Einflüsse, besonders für Wasserdruck durch Regen- und Schmelzwasser, das in die Klüfte fliesst, den Berg von innen ausschwemmt und das ausgeschwemmte Gestein mitreisst. Die Böden werden zunehmend instabil.
Was schon lange mit den sich zurückziehenden Gletschern offensichtlich war, welche als klaffende Wunden die Berghänge glattpoliert blosslegen, wird nun zur akuten Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt. Doch wie gefährlich ist der zurückgehende Permafrost am Spitzen Stein tatsächlich? Ist Kandersteg so bedroht, wie es Blatten vor dem Ereignis im Mai war?
Beobachtung der Lage
Die Überwachungsarbeiten in Kandersteg sind in vollem Gange. Weil die Gefährdungskarte des Perimeters Spitzer Stein Ende 2026 ausläuft, wurden diesen Frühling Massnahmen zur Erarbeitung einer Neubeurteilung aufgenommen, so die Information der Gemeinde Kandersteg. Die Neubeurteilung des Gebietes um den Spitzen Stein wird im Auftrag der Gemeinde von ausgewählten Spezialisten (Geotest AG, beffa tognacca sa, Hunziker, Zarn und Partner AG) ausgeführt und von der kantonalen Fachstelle für Naturgefahren, unter der Leitung von Nils Hählen, begleitet sowie durch ein unabhängiges Zweitmeinungsteam geprüft.
Eine regionale Begleitgruppe mit Vertretern aus Gemeinde, Tourismus, Gewerbe und weiterer Interessensgruppen wird miteinbezogen und regelmässig über die Lage informiert, so der Bericht der Gemeinde. Ein wesentlicher Teil um den Spitzen Stein wurde als Gefahrenzone erklärt und für Zivilpersonen abgeriegelt.
Die Lage im Frühling und Sommer 2025
Da der Winter 2024/25 relativ schneearm war, verlief die Schneeschmelze im Frühling und Frühsommer relativ unauffällig. Laut eines Berichts der Geotest AG, welche den Spitzen Stein geologisch überwacht, ist das Gestein des Berges seit Juni deshalb auch schneefrei. Somit sind keine winterlichen Schneeschmelzen mehr zu erwarten. Allerdings wurden bedenkliche Bewegungen des Berges gemessen. So bewegte sich der Spitze Stein während des Frühlings um täglich zirka 8 Zentimeter, während sich die Bewegungsraten im Winter auf 0,5 Zentimer beliefen. Im Sommer sollten sich die durchschnittlichen Werte wieder auf schwächere Bewegungen über rund 1 Zentimeter pro Tag belaufen. Wie der Bericht der Geotest AG ebenfalls besagt, verblieb die Abbruchrate in der genannten Zeit in den bereits bekannten Zonen «Ostgrat» und «Frontbereich». Neu sind Abbrüche im obersten westlichen Rutschbereich, wo das Gestein in Richtung Staubbach abrutscht, was im Winter auf der Schneedecke gut sichtbar war und danach im Juni als Staubwolke erkennbar wurde. Allerdings bewegen sich die Abbrüche in kontrollierbarem, das heisst normalem Rahmen, so die Geotest AG.
Wie sicher ist man in Kandersteg?
Auf Anfrage des «Frutigländers» bestätigte Christian Kienholz, zuständiger Projektleiter der Geotest AG: «Der Spitze Stein steht unter permanenter Überwachung.» Der Berg wird monatlich, im Bedarfsfall, wie etwa während der Schneeschmelze, sogar häufiger mit Drohnen überflogen, um konkrete Bilder der Gesteinslage zu erhalten, und wird regelmässig durch die Forscher selbst besucht. Erdsonden und weitere digitale Messgeräte senden täglich die erforderlichen Informationen ans überwachende Forscherteam, das bei wesentlichen Veränderungen gewarnt wird. Im Ernstfall wird somit frühzeitig ersichtlich, was passieren wird und wann. Auf diese Weise kann die Bevölkerung unterrichtet und können die notwendigen Massnahmen ergriffen werden, sagt Kienholz.
Ein Notfallplan wurde vom Kanton Bern durch die Arbeitsgruppe Naturgefahren (naturgefahren.ch) ausgearbeitet und gibt den Gemeinden Abläufe und Verhaltensregeln für Notfälle vor. Die Vorwarnzeit von mindestens 24 Stunden reicht aus, um das gesamte Dorf im Ernstfall zu evakuieren, gemäss den Berechnungen der Arbeitsgruppe. Neu steht der Bevölkerung auch eine Notfall-App zur Verfügung, welche auf dem Smartphone installiert werden kann, und in gefährlichen Lagen Privatpersonen frühzeitig auch direkt warnt.
Kanderstegs Zukunft
Was nun mit dem Spitzen Stein in Zukunft passieren wird, ist unsicher. Kleinere Abbrüche von Gestein sind jederzeit möglich. Vor allem nach stärkeren Regenfällen sind Murgänge möglich. Allerdings sollten diese Aktivitäten nicht das bereits abgesperrte Gebiet überschreiten, wie die laufend aktualisierten Informationen der Gemeindewebsite Kandersteg verdeutlichen.
Dank der 2019 errichteten Schutzdämmen am Oeschibach ist das Dorf Kandersteg nach heutiger Einschätzung sicher. Bewohntes Gebiet sollte nicht von den Gefahren von Murgängen, Felsstürzen oder Gesteinslawinen betroffen sein. Dass die gesamte Gesteinsmasse von über 16 Kubikmeter in ihrer Gesamtheit abbricht, ist nach Angaben der Forscher nicht wahrscheinlich. Allerdings würden derzeit weitere Bäche rund um das Gebiet Spitzer Stein und Oeschinensee in den Überwachungsradium integriert, meint Nils Hähni, Leiter der kantonalen Fachgruppe Naturgefahren, in einem ausführlichen Bericht zur Lage am Spitzen Stein.
JACQUELINE RÜESCH
Gemeinde News-App für Spitzer-Stein-Infos
Diese App richtet sich an EinwohnerInnen teilnehmender Gemeinden (darunter auch Kandersteg), welche über die App Mitteilungen über Neuigkeiten, Veranstaltungen etc. per Push-Nachrichten erhalten wollen. Die App «Gemeinde-News» ist für BenutzerInnen kostenlos und bietet ihre Dienste für mehrere Gemeinden an. Nach Herunterladen über Google-Play oder den App-Store muss die jeweilige Gemeinde angewählt werden. Bei Bedarf können auch mehrere Gemeinden angewählt werden.
JR