Die seltsamen «Stundensteine» am Strassenrand
01.07.2025 KanderstegWas sie wohl bedeuten, mag sich mancher schon gefragt haben, die Steine, die man im Abstand von rund fünf Kilometern auch im Kandertal am Strassenrand findet. Und überhaupt, das scheint doch keinen Sinn zu machen: «13 Stunden von Bern» steht auf dem Kandersteger ...
Was sie wohl bedeuten, mag sich mancher schon gefragt haben, die Steine, die man im Abstand von rund fünf Kilometern auch im Kandertal am Strassenrand findet. Und überhaupt, das scheint doch keinen Sinn zu machen: «13 Stunden von Bern» steht auf dem Kandersteger Stein, den man noch vor dem eigentlichen Ortsbeginn auf der rechten Strassenseite findet.
Eine erste Erklärung: Stundensteine, das sind bearbeitete Steinquader, die im alten Kanton Bern in regelmässigen Abständen am Strassenrand wichtiger Landstrassen aufgestellt worden sind. In früheren Zeiten gaben sie auf dem Gebiet der Stadt und Republik Bern sowie in deren Umgebung die Distanzwerte der «Wegstunden» ab der Stadt Bern (Zytgloggeturm) an. Im Jahr 1783 wurden sie erstmals offiziell beschrieben, und seit 1978 sind die noch verbliebenen rund 95 Stundensteine offiziell geschützt.
Wie kann man sich den Umgang mit solchen Stundensteinen in historischer Zeit vorstellen? Das hängt stark davon ab, zu welchem historischen Zeitpunkt man – fiktiv – reist. Machen wir also zwei Gedankenexperimente, eine kleine Zeitreise ins Jahr 1785 und eine zweite in das Jahr 1822.
Sprung 1: Zurück ins «alte Bern»
Als die Stundensteine 1783 zum ersten Mal beschrieben wurden, gab es sie schon. Aber wir sind ja noch im «alten Bern», und da gingen die Strassen des Kantons noch «ins Ausland», zum Beispiel an den Lac Léman, den Genfersee, oder in die «Sieben Zehnden», also ins Wallis, und in der Berner Oberschicht sprach man durchaus noch oft Französisch.
Der Sprung zurück bringt ans Tageslicht, dass der Zytglogge in Bern, «la grande horloge», also die grosse Uhr, der Nullpunkt aller Wegmasse des alten Kantons Bern war. Zumindest war sie das, seit 1783 «eine topografische Karte der grossen Strasse von Bern nach Genf mit der genauen Entfernung von einer Stadt zur anderen …» erstellt und für gültig erklärt worden war. Auf dieser waren die «pierre milliaires», also die Meilensteine, mit der Gehzeit von einer Stunde im Mass von «Berner Schuh» angegeben. Dabei entsprach eine Wegstunde 5270 Metern. Diese Steine nennt man seit Langem Stundensteine.
Wäre man also beispielsweise im Jahr 1785 zu Fuss von Bern nach Kandersteg gegangen, hätte man bei strammem Marschtempo mindestens 13 Stunden für die rund 60 Kilometer lange Reise gebraucht. Google Maps gibt dafür heute 14 Stunden an, mit dem Auto braucht man aktuell rund eine Stunde.
Heutzutage ist man sich solche «Gewaltmärsche» nur noch vom Militär oder von Extremsportarten gewohnt, aber früher waren sie nicht unüblich. Und man mag sich vielleicht erinnern, dass die Grosseltern noch von solchen heute als ausgesprochen anstrengend angesehenen Unternehmungen berichtet haben.
Was war so wichtig im Kandertal?
Doch was tat man vor 240 Jahren so Wichtiges in Kandersteg, dass man sich solche Märsche antat? Dazu muss man wissen, dass seit dem Hochmittelalter die Reisen zu Fuss oder mit dem Maultier über Lötschen- und Gemmipass vor allem dafür dienten, Gewürze und Tiere zu transportieren. Und das heutige Wallis war aus Schweizer Sicht 1785 – dem Zeitpunkt unserer Gedankenreise – zwar «Ausland», stand aber seit Jahrhunderten in einem engen Verhältnis zum Berner Oberland. Und sogar die Römer hatten diese Routen bereits für Truppenbewegungen benutzt. Doch lohnte sich eine solch lange Reise? Ja, uneingeschränkt. Im späten Mittelalter konnte ein Säckchen Pfeffer fast mit Gold aufgewogen werden. Und Vieh war, ob als Weide- oder Schlachtvieh, die Lebensgrundlage der Menschen in den Tälern.
Der eigentliche «Gewürzweg» war aber der Übergang über den Lötschenpass, der seit alters her auch für Viehtrieb, zum Teil direkt über den Gletscher, genutzt wurde. Dies besonders dann, wenn zum Beispiel das Futter im früh besiedelten Gasterntal Ende des Winters langsam ausging. Nach und nach befasste man sich im Kanton Bern aber auch damit, einen Truppenweg an das Ende des Kandertals bis zur Grenze des Kantons auf dem Lötschenpass auszubauen. Pläne dafür gab es bereits im Jahr 1683.
Die Gemmi-Verbindung wiederum wurde in den Jahren 1739 bis 1748 nicht nur neu geplant, sondern lastenfähig ausgebaut. Es ist bislang nur wenig zur Kenntnis genommen worden, dass diese Planung nicht nur eng mit dem Warenaustausch der längst von kirchlichen Kreisen unabhängigen Republik Wallis zu tun hatte, sondern auch mit dem Erstarken des Bäderwesens, wie man es seit 1604 auch im Simmental und später am Niesen beobachten konnte. Am Horizont der Geschichte war bereits der spätere sogenannte Tourismus sichtbar.
Sprung 2: Nachnapoleonische Zeit
Der zweite Zeitsprung führt ins Jahr 1822 zurück. Der Zeitpunkt ist nicht willkürlich gewählt, denn es war einiges passiert zwischen 1785 – unserem ersten Zeitsprung – und 1822: Napoleon hatte 1798 das Wallis seinem französischen Reich einverleibt und 1803 die gesamte Schweiz neu geordnet. Nach dem Ende Napoleons trat das «neue Wallis» dann 1815 der Eidgenossenschaft bei, und die Reise von Kandersteg ins Wallis war plötzlich eine Inlandsreise geworden.
Zudem verlagerte sich das wirtschaftliche Interesse ganz langsam ins Touristische. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlangte Leukerbad einen internationalen Ruf wegen seiner «heylenden Wasser», und war so bekannt, dass die Druckerei «Imprimerie Naterer» in Sion nach 1714 sogar Bücher darüber veröffentlichte, wie Recherchen ergaben.
Auf dem Verbindungsweg zwischen Leukerbad und Kandersteg war bereits 1742 ein Gast- und Zollhaus im Schwarenbach errichtet worden, das auch als Übernachtungsmöglichkeit und Gasthaus, aber vor allem als Zollstation diente.
Wichtig für die Viehhändler
Die Bedeutung von Kandersteg, das noch lange eine Gemeinde mit Kandergrund bildete, verlagerte sich also langsam ins rein Landwirtschaftliche, aber auch ins Touristische, und 1822 – in der nachnapoleonischen Zeit – waren es wohl vor allem Vieh- und Holzhändler, die den beschwerlichen Marsch von Bern her auf sich nahmen. Nach 1830 wurden auch die Strassen des Oberlandes umfangreich und umsichtig ausgebaut, so auch die von Spiezwiler über Frutigen ins Kandertal.
Wirklich touristische Berühmtheit erlangte der Weg über die Gemmi dann aber viel später, nachdem 1863 der Engländer Thomas Cook eine Gruppe englischer Touristen über die Gemmi geführt hatte.
Stundensteine heute
Eine praktische Bedeutung haben die Stundensteine heute nicht mehr. Sie sind aber im Kanton Bern im Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) erfasst und per Regierungsratsbeschluss seit 1978 geschützt. Sie dürfen daher nur in Absprache mit der Fachorganisation «ViaStoria» versetzt oder restauriert werden, wobei sie möglichst nahe am ursprünglichen Standort belassen und nicht verändert werden sollten.