«Die Vergangenheit loslassen, um der Zukunft Raum zu geben»
14.03.2025 FrutigenSERIE, TEIL 3 Seit anderthalb Jahren dirigiert die russische Berufsmusikerin Elena Shchapova den Kirchenchor Frutigen. Bereits in ihrer Heimat hatte sich die promovierte Musikerin auf Chormusik spezialisiert. Ein CAS-Diplom für Orchesterdirigieren erwarb sie 2021 in Bern. ...
SERIE, TEIL 3 Seit anderthalb Jahren dirigiert die russische Berufsmusikerin Elena Shchapova den Kirchenchor Frutigen. Bereits in ihrer Heimat hatte sich die promovierte Musikerin auf Chormusik spezialisiert. Ein CAS-Diplom für Orchesterdirigieren erwarb sie 2021 in Bern.
PETER SCHIBLI
In die Schweiz kam Elena Shchapova mit ihrem Mann, der Leiter der russischsprachigen Redaktion beim Auslandsdienst der SRG ist (Swissinfo.ch). Da sie bei ihrer Ankunft noch kein Deutsch sprach, fühlte sie sich verloren. «Also ging ich in die erste Kirche, deren Tür offenstand. Wie durch ein Wunder stellte sich heraus, dass der Priester eine Mutter aus dem Baltikum hatte und Russisch sprach. In der Kirche gab es auch einen Chor. Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen», erzählt sie heute.
Die Sprache und die ungewohnte Kultur waren für die initiative Frau aus Russland grosse Herausforderungen. Um Kontakt mit Gleichgesinnten zu finden, wurde sie Mitglied in gleich drei Chören und beteiligte sich aktiv an Proben, Gottesdiensten und Konzerten. «Die Praxis ist die beste Schule», findet die 53-Jährige. «Ab 2017 sang ich bei der Berner Kantorei der Evangelischen Singgemeinde. Die enge Zusammenarbeit mit Kantor Johannes Günther ermöglichte es mir, die Schweizer Laienchor-Mentalität kennenzulernen.»
Wie sie nach Frutigen kam
Der Kontakt zum Chor der reformierten Kirche Frutigen ergab sich durch einen Zufall. Im Jahr 2023 suchte der Kirchenchor Thun-Strättligen einen Partnerchor. Ein Vorstandsmitglied empfahl den Kirchenchor Frutigen. Zwischen August und November 2023 gaben die beiden Chöre mit über dreissig GastsängerInnen, einem Musikerquintett des Berner Symphonieorchesters und renommierten regionalen Interpreten drei Konzerte: in der Kirche Amsoldingen, in der Johanneskirche Thun – und in Frutigen.
Nach diesem Projekt wurde Elena eingeladen, die ständige Dirigentin des Frutiger Kirchenchores zu werden. «Es hat mich tief berührt, dass die SängerInnen sogar bereit waren, den Probentag von Mittwoch auf Freitag und auch die bisherige Uhrzeit zu verschieben, um meinem Terminkalender gerecht zu werden», betont sie.
Eine grosse musikalische Familie
Am Kirchenchor schätzt sie die enge Gemeinschaft, in der sich die Mitglieder gegenseitig unterstützen. «Ich sehe, wie sie gemeinsam Erfolge feiern und Herausforderungen bewältigen, wie sie während den Aufführungen zu einer kreativen Einheit verschmelzen. Das inspiriert mich sehr. Bei jeder Probe habe ich das Gefühl, Teil einer grossen musikalischen Familie zu sein, die durch eine gemeinsame Idee verbunden ist und nach Perfektion strebt», beschreibt Elena ihre Eindrücke.
Ein Chormitglied hat in Elenas Herzen einen besonders tiefen Eindruck hinterlassen. Während der Vorbereitungen für ein Konzert im Jahr 2023 fiel ihr ein älterer Basssänger auf. Er konnte nicht mehr lange stehen und bat darum, sowohl bei den Proben als auch bei den Konzerten sitzend singen zu dürfen. Sein Name war Paul von Känel. Das geschätzte Chormitglied verstarb leider im Februar 2024.
Die Frage nach dem Glauben
Die Möglichkeit, «etwas Grösserem, einer höheren Idee zu begegnen» – das fasziniert Elena Shchapova an der Kirchenmusik. «Ich habe selbst geistliche Musik komponiert und arbeite gerne mit geistlichen Gesängen. Ein sakrales Musikstück ist für mich eine Art ‹Opfergabe›, der ich mit besonderer Ehrfurcht begegne.» Auf die Frage, ob sie ein gläubiger Mensch sei, antwortet sie mit einem Bild: «Ich habe in meinem Leben viele Stürme erlebt. Während eines Sturms gibt es auf einem Schiff keine Ungläubigen.» Ihre eigene Familie war nicht besonders religiös. Eine Kirche gab es in ihrer Kleinstadt nicht. Die Grossmutter allerdings bewahrte eine Ikone des Heiligen Nikolaus auf und betete jeden Abend davor. Dieses Ritual beeindruckte Elena sehr.
Dank der Kirchenmusik konnte auch sie später ihre spirituellen Gefühle ordnen und zum Glauben finden. Anlässlich eines Dirigentenwettbewerbs in Wladiwostok liess sich die junge Musikerin spontan taufen. Mit Überzeugung sagt die Russin: «In der Kirche fühle ich mich heute zu Hause.»
In der Schweiz offenbar auch. Denn Elena verbringt einen Grossteil ihrer Freizeit mit ihrem Mann in der freien Natur. Der Bielersee, das Berner Oberland, speziell die Engstligenfälle sowie die Zugstrecke zwischen Thun und Spiez, haben es ihr angetan.
Gefragt nach ihrer Lebensphilosophie antwortet die Chorleiterin: «Die Vergangenheit loslassen, um der Zukunft Raum zu geben.» In der Tat: Vielleicht hat gerade dieses Lebensmotto der begabten Musikerin aus Sibirien den Weg geebnet, in der Schweiz Fuss zu fassen und im Frutigland neue Erfahrungen zu sammeln.
ZUR PERSON
Elena Shchapova wurde 1971 in der sibirischen Kleinstadt Usolie-Sibirskoje geboren und wuchs in der 4500 Kilometer nördlicher gelegenen Stadt Sussuman auf. Nach der Matura absolvierte sie ein Musikstudium (Klavier, Chorgesang, Musikgeschichte, Musiktheorie). In Magadan im äussersten Osten Russlands spezialisierte sie sich an der Kunstfachschule im Fachbereich Chorleitung. In Krasnojarsk, der drittgrössten Stadt Sibiriens, erlernte sie an der Kunsthochschule das Dirigieren und war am dortigen Opernhaus als Chorleiterin tätig. Ausserdem erwarb sie am Nizhny Novgorod Konservatorium für Musik ein Konzertdiplom als Dirigentin.
2003 zog sie nach Moskau, wo sie als Leiterin eines Vokalensembles tätig war. 2006 wurde sie stellvertretende Leiterin des Tschaikowsky-Sinfonieorchesters, 2009 Vizerektorin für Konzerttätigkeit an der Moskauer Akademie für Chorkunst und später Leiterin der Kulturprojekte bei der «Kaiserlichen Russischen Musikgesellschaft». An der Moskauer Chor-Akademie promovierte sie mit einer Dissertation über Chormusik in Russland.
In die Schweiz übersiedelte Elena Shchapova im Jahr 2013. Im Jahr 2021 erwarb sie an der Berner Hochschule der Künste ein CAS in Grundlagen des Orchesterdirigierens und war als Musiklehrerin an der russischen Schule tätig. Ebenfalls seit 2021 leitet sie mehrere Chöre, darunter den Kirchenchor Thun-Strättligen, zwei Gospel-Chöre im Oberaargau, den Kirchenchor der römisch-katholischen Kirchgemeinde Thun und den Chor der reformierten Kirche Frutigen. Elena Shchapova ist mit dem Journalisten Igor Petrov verheiratet und lebt in Bern.
PS