Eine Gämsfalle in schwer zugänglichem Gebiet
29.10.2024 NaturUm in den weit auseinanderliegenden Jagdbanngebieten Inzucht zu vermeiden, siedelte man im letzten Jahrhundert fortpflanzungsfähige Tiere um. Rotwild einzufangen, war allerdings eine knifflige Aufgabe. Der Reichenbacher Wildhüter Adolf Jüsy baute einen Pferch, der noch ...
Um in den weit auseinanderliegenden Jagdbanngebieten Inzucht zu vermeiden, siedelte man im letzten Jahrhundert fortpflanzungsfähige Tiere um. Rotwild einzufangen, war allerdings eine knifflige Aufgabe. Der Reichenbacher Wildhüter Adolf Jüsy baute einen Pferch, der noch heute existiert.
KATHARINA WITTWER
Um 1850 gab es in den Schweizer Alpen kaum mehr Wild. Steinbock, Gämse, Rothirsch, Luchs, Bär Steinadler und Bartgeier waren grösstenteils oder ganz ausgerottet. Die Gämse überlebte als einzige Art. Nutztiere wie Rinder oder Schafe liess man in den Wäldern weiden, sofern der Baumbestand noch nicht abgeholzt worden war.
Um dem Raubbau an Flora und Fauna Einhalt zu gebieten, erliess der Bund erste Naturschutzgesetze, die 25 Jahre später in Kraft traten. Landesweit führte man Jagdvorschriften ein, verbot das Waldweiden, schied eidgenössische Jagdbanngebiete aus und regelte die Wildhut. Kurze Zeit später wanderten von Osten her Rothirsche ein.
Der Jagdbann zeigte Wirkung
Seit 1891 ist das hintere Kiental eines von drei eidgenössisches Banngebieten im Berner Oberland. In einigen der insgesamt 42 Schweizer Jagdbanngebieten erholte sich der Gämsbestand rasch – so unter anderem im Kiental. In nicht zusammenhängenden Gebieten bestand die Gefahr von Inzucht. Um diese zu verhindern oder um neue Kolonien zu gründen, wurde gegen Ende des zweiten Weltkrieges von höchster Ebene ein Genaustausch vorgeschrieben: Gesunde Tiere bis zu sechs Jahren – männlich oder weiblich, mit oder ohne Kitz – mussten von A nach B oder nach C umgesiedelt werden. Einfach war dieses Unterfangen keineswegs, denn Betäubungsgewehre waren damals noch unbekannt oder die Anwendung zu kostspielig.
Ein ausgeklügelter Mechanismus
Adolf Jüsy war von 1938 bis 1975 Wildhüter in den Gemeinden Reichenbach, Aeschi und Krattigen. Auch er wurde verpflichtet, während einiger Wochen im Spätherbst Gämsen einzufangen. Der Naturkenner und -beobachter kannte die Wildwechsel in- und auswendig. Bald fand er eine geschützte, schwer zugängliche Stelle direkt unterhalb einer Felswand, die er für den Bau einer Gämsfalle als ideal erachtete (Bild 1).
Aus Fichtenholz, das vor Ort gewachsen war, zimmerte der handwerklich geschickte Mann einen «Stall», den er mit Schindeln deckte. Den Dachbalken verankerte er in der Felswand (Bild 2), was für ihn als patentierten Bergführer ein Leichtes war. Die Masse betrugen ungefähr 6 auf 1,5 Meter. Die talseitige Bretterwand verstärkte Jüsy mit einem Hühnerhofzaun (Bild 3). Vorne und hinten montierte er eine Falltüre. Auf ein Brett in Bodennähe streute er Salz als Lockstoff (Bild 4). Sobald ein Tier mit einem Huf darauftrat, sausten dank eines ausgeklügelten Mechanismus beim Mittelpfosten (Bild 5) beide Falltüren hinunter. Um ein Verklemmen zu verhindern, schmierte der Wildhüter die Führungskanäle (Bild 6) regelmässig mit einer Speckschwarte. «Wie lange Vater mit dem Bau beschäftigt war, weiss ich nicht. Wahrscheinlich musste er den ‹Färrich› mehrmals optimieren. Bestimmt sind viele Tiere bloss hindurchgerannt», weiss der inzwischen pensionierte Sohn Peter.
Damit Adolf Jüsy nicht täglich den mühsamen Aufstieg zum Fanghaus unter die Füsse nehmen musste, erfand er ein Signal, das ausgelöst wurde, sobald sich die Türen geschlossen hatten. Dank dieser cleveren Erfindung brauchte er bloss jeden Tag mit dem Töff zu einer gewissen Stelle an der gegenüberliegenden Talseite zu fahren. Von dort aus hatte er dann freie Sicht auf die Falle oder das Signal.
Das Einfangen war eine Herkulesaufgabe
«Meine Brüder und ich durften Vater und seine Helfer – Wildhüter aus Nachbarsgemeinden – in den Schulferien ab und zu begleiten. Das war für uns äusserst spannend», erzählt Peter Juesy.
Wie bringt man panische Gämsen – manchmal waren bis zu vier Geissen, Böcke und Kitze eingesperrt – von ihrem «Gefängnis» in einen Transportkorb? Ihn vor einen Eingang zu stellen und die Falltüre zu öffnen, funktionierte nicht. Diese Erfahrung machten zwei Handlanger. Das verängstigte Tier sauste wie vom Blitz getroffen aus dem Pferch, überrannte die Männer, und der Korb flog in hohem Bogen davon. Ein anderer meinte, er sei gewiss kräftig und könne so ein Tier eigenhändig packen. Auch dieses Experiment endete böse: Die Gämse wehrte sich und fügte dem Prahlhans mit Hörnern und Hufen schlimme Fleischwunden und Prellungen zu.
Als erfolgreicher entpuppte sich folgende Methode: Vater Jüsy kletterte aufs Dach und liess ein Seil hinunter, dessen Ende er zu einer Schlaufe verknotet hatte. Ähnlich einem Lasso umfasste die Schlaufe die Krucken (Hörner). Nun zog er das Seil ein wenig hoch. Sobald die Gämse in der Luft schwebte, konnte ein Kollege das Tier packen. Bei hörnerlosen Kitzen funktionierte dieser Trick allerdings nicht. War seine Mutter bereits im Korb, suchte das Jungtier aber meist von alleine ihre Nähe.
Der Transport – eine weitere Knacknuss
Einen Korb mit einer sich ständig bewegenden Gämse im steilen, rutschigen Gelände zur Seilbahn hinunterzutragen, war eine körperliche Höchstleistung. Wahrscheinlich ist der eine oder andere Träger dabei gestürzt und die Fracht machte sich selbstständig. Peter Juesy erinnert sich an einen Vorfall, der ihn noch lange beschäftigte. «Einmal riss das Zugseil der Transportbahn. Im Korb befanden sich eine Geiss und ihr Junges. Der Korb donnerte talwärts und prallte ungebremst in einen Mast. Das Kitz überlebte, weil es von der Mutter abgefedert wurde. «Da es als Waise keine Überlebenschance hatte, musste Vater das Kleine erlösen.»
Die Wildhüter von Reichenbach, Frutigen und Kandersteg besassen je einen VW Käfer. Auf jedem Autodach konnten zwei Körbe mit der lebenden Ausbeute festgezurrt werden. So reisten sie in die Innerschweiz, ins Wallis, ins Tessin, ins Glarner- oder gar ins Bündnerland, wo das frische Blut willkommen war.
In dieser Falle wurden zwischen 1944 und 1970 ungefähr 200 Gämsen eingefangen und umgesiedelt. «Durften wir Buben ausnahmsweise mitfahren, war das für uns ein grossartiges Erlebnis.» so Peter Juesy. Daran, dass Gämsen aus anderen Gebieten ins Kandertal gebracht worden waren, kann sich der inzwischen pensionierte Jagdinspektor nicht erinnern. Eigentlich hätte es so sein müssen.
Wie aus Jüsy Juesy wurde
Als er 1994 kantonaler Jagdinspektor wurde, wurde dem damaligen Peter «Jüsy» eine elektrische Schreibmaschine mit einem kleinen Display zur Verfügung gestellt. Dieses einst kostspielige «Wundergerät» sei vorher wahrscheinlich in einem Büro in Bern in Gebrauch gewesen, bevor es dort durch einen Computer ersetzt wurde, vermutet er. Leider hatte das ominöse Gerät eine für Jüsy folgenschwere Macke: die ü-Taste war blockiert. Also machte er aus der Not eine Tugend und schrieb seinen Familiennamen fortan statt mit «ü» statt mit «ue». «Ich blieb bei dieser Schreibweise, obwohl ich seit Jahren mit einem funktionierenden PC arbeite», sagt Peter Juesy. Im Reisepass und auf der Steuerrechnung stehe aber weiterhin «Jüsy».
WI