Er stellt seit 30 Jahren Holzschindeln in Handarbeit her
08.07.2025 Porträt«Ich habe mir die notwendigen Arbeitsschritte selbst beigebracht, mein Flair für das Hölzige war hilfreich. Früher wurden Holzschindeln von den Bauern im Winter für den Eigenbedarf hergestellt, es handelt sich dabei um eine alte Handwerkstradition, die in der ...
«Ich habe mir die notwendigen Arbeitsschritte selbst beigebracht, mein Flair für das Hölzige war hilfreich. Früher wurden Holzschindeln von den Bauern im Winter für den Eigenbedarf hergestellt, es handelt sich dabei um eine alte Handwerkstradition, die in der gesamten Schweiz zu finden ist», erzählt Alfred Schmid. Der Frutiger gibt Einblick in das heute selten gewordene Handwerk und erklärt, welche Hölzer es dazu braucht.
Seit gut 30 Jahren stellt Alfred Schmid in Handarbeit Holzschindeln her, die auf Dächern und an Fassaden Verwendung finden. Seine Liebe zum Holz entdeckte er auf Umwegen, sein Vater und seine beiden Brüder waren gelernte Zimmerleute. Damit fand er zu seiner Leidenschaft, dem Schindeln. Ein heute eher seltenes Handwerk, das auf alten Traditionen fusst und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
In Frutigen kennt man Alfred Schmid unter seinem liebevollen Kosenamen «Zündli-Fred». «Das ist doch der ganz oben am Zündliweg, welcher Schindeln herstellt», hört man oft sagen. Alfred Schmid tut dies seit über 30 Jahren mit Herzblut. Wohlverstanden, er ist 87-jährig und seine Leidenschaft hält ihn fit. Der «Frutigländer» trifft den Schindelmacher an einem heissen Julitag draussen an seinem Arbeitsplatz. Zwei wache Augen und ein schelmisches Lachen zur Begrüssung, umgeben vom typischen Holzgeruch – man fühlt sich gleich willkommen.
Handwerk mit grosser Tradition
Das mit dem Schindeln sei so eine Sache, beginnt Schmid zu erzählen: «Ich habe mir die notwendigen Arbeitsschritte selbst beigebracht, mein Flair für das Hölzige war hilfreich. Früher wurden Holzschindeln von den Bauern im Winter für den Eigenbedarf hergestellt, es handelt sich dabei um eine alte Handwerkstradition, die in der gesamten Schweiz zu finden ist. Jedoch ist es zunehmend schwieriger, Schindler zu finden, die nach traditioneller Art und Weise arbeiten», präzisiert er.
Schmids Holzschindeln kommen bei denkmalgeschützten Häusern, bei Neubauten und Renovationen zum Einsatz. Auf Dächern erfolgt die Verlegung vierlagig, an Fassaden genügen zwei Lagen. Darunter befindet sich ein Lattenrost, auf den die Schindeln angenagelt werden. Schmid erklärt: «Für eine Dachfläche von einem Quadratmeter werden etwa 40 Schindeln benötigt. Die Kosten dafür betragen gegen 180 Franken für Holz von der Rottanne, für Lärchenholz liegt der Preis um die 300 Franken pro Quadratmeter Dachfläche.» Den Unterschied macht die Lebensdauer, Rottanne hält etwa 40 Jahre, Lärchenholz gut das Doppelte.
Schindeldächer halten im Vergleich zu konventionellen Dächern weniger lang. Wer also die grössere Investition in Kauf nimmt, hat seine Gründe, beispielsweise spielt die Bewahrung der ursprünglichen Bausubstanz oft eine Rolle. Weiter benötigt ein mit Schindeln eingedecktes Haus aus Brandschutzgründen einen deutlich grösseren Abstand zu den Nachbarliegenschaften.
Vom schattenseitigen Baum zur passenden Holzschindel
Nach diesen Erklärungen wechselt Alfred Schmid zur Praxis und legt sein Werkzeug bereit. «Früher teilte man das Holz ausschliesslich in Handarbeit mit dem Schindeleisen und einem Holzhammer. Heute erfolgt das Spalten mit einer Spaltmaschine. Trotzdem, ein Teil Handarbeit bleibt und dafür sind Erfahrung und Fingerfertigkeit unerlässlich», sagt er mit Berufsstolz. Alles beginnt mit der Baumauswahl. «Nur schattenseitig gewachsene Bäume sind für das Schindeln geeignet, beispielsweise im Suldtal oberhalb von Aeschi zu finden. Zusammen mit dem Revierförster suche ich mir geeignete Rottannen und Lärchen aus, gefällt wird im Dezember», sagt Schmid. Schattenseitiges Holz wächst langsamer, ist dichter und weist engere Jahresringe auf, perfekt zum Schindeln.
Die Baumstämme werden in 62 Zentimeter lange Rundträmel zersägt, eine Schindel ist genauso lang. Diese Rundträmel spaltet Schmid von Hand in sechs Einzelblöcke, die wie Tortenstücke aussehen. Danach entfernt er das Kernholz und beginnt mit dem Schindeln. Mit geübter Hand stellt er den keilförmigen Einzelblock stirnseitig unter das Spaltbeil und lässt dieses senkrecht nach unten fahren. «Meine Hände liegen aussen am Block, mit entsprechendem Druck beeinflusse ich die Laufrichtung des Beils und damit die Schindeldicke.
Sieht einfacher aus, als es ist», erklärt Schmid. Die fertigen Schindeln sind acht bis fünfzehn Millimeter dick und bis zwölf Zentimeter breit. Zum Schluss werden diese per Axt stirnseitig parallel gehauen und mit einem Eisenband zu Bündeln geschnürt. Der Dachdecker kann die bestellte Ware dann abholen.
Langsam kürzertreten
Bis vor kurzem war Alfred Schmid noch auf Dächern anzutreffen. Man arbeitet im Team, pro Tag wird eine Fläche von zwei bis drei Quadratmetern verlegt. Die Schindellagen überlappen sich seitlich und von oben nach genauen Massvorgaben, nur so ist die notwendige Regendichtigkeit garantiert.
«Mein Arzt hat mir angeraten, die Dacharbeit wegzulassen. Ich werde nicht jünger, aber mit dem Schindeln an der frischen Luft höre ich nicht auf, das bereitet mir zu viel Freude», meint Schmid. Auf die Frage, wie viele Holzsplitter während der Arbeit in seine Hände gedrungen seien, winkt er ab. Und wie viele Schindeln hat er bis heute gespalten? Schmid antwortet schmunzelnd: «Weit über 200 000 Stück, zu finden im Berner Oberland.»
TEXT UND BILDER: GERHARD KAPPHAHN
ZUR PERSON
Alfred Schmid ist 87-jährig und seit 67 Jahren mit seiner Ehefrau Anna verheiratet. Sie haben vier Kinder und sind seit drei Monaten Urgrosseltern. Alfred Schmid wohnt seit Lebzeiten in Frutigen. 1954 trat er im Dorf bei der Firma Jost AG Metallbau die Berufslehre zum Bauschlosser an, die er 1958 erfolgreich abschloss. Er blieb seinem Arbeitgeber bis zur Pensionierung im Jahr 2003 treu, abgesehen von einem kurzen, halbjährigen Abstecher zum Zeughaus Frutigen. Die dortige Arbeit sagte ihm jedoch wenig zu und er kehrte kurzerhand zur Jost AG zurück. Dort war er beispielsweise für die Metallbaukonstruktion der Zwischenstation Eselmoos der Gondelbahn Silleren in Adelboden verantwortlich. In seiner Freizeit stellt er seit gut 30 Jahren Holzschindeln her und geht regelmässig wandern.