«Es ist mehr als ein Kärtchen»
04.07.2025 GesellschaftÜber 200 000 Menschen in der Schweiz besitzen eine KulturLegi. Was als einfache Ermässigungskarte begann, ist zum Symbol für soziale Teilhabe geworden. Marylise Schiesser blickt auf ihr erstes Jahr als Leiterin der Geschäftsstelle KulturLegi der Caritas Schweiz ...
Über 200 000 Menschen in der Schweiz besitzen eine KulturLegi. Was als einfache Ermässigungskarte begann, ist zum Symbol für soziale Teilhabe geworden. Marylise Schiesser blickt auf ihr erstes Jahr als Leiterin der Geschäftsstelle KulturLegi der Caritas Schweiz zurück.
Marylise Schiesser, Sie leiten die Geschäftsstelle der KulturLegi seit zwölf Monaten. Wie blicken Sie auf diese letzten Monate zurück?
Marylise Schiesser: Es war ein intensives, lehrreiches und bereicherndes Jahr. Ich kannte die KulturLegi zuvor nur entfernt, von aussen. Heute weiss ich, wie viel Koordination, Organisation, Vernetzungsarbeit und Entwicklung dahintersteckt. Besonders beeindruckt hat mich aber die grosse Wirkung. Die KulturLegi ermöglicht über 200 000 Menschen ein Stück Normalität, Würde und gesellschaftliche Teilhabe.
Erst seit Kurzem zählt die KulturLegi mehr als 200 000 Nutzende – ein Grund zur Freude?
Eine überwältigende Zahl, doch leider nicht nur im positiven Sinn. Die grosse Nachfrage zeigt, wie wichtig unser Angebot ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie viele Menschen in der Schweiz auf Unterstützung angewiesen sind.
Eine KulturLegi erhält nur, wer nachweislich am oder unter dem Existenzminimum lebt. So erfreulich die Weiterempfehlungsrate von 99 Prozent der Nutzenden ist, so spiegelt die wachsende Nachfrage doch auch die gesellschaftliche Ungleichheit wider. Und das beschäftigt mich persönlich sehr.
Wie erleben Sie die Wirkung der Kultur-Legi?
Für viele ist die KulturLegi weit mehr als ein zusätzliches Kärtchen im Portemonnaie oder der Zugang zum Caritas- Markt. Es geht um gesellschaftliche Teilhabe und Lebensqualität. Die KulturLegi schafft für Menschen mit kleinem Budget vergünstigten Zugang zu schweizweit über 4200 vielfältigen Angeboten in den Bereichen Sport, Kultur, Bildung und Gesundheit. Für jede Altersgruppe und jeden Geschmack gibt es etwas Passendes – und das schafft echte Inklusion. Ich denke dabei an Eltern, die dank der KulturLegi ihr Kind in ein Sportlager schicken können, oder an ältere Menschen, die endlich mal wieder eine spannende Ausstellung im Museum besuchen dürfen.
Was hat sich im letzten Jahr verändert?
Ein wachsender Fokus liegt auf Community Building. Mit der Initiative «Gemeinsam mehr erleben» ermutigen wir Menschen mit der KulturLegi, Freizeitaktivitäten zusammen zu geniessen und Freude zu teilen. Das fördert das Gemeinschaftsgefühl und baut Hemmschwellen ab, gerade für Menschen, die sonst eher allein unterwegs sind. Wir nehmen gezielt Gruppenangebote in das Programm auf und arbeiten mit Freiwilligen, die sich für Inklusion engagieren.
Wo sehen Sie noch Entwicklungspotenzial?
Ein grosses Thema für mich ist die ungleiche geografische Verteilung. Viele Angebote konzentrieren sich auf städtische Räume. Besonders wer auf dem Land lebt, ist hierzu auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Doch Mobilität ist teuer und deshalb oft ein grosses Hindernis, KulturLegi-Angebote zu nutzen. Diese Hürde wollen wir senken. Ein weiterer Fokus liegt auf der Weiterentwicklung der digitalen KulturLegi – die Karte gibt es mittlerweile auch als App. Dabei möchten wir zum Beispiel Prozesse effizienter gestalten und die Nutzung noch besser analysieren können.
Was motiviert Sie persönlich bei Ihrer Arbeit – und was wünschen Sie sich für die Zukunft der KulturLegi?
Es berührt mich immer wieder zu spüren, wie konkret die KulturLegi das Leben von Menschen mit wenig Geld verändert. Sie ermöglicht Teilhabe, wo vorher Ausschluss war. Viele Nutzende berichten, dass sie dank der KulturLegi nicht nur überleben, sondern auch mal leben können. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir unsere Angebote noch gezielter auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Betroffenen abstimmen können, zum Beispiel durch digitale Lösungen, neue Partnerschaften und mehr Reichweite. Unser Ziel lautet: Niemand soll ausgeschlossen werden.
INTERVIEW: DARIA JENNI / CARITAS
Was ist die KulturLegi?
Zum Bezug einer KulturLegi ist im Kanton Bern berechtigt, wer in einer Partnergemeinde wohnt und Unterstützungsleistungen erhält oder über ein geringes Einkommen verfügt. Im Frutigland sind die Gemeinden Kandergrund, Kandersteg, Krattigen, Reichenbach und Spiez dabei. Weitere Informationen zur KulturLegi auf www.kulturlegi.ch.