«Freie Adler» verlassen den Horst
27.06.2025 FrutigenDie Erlebnis.Schule feierte ihr Schulfest im Kirchgemeindehaus Frutigen. Zum ersten Mal musste sich das Team um Schulleiterin Anna Katharina Baumgartner von vier Schulabgängern verabschieden, was sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge taten.
RAHEL ...
Die Erlebnis.Schule feierte ihr Schulfest im Kirchgemeindehaus Frutigen. Zum ersten Mal musste sich das Team um Schulleiterin Anna Katharina Baumgartner von vier Schulabgängern verabschieden, was sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge taten.
RAHEL ROESTI
«Es soll ein Freudefest sein, dennoch hat es auch einen traurigen Aspekt, wenn man jemanden gehen lassen muss», sagte Anna Katharina Baumgartner zu Beginn der Verabschiedung am 19. Juni der ersten 9. Klässler, die heuer die Erlebnis.Schule verlassen.
Was vor acht Jahren mit zwölf Kindern im Zyklus 1 begann (bis 2. Klasse), ist zu einer Institution mit 60 Lernenden herangewachsen. In den Anfangszeiten arbeitete Anna Katharina Baumgartner ehrenamtlich, denn sie glaubte immer an das Konzept der neuen Schule und wollte ihr Herzensprojekt auf keinen Fall bei den ersten Hürden aufgeben. Heute ist die Schule voll ausgelastet und soll nicht weiterwachsen. Es schmerzt die Frutigerin jedes Mal, wenn sie einer interessierten Familie – oft in einer Notlage – absagen muss. Auch platzte die Erlebnis.Schule fast aus allen Nähten. Im November 2024 wurden daher auf dem Pausenplatz in Wengi zwei neue Zimmer aufgebaut, ein Gruppenzimmer sowie ein Klassenzimmer, zusammengestellt aus fünf Holz-Containern, die von der Firma Zurbrügg Holzbau, Reudlen bei Reichenbach, gebaut wurden. In einer Lerngruppe von 15 Kindern, der die SchülerInnen selbst den Namen «Freie Adler» gaben, durften die Oberstufenschüler viel lernen. Die vier 9. Klässler schauen gern zurück.
Start in den Berufsalltag
Samuel aus Kandergrund war in der 5. Klasse an die Erlebnis.Schule gekommen. Als markantester Unterschied zur Volksschule fiel ihm das eigenständige Lernen an der Erlebnis.Schule auf sowie die auf jeden Schüler individuell zugeschnittenen Wochenpläne anstelle eines sich immer wiederholenden Stundenplans. Besonders gerne besuchte er den Werkunterricht und er schätzte die vielen Exkursionen, wie er sagt. Ihm gefiel der respektvolle Umgang und, dass auch der Spass nie zu kurz kam. Sein beruflicher Weg beginnt im Feusi Bildungszentrum in Bern, wo er das 1. Jahr am Gymnasium in Angriff nehmen wird.
Leo aus Scharnachtal ging seit Anfang der 3. Klasse in Wengi zur Schule. Auch ihm gefiel das selbständige Arbeiten. Als Grundlage dient der Erlebnis.Schule der Lehrplan der Volksschule. Qualifizierte Lernbegleitende beraten das Kind kompetent und begleiten es liebevoll in motivierender Atmosphäre. Dazu tragen auch der Verzicht auf herkömmliche Lernkontrollen und die Notengebung bei, was Leo nach eigener Aussage teilweise fehlte. Seine Familie war damals die erste Familie, die der Schule wegen aus Gümligen zugezogen war. In der Zwischenzeit haben es ihnen schon mehrere Familien gleichgetan. Leo besucht ab diesem Sommer den Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Stettlen.
Niculin kam Anfang der 7. Klasse an die Erlebnis.Schule, davor besuchte er die Rudolf Steiner Schule in Steffisburg. Aufgewachsen und wohnhaft ist er auf einem Bauernbetrieb in Unterseen. Den weiten Schulweg bewältigte er meist mit dem Velo, rund 40 Minuten dauerte die Fahrt ins Schulhaus in Wengi und er war so sogar schneller als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Er freut sich auf die Ausbildung zum Landwirt und wird das erste Jahr auf einem Betrieb im Fricktal arbeiten, der auf biologische Landwirtschaft spezialisiert ist.
Elias aus dem Kiental war seit der 5. Klasse an der Privatschule in Wengi zur Schule gegangen. Er schätzte besonders den Umgang miteinander und dass man in seinen persönlichen Stärken gefördert. Seine Lieblingsfächer waren Zeichnen und Mathe. Er beginnt im Sommer seine Ausbildung zum Elektroniker EFZ in der Ruag Wilderswil.
Worte des Abschieds
Lernbegleiterin und Verantwortliche Zyklus 3, Brigitta Spühler, hatte die Abschiedsgeschenke in alte Schweizerkarten eingepackt. Passend zum Wegweiser im Schulzimmer der Oberstufe, worauf «zäme underwägs» steht, was sie nun die letzten drei Jahre waren. «Am Ziel simer (fasch) immer zäme aacho.»
Anschliessend ergriff Anna Katharina Baumgartner das Wort und sprach von einem historischen Schulfest «…wo die erstä Adler üse Horst verlah». Sie überreichte den vier Schulabgängern je eine Kristallkugel: «Es ist keine Wahrsagerkugel. Dennoch hat sie eine besondere Bedeutung: Sie steht für eure Zukunft, sie ist noch unbeschrieben und voller Möglichkeiten. Ihr könnt sie mit euren Träumen, Entscheidungen und Erfahrungen füllen. Sie zeigt nicht, was kommt, aber sie erinnert euch daran, dass ihr es seid, die eure Zukunft gestaltet.» Sie konnte sich eine Träne nicht verkneifen. «Und vergässet nie, Zuekunft isch nid das wo chunnt, äs isch das, was ihr drus machet.»