Gefangen im Ferienparadies
24.06.2025 AdelbodenEIN BLICK IN DIE GESCHICHTE – INTERNIERTE ALLIIERTE PILOTEN IN ADELBODEN
Über Deutschland angeschossen, in der Schweiz notgelandet, im Erstklasshotel einquartiert: Das ist – kurz gefasst und lückenhaft – die Geschichte der ...
EIN BLICK IN DIE GESCHICHTE – INTERNIERTE ALLIIERTE PILOTEN IN ADELBODEN
Über Deutschland angeschossen, in der Schweiz notgelandet, im Erstklasshotel einquartiert: Das ist – kurz gefasst und lückenhaft – die Geschichte der US-Internierten im Zweiten Weltkrieg.
In England oder Italien gestartet, bombardierten zwischen 1943 und 1945 Tausende von britischen und amerikanischen Flugzeugen Deutschland unter Hitler. Zahlreiche dieser «Fliegenden Festungen» wurden von deutschen Flabgeschossen getroffen und beschädigt, schafften den Rück!ug nicht und retteten sich in die neutrale Schweiz. 166 US-Bomber notlandeten auf diese Weise in unserem Land, über 1500 überlebende Besatzungsmitglieder wurden daraufhin «interniert» – was gemäss Neutralitäts- und Kriegsvölkerrecht bedeutet, dass sie bis zum Kriegsende in der Schweiz bleiben mussten. Für ihre Unterbringung mietete das Eidgenössische Militärdepartement kriegsbedingt leerstehende Hotels in den Bergen: in Davos, in Wengen und vor allem in Adelboden.
Unverhoffter Geldsegen
Dem kriselnden Kurort war die neue Kundschaft hochwillkommen: Die insgesamt etwa 800 Bomberpiloten und mehrere Crew-Mitglieder residierten teils während anderthalb Jahren in Adelboden. Alle waren Offiziere oder Unteroffiziere und bezogen von der US-Botschaft in Bern einen Sold von 30 Franken pro Tag – damals ein fürstlicher Betrag. In ihren Hotels, mit dem «Nevada Palace» als Hauptquartier, genossen sie zwar nicht den vollen Fünfsterne-Komfort: Die Häuser sollen im Winter kaum beheizt worden sein, an Warmwasser wurde gespart, und zu Essen gab’s einfache schweizerische Militärkost. Letzteres betrübte die Amerikaner aber kaum: Mit ihren gut gefüllten Portemonnaies frequentierten sie häufig die lokalen Restaurants. Auch andere Gewerbetreibende rieben sich die Hände, nicht zuletzt die Sporthändler. Denn die US-Boys vertrieben sich die Zeit gerne mit Tennis, Schwimmen, Eishockey, Skifahren... Der im Winter 1943/44 eröffnete Chuenisbärgli-Lift erfreute sich dank lernfähiger Ski-Neulinge aus Amerika schon im ersten Betriebsjahr eines hochprofitablen Geschäfts.
Ein Kulturschock
Nicht nur kommerziell, sondern auch kulturell brachten die Internierten ungewohnten Schwung ins konservative Adelboden. Sie überraschten mit lockeren Umgangsformen, machten die Einheimischen mit Kaugummi bekannt und unterhielten zwei Jazzbands, deren swingende Tanzanlässe vor allem hiesige Mädchen mit Begeisterung besuchten. All dies öfters zum Verdruss der bodenständigen Älteren im Dorf...
Hart bestrafte Gewissensbisse
Doch nicht alle US-Flieger freuten sich am Interniertendasein. Ein ferienhaftes Leben zu geniessen, während zehntausende Kollegen der US Army sich immer noch im Kampf gegen Nazideutschland aufrieben: Diesen Gewissenskon!ikt hielten manche Internierte nicht aus. Dann entwichen sie bei Nacht und Nebel aus ihren Hotels, schlugen sich irgendwie durch bis an die Grenze zum befreiten Frankreich, um sich von dort aus wieder den US-Streitkräften anzuschliessen. Das gelang einigen – aber wehe denen, die auf dieser Flucht von der Schweizer Heerespolizei aufgegriffen wurden! Man spedierte sie nicht etwa zurück nach Adelboden, sondern sie endeten im berüchtigten Internierten-Stra!ager im luzernischen Wauwilermoos. Dessen Kommandant war ein bekennender Nazi-Sympathisant; umso schwerer machte er amerikanischen Gefangenen das Leben in den ohnehin katastrophalen Lagerverhältnissen.
Good-bye!
Als im Frühjahr 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, konnten die US-Internierten endlich in ihre Heimat zurückkehren. Vor den Bussen, mit denen sie Adelboden verliessen, sollen sich – vielfach fotografisch dokumentiert – herzzerreissende Abschiedsszenen abgespielt haben. Manch ein Flieger hat den Ort seiner Internierung in späteren Jahren wieder besucht. Aber wie war das mit den Mädchen? Nun, man weiss in Adelboden von einer einzigen einheimischen Frau, die «ihren» Amerikaner genügend liebte, um ihm als Gattin in die USA zu folgen.
Und die Briten?
Oftmals geht vergessen, dass zeitgleich mit den Amerikanern etwa gleich viele Angehörige der britischen Streitkräfte in Adelbodner Hotels lebten. Ihre Aufenthaltsdauer war zumeist kürzer, denn die Briten waren keine Internierten. Sie waren aus deutschen Lagern ge!ohene Kriegsgefangene – dieser Status erlaubte es, die Schweiz schon vor Kriegsende zu verlassen. Die Briten vertrieben sich die Zeit in Adelboden auf ähnliche Art wie die US-Fliegercrews – und dennoch sind sie im örtlichen Gedächnis deutlich weniger präsent.
Dies wohl aus drei Gründen: Besucher aus Grossbritannien kannte man im Tourismusort schon längst – ganz im Gegensatz zu den auffälligen US-Amerikanern. Die Briten waren zudem mehrheitlich Soldaten, einfache Leute – wogegen die amerikanischen Unteroffiziere und Piloten gehobeneren Schichten entstammten, mit entsprechendem Auftreten. Die britischen Kriegsgefangenen verfügten auch über sehr wenig Geld, sie konsumierten nicht so viel und tauchten – anders als die US-Internierten – selten in Restaurants auf.
Kirche Adelboden
Welche Kontakte es zwischen Briten und US-Amerikanern gab, ist schwer zu ermitteln; intensiv scheinen sie nicht gewesen zu sein. Immerhin spendeten die beiden Gruppen zum Kriegsende zusammen den Torbogen bei der Kirche, samt Schrifttafel zum Gedenken an die gemeinsame Zeit in Adelboden.
TONI KOLLER
Quellen
Als die US Air Force Schweizer Luftkrieg inszenierte, Golf Dornseif, 2013 Schüsse auf die Befreier – Die «Luftguerilla» der Schweiz gegen die Alliierten 1943-45, Peter Kamber, 1993 Viele amerikanische Piloten überlebten im Zweiten Weltkrieg die Notlandung in der Schweiz – und wollten bald nur noch weg, NZZ Geschichte, Februar 2024 Adelbodmer Hiimatbrief Nr. 56 ZeitzeugInnen in SRF-Dokumentarfilmen
Rund achthundert amerikanische Piloten und Flugbesatzungen verbrachten zwischen 1943 und 1945 teils längere Zeit in Adelbodner Hotels. Lori Gallo-Scott ist die Tochter des damaligen Bordschützen John Scott. Sie weilte zusammen mit Angehörigen kürzlich auf Besuch in der kurzzeitigen, unfreiwilligen Heimat ihres Vaters.
Es kam in der Vergangenheit öfter vor, dass Kinder oder Kindeskinder von alliierten Internierten den Aufenthaltsort ihrer Väter oder Grossväter besuchten. Auch die Amerikanerin Loredana «Lori» Gallo-Scott gehört dazu. Nicht zum ersten Mal schaute sie sich im ehemaligen «goldenen Käfig» ihres Vaters um.
Der Crash im Utzenstorfer Kartoffelacker
Der junge Bordschütze John Scott sass in der Kanzel des B17-Bombers, der am 17. August 1943 während eines Über- !ugs von England nach Nordafrika über Süddeutschland von der deutschen Flugabwehr getroffen wurde. Der Pilot steuerte sein havariertes Flugzeug in den schweizerischen Luftraum, und die Besatzung machte auf einem Kartoffelacker nahe Utzenstorf unsanfte Bekanntschaft mit neutralem helvetischem Boden. Nach einem kurzen Aufenthalt kam Scott nach Adelboden ins Hotel Nevada Palace. Es wurde in dieser Zeit von internierten alliierten Kriegsteilnehmern bewohnt. Überreste des Bombers sind heute noch im Privatmuseum von Rolf Zaugg in Utzenstorf zu sehen.
Liebe auf den ersten Blick im «Adler»
Lori Gallo ist der Spross einer Liebesgeschichte, die sich 1943 in Adelboden zugetragen hatte. Ihre Mutter – eine in Bern wohnhafte junge Frau – verbrachte ihre Ferien in Adelboden und verliebte sich in den schneidigen jungen Bordschützen John Scott. Die beiden entdeckten sich an einer Tanzveranstaltung im Hotel Adler. Beide waren der Sprache des jeweils anderen nicht mächtig, doch John hatte daheim in den USA ein wenig Französisch gelernt und bat bei der Mutter seiner Angebeteten um einen Tanz mit ihrer Tochter – wohl zu den schmissigen Klängen einer der beiden Bands, welche die US-Boys gegründet hatten.
Es sollte nicht bei einer unverbindlichen Ferien-Liebelei bleiben. Der junge Amerikaner setzte alles daran, den Kontakt zur Schweizerin nicht abreissen zu lassen. Nach der Rückkehr in seine Heimat schickte er seiner Angebeteten per Telegramm einen Heiratsantrag. 1946 reiste seine künftige Ehefrau nach New York und heiratete den jungen US-Offizier.
Wenn die Scham zur Flucht antreibt
John Scott war weder begeistert, geschweige denn stolz darauf, Internierter zu sein – im Gegenteil. Der junge Luftwaffensoldat schämte sich. Statt seine Zeit im nutzlosen Luxus zu verbringen, wollte er unbedingt zurück zu seiner Truppe. Er wollte seinen Beitrag an die Befreiung Europas vom Hitler-Joch leisten, genauso wie es seine unzähligen Kriegs-Kameraden taten. Dies trieb ihn zur Flucht, von der er allerdings Zeit seines Lebens nur ungern erzählte. Sie führte ihn vorerst nach Montreux, und von dort mit einem Boot ans französische Ufer des Genfersees. Er schlug sich vorerst durch ganz Frankreich durch und erreichte schliesslich Grossbritannien und dann sein Heimatland.
Falsche Unterschriftzeile: kein Sold
Lori erinnert sich, wie John Scott Bekanntschaft mit der schweizerischen Bürokratie machte. «Eines Monats stellte mein Vater fest, dass sein Monatssold von der amerikanischen Botschaft nicht eingetroffen war. Er ging der Sache nach. Es stellte sich heraus, dass er das entsprechende Formular seiner Schweizer Bank nicht präzis auf der dafür vorgesehenen Linie, sondern leicht darunter unterzeichnet hatte. Dies war Grund genug für den Angestellten, die Überweisung zu verweigern.
Doch zurück in den Frühsommer 2025. Faustus Furrer produziert das geplante Freilichttheaterstück, welches sich dem Thema der Internierten in Adelboden widmet (siehe Kasten). Er liess es sich nicht nehmen, Lori Gallo zusammen mit ihrer Tochter und drei weiteren Verwandten zum Mittagessen einzuladen. Nach der Mahlzeit ging es zum Fototermin unter dem Eintrittsbogen zur Adelbodner Dorfkirche.
Er wurde 1945 von den abreisenden Internierten aus Dankbarkeit für die erwiesene Gastfreundschaft gespendet. Darauf schlenderte das Grüppchen zum Gelände des ehemaligen Hotels Nevada, wo sich die kleine Gesellschaft einen Eindruck von der herrlichen Lage der ehemaligen Luxusherberge verschaffte. Lori Gallo-Scott zeigte grosses Interesse an der von Furrer geplanten Inszenierung des Lebens der Internierten. Sie möchte das Schauspiel im kommenden Sommer gerne besuchen.
RETO KOLLER
Die Geschichte der Internierten auf der Bühne
«The singing Pilots – und ein Dorf steht Kopf» – so nennt sich die Freilicht-Theaterproduktion, welche der ehemalige Frutiger Gemeindepräsident Faustus Furrer (Bild) im Sommer 2026 zur Aufführung bringen wird. Das Stück dreht sich um das Leben der internierte Alliierten während des Zweiten Weltkriegs in Adelboden. «Es war mir ein Vergnügen, die Tochter von John Scott und ihre Verwandten in Adelboden begrüssen zu dürfen», meint der rührige Pensionär.
RETO KOLLER
Infos: freilichtspiele-tellenburg.ch