«Lebenslinien»: Kulturen im Gepäck
22.07.2025 GesellschaftPorträtreihe «Lebenslinien» – 2 von 3
«Eigentlich mag ich Käse und Kartoffeln – das habe ich in der Schweiz kennengelernt. Ich würde sogar sagen: lecker! Aber wenn der Reis kommt, muss der Käse weg. In Somalia essen wir Reis ...
Porträtreihe «Lebenslinien» – 2 von 3
«Eigentlich mag ich Käse und Kartoffeln – das habe ich in der Schweiz kennengelernt. Ich würde sogar sagen: lecker! Aber wenn der Reis kommt, muss der Käse weg. In Somalia essen wir Reis mit Bananen – das ist für mich das Beste».
Über Essen redet Abshir* gerne. Am liebsten mag er die kleinen gelben Bananen, wenn sie richtig reif sind: «Die gibt es in Somalia überall, in den Bergen zum Beispiel, aber eigentlich !ndet man sie immer irgendwo», so beschreibt der 17-Jährige sein Heimatland. Er schwärmt von Anjera, dem traditionellen Frühstück aus sauren Pfannkuchen mit Fleisch, die mit Tee und Zitronen serviert werden. Er erzählt von Früchten, die man nicht isst, solange sie noch grün sind, und von Reis, der erst mit Gewürzen richtig schmeckt. «Ich weiss schon, in der Schweiz kocht man Reis nur mit Wasser, aber bei uns muss man Gewürze reinmachen, das ist wichtig.»
Ein Stück Somalia: Abshir kommt von weit her. Dort, wo er aufgewachsen ist, war vieles anders – und manches auch sehr schön. Er ist in der Hauptstadt Mogadischu gross geworden, zusammen mit seiner Familie. «Mein Vater war Lehrer. Meine Mutter war von Beruf Verkäuferin, aber oft zu Hause. Sie war Hausfrau», erzählt er. «Ich war Schüler, zwei Jahre bin ich in die Schule gegangen. Dort habe ich Englisch und Mathematik gelernt und auch, wie man auf Somali schreiben kann.»
Seine Kindheit war zunächst von vielen Freiheiten geprägt. «Jeden Monat ist dort Sommer», sagt er. Die Kinder waren selten drinnen, immer draussen unterwegs. «Ich ging immer irgendwohin, ich blieb nie zu Hause. Bei uns ist es normal, eine Stunde oder zwei zu Fuss zu laufen – von der Distanz her wie von Frutigen bis Spiez.»
Am liebsten war er am Meer. Oft verbrachte er dort den ganzen Donnerstag und Freitag – denn in Somalia beginnt das Wochenende schon am Donnerstag, nicht wie hier am Samstag. «Ich ging oft im Meer schwimmen, immer mit vielen Kindern zusammen, nie allein.» Unterwegs war es nicht immer ungefährlich. «Auf dem Weg zum Fluss oder ans Meer gab es gefährliche Schlangen. Kleinere haben wir mit einem Finken getötet, bei grösseren brauchte man eine Waffe.» Am Fluss lauerten sogar Krokodile. «Da musste man immer vorsichtig sein.»
Unerwarteter Lebenswechsel: Mit elf Jahren veränderte sich Abshirs Leben schlagartig. Die Terrorgruppe Al-Shabaab machte Mogadischu zu einem sehr unsicheren Ort. «Das ist unser Problem. Diese Jungs. Sie wollen alle Leute töten. Es ist alles nur wegen der Religion», sagt Abshir betroffen. Urplötzlich stand er allein im Leben. Was mit seiner Familie geschah, möchte er nicht erzählen. «Ich kann nicht von meiner Familie erzählen. Das ist sehr schwierig für mich. Aber ich kann erzählen, wie ich in die Schweiz gekommen bin.»
Für ihn war klar: In Mogadischu konnte er nicht bleiben. Er musste weg. Zuerst zog er nach Jamaame, wo er eineinhalb Jahre lebte. Trotz der schwierigen Zeit denkt er gern daran zurück: «Es war so schön dort. Ich könnte sagen: fast wie in der Schweiz, weil es so schön grün war.» Dann ging es für ihn weiter nach Kismaayo. Mit dem Geld aus dem Verkauf eines geerbten Hauses in Mogadischu konnte er von dort seine Flucht ins Ausland !nanzieren. Mithilfe eines sogenannten «Onkels» flog er von Kismaayo nach Nairobi, Kenia. «Das war nicht wirklich mein Onkel. In Somalia und Kenia sagen wir älteren Leuten so, um ihnen Respekt zu zeigen.» Zum ersten Mal in seinem Leben sass er in einem Flugzeug. «Mein Körper war da, mein Kopf aber nicht», sagt er. Mit den Gedanken war er ganz woanders – Erinnerungen, die er nicht hervorholen möchte. In Nairobi lebte er etwa sechs Monate bei diesem «Onkel» – in dieser Zeit verliess er das Haus kaum. «Ich lebte ganz still.» Schliesslich kam er mit der Hilfe von Bekannten per Flugzeug über Italien in die Schweiz.
Ein neues Kapitel: Seit mittlerweile drei Jahren lebt Abshir in der Schweiz. Sein Weg hierher war lang – und für einen Jugendlichen allein kaum vorstellbar. «Es war so, so schwierig für mich. Ich konnte anfangs kein Englisch, obwohl ich davon in der Schule einiges gelernt hatte. Wegen dem vielen Stress habe ich alles vergessen», beschreibt er seinen allerersten Tag in der Schweiz. Genauer gesagt: seine ersten Stunden im Zieglerspital in Bern. An eine Situation erinnert er sich besonders gut: die anderen Somalier, die damals zu ihm kamen, um ihn zu beruhigen. «Ruhig, ruhig», sagten sie immer wieder. Mit einigen von ihnen hat er bis heute Kontakt. «Ismail, Hodan, Amina – das sind jetzt meine Kollegen», erzählt er.
Über mehrere Stationen kam Abshir schliesslich nach Frutigen, wo er heute wohnt. Hier hat er den Status F. Für ihn heisst das: Er darf vorläu!g im Land bleiben, weil es für ihn viel zu gefährlich wäre, nach Somalia zurückzukehren.
Momentan besucht Abshir das IDM in Thun und wechselt im nächsten Schuljahr von der Bpi1- in die Bpi2-Klasse – den nächsten Deutsch- und Integrationskurs. Der Unterricht gefällt ihm. Am meisten Spass macht ihm der Sportunterricht – vor allem Basketball. «Ich bin gross, das ist ein Vorteil!», sagt er und grinst. Manchmal spielt er auch ausserhalb der Schule, zum Beispiel mit Freunden in Frutigen.
In seiner Freizeit trifft Abshir sich gerne mit seinen Kollegen. Am Wochenende fährt er oft nach Bern zu seiner Cousine oder nach Zürich zu seinem Cousin – beide leben schon seit vielen Jahren in der Schweiz. Auch ins Fitnessstudio in Frutigen geht er regelmässig. Seit kurzem hat er seinen Lernfahrausweis und übt fleissig Autofahren. «Das macht mir Spass», sagt er. Zu seinem vollgepackten Programm meint er lachend: «Ich könnte das eigentlich lassen – aber ich will nicht. Ich will auf nichts davon verzichten.»
Mit einem neuen Ausweis – vielleicht bald mehr als nur der provisorische Status F – hofft Abshir, noch mehr Möglichkeiten zu haben. Er will nicht nur hierbleiben, sondern sich eine Perspektive schaffen. «Zuerst möchte ich Detailhändler werden. Mein grosser Plan für später ist es, noch eine Ausbildung in Informatik zu machen, am liebsten etwas in Richtung Virenschutz.» Abshir bleibt dran und schaut nach vorne.
*Aus Rücksicht auf den Wunsch des Interviewten wurden alle Namen im Text geändert
SARAH WNUK
Hintergrund
Das Hautpziel Al-Shabaabs ist es, in Somalia und Teilen Ostafrikas einen strengen islamischen Staat nach ihrer Auslegung des islamischen Rechts zu errichten. Sie lehnen die international anerkannte somalische Regierung ab und bekämpfen sie mit Gewalt.
Das Zieglerspital in Bern wird seit Mitte 2016 als Bundesasylzentrum genutzt. Das Spital bietet Platz für bis zu 350 Asylsuchende, die dort während der Erstaufnahme und Registrierung betreut werden.
SARAH WNUK
Über die Reihe «Lebenslinien»
Im Rahmen meiner Maturaarbeit schreibe ich die Porträt-Reihe «Lebenslinien». Damit will ich jungen Menschen eine Stimme geben, die ihre Heimat verlassen mussten und deren Erfahrungen im Alltag manchmal vergessen gehen. Ich möchte ihre Lebenswege und Fluchtgeschichten nahbarer machen – Geschichten, die mitten im Frutigland weitergehen.
SARAH WNUK