Qualität: Was ist das?
27.05.2025 LeserbriefGeschätzte Redaktion!
Gerne möchte ich Ihnen folgenden Leserbrief, auch aus aktuellem Anlass, zusenden. Julian Zahnd, er verlässt den «Frutigländer» nach 13 Jahren, hat mir ein feines Stichwort geliefert : Eine Zeitung soll Fragen stellen in einer Welt, die ...
Geschätzte Redaktion!
Gerne möchte ich Ihnen folgenden Leserbrief, auch aus aktuellem Anlass, zusenden. Julian Zahnd, er verlässt den «Frutigländer» nach 13 Jahren, hat mir ein feines Stichwort geliefert : Eine Zeitung soll Fragen stellen in einer Welt, die zunehmend nur noch Antworten findet. Als Bürger dieser Gesellschaft (Gemeinschaft?) wollen wir das genauso tun!
Was ist Qualität im Spital? In allen Medien ist davon die Rede. Qualität, warum nur noch im grossen Spital ? Unbestritten ist, dass gewisse Operationen und Eingriffe die nötige Erfahrung und Infrastruktur brauchen. An drei grossen Themenkomplexen möchte ich zeigen, dass die «gute Qualität der großen Spitäler» gar nicht übereinstimmen muss mit der Lebensqualität des einzelnen kranken Menschen.
1.: Rund 50 Prozent der Kranken haben psychosomatisch-soziale Probleme (selbst wenn sie zum Beispiel am Herzen krank sind). Für diese Leute sind die grossen Spitäler mit all ihren Abklärungen und Interventionen oft erschreckend hilflos, ineffizient. 2.: Alte, kranke Menschen brauchen häufig keine Spitzenmedizin, sondern die Angehörigen in ihrer Nähe. Dies ist ebenso wichtig für Erholung und Genesung wie die sinnvolle, korrekte medizinische Therapie. 3.: Patienten in ihrem letzten Lebensjahr verbrauchen 50 Prozent der medizinischen Ressourcen an Geld und personellem Aufwand, also so viel wie im ganzen Leben zuvor. Für diese Patienten am Lebensende oder solche mit unheilbarem Krebs wäre ein gutes Gespräch mit ihnen und ihren Angehörigen viel wichtiger als weitere Radio- und Chemotherapien oder Operationen auf dem Sterbebett. ein Gespräch über Erwartungen, Lebensqualität und unsere Endlichkeit.
Damit zu ein paar weiteren Fragen:
Haben ein Regierungsrat aus der branchenfremden Informatik, Gesundheitsökonomen oder Spitaldirektoren und Politiker überhaupt eine Ahnung, was die vielen Kranken brauchen? Das Denken dieser «Verantwortlichen» ist in erster Linie durch ihre finanzielle Logik bestimmt. Je nach Betrachtungsweise bedeutet Qualität etwas total Unterschiedliches: die Sichtweise aus dem Routinebetrieb des Grossspitals beziehungsweise des kranken Patienten.
Hätte eine veränderte Betrachtungsweise weitere Auswirkungen? Sparpotenzial auf die Krankenkassenprämien? Auf den Massenexodus der Pflefachkräfte? Oder ganz allgemein auf unseren Umgang mit dem ausufernden «medizinisch-industriellen Komplex» mit seinem bedingungslosen Gewinndenken (mit unserer Gesundheit!). Danke, Julian Zahnd, viel Erfolg auf Ihrem beruflichen und persönlichen Lebensweg.
HANS WALTER BÜHLER, KANDERSTEG