Von der Juniorin bis zur Stützpunkttrainerin
11.07.2025 SportJahre, gar Jahrzehnte, bevor hierzulande zur Frauen-EM angepfiffen worden ist, waren Frutigländerinnen schon aktiv im Fussball dabei. Ihre Leidenschaft lässt sie denn auch ihre fussballerische Karriere vorantreiben. Hierbei hilft ihnen die wachsende Akzeptanz und Förderung ...
Jahre, gar Jahrzehnte, bevor hierzulande zur Frauen-EM angepfiffen worden ist, waren Frutigländerinnen schon aktiv im Fussball dabei. Ihre Leidenschaft lässt sie denn auch ihre fussballerische Karriere vorantreiben. Hierbei hilft ihnen die wachsende Akzeptanz und Förderung ihrer Sportart.
Es ist ein Sommerabend kurz vor Beginn der Frauen-Fussball EM und der «Frutigländer» hat sich auf der Anlage des FC Reichenbach zu einer Gesprächsrunde mit drei Fussballerinnen aus der Region getroffen.
Die erfahrenste von ihnen hat vor rund 32 Jahren erstmals die Bälle gekickt. Silvia Stoller, die selbst nicht aus einer fussballbegeisterten Familie stammt, erinnert sich zurück: «Ich ging zum FC Frutigen und blieb dort hängen». Sie, die beim FC Frutigen in der Vergangenheit sowohl ein Frauenteam als auch eine Viertliga Herrenmannschaft coachte, ist aktuell als Trainerin beim Fussballverband Bern/Jura für den Mädchenstützpunkt Berner Oberland tätig.
Die jüngste des Trios, die 12-jährige Sarina Demont, hatte im Alter von vier oder fünf Jahren die Wahl zwischen dem Mädchenturnen oder dem «runden Leder». Sie entschied sich für die Fussballschule beim FC Reichenbach, wo es ihr gefiel. Nach Durchlaufen verschiedener Reichenbacher Juniorenequipen begeistert sie sich nach wie vor für den Fussball. «Man macht Sport, kann mit Freunden zusammen sein und man hat Spass», freut sich die Schülerin, die auf die neue Saison hin den Sprung ins U14-Team der FC Thun Frauen geschafft hat.
«Wir waren am Wochenende immer auf dem Fussballplatz», erklärt die 17-jährige Jessica von Känel. Sowohl ihr Vater als auch ihr Bruder sind fussballerisch aktiv und so schnürte auch die KV-Lernende vor rund zehn Jahren die Fussballschuhe und trat auf den Rasen auf dem Gand in Kien. Ihr Weg führte sie später zu einem Juniorinnenteam beim FC Frutigen und nach einem Abstecher in die Romandie kickt sie mittlerweile beim FC Spiez, ab der kommenden Saison in einem Dritt- oder Viertliga Damenteam.
Zunehmende Integration von Fussballerinnen
Ob vor mehr als 30 Jahren oder doch eher in jüngerer Zeit; Allen drei Fussballerinnen fiel der erste Einstieg in die nach wie vor männlich geprägte «schönste Nebensache der Welt» einfach. Silvia Stoller erinnert sich an den von Beginn weg sehr wohlwollende Trainer und so spielte sie bis im C-Juniorinnen-Alter in einer gemischten Equipe.
Danach musste sie jedoch aufgrund der damals gültigen Regeln in ein reines Frauenteam wechseln, fand dieses beim FC Rot-Schwarz Thun und spielte sogar in Nationalliga-A- und -B-Partien. Sowohl Jessica von Känel als auch Sarina Demont waren zu Beginn die einzigen Mädchen in gemischten Teams.
Nach dem ersten Einstieg
Im D-Junioren-Team allerdings erlebte Jessica von Känel, die heute als Fussballschulleiterin beim FC Reichenbach auch Mädchen in die Fussballwelt einführt, ein paar launige Jungs. Aufgrund deren Klischees Frauen gegenüber wechselte sie dann in eine reine Juniorinnenequipe nach Frutigen.
Ob nun ein Mädchen den Einstieg in den Fussball über eine aus beiden Geschlechtern gemischte Equipe oder über ein reines Mädchenteam findet, ist aus Sicht von Silvia Stoller charakterabhängig. Aus ihrer Erfahrung ist für sehr charakterstarke Mädchen der Beitritt zu einer gemischten Equipe eine gute Möglichkeit. Andere Fussballerinnen wiederum benötigen Gleichgesinnte, die das Selbstvertrauen stärken. Hier erachtet die erfahrene Trainerin den Einstieg über ein reines Mädchenteam als sinnvoller.
Grundsätzlich befürwortet Trainerin Stoller Fussballvereine, die den Frauenund den Herrenfussball abdecken. Diese Integration hat in den letzten Jahren denn auch eine starke Entwicklung erfahren. «Bei den Vereinen spüre ich, dass man viel offener ist, Frauen oder Mädchen eine Plattform anzubieten», stellt sie fest. Manche Fussballvereine, wie zum Beispiel der FC Frutigen, kennen eine Vorstandsvertretung für den Frauenfussball.
Funktionärinnen
Zudem beobachtet Silvia Stoller seit einigen Jahren auch verbandsseitig einen verstärkten Fokus auf Trainerinnen und Funktionärinnen, etwa in der Ausbildung. Dies bedeutet, dass Trainerinnen beispielsweise auch für die Ausbildung von Jungs in Junioren-Teams und Herren-Aktivmannschaften vermehrt gefragt sind. Dies bestätigt auch Spiko-Präsident Christian Kallen auf Anfrage beim FC Reichenbach.
«Der Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft»
Trotz der Annäherung zwischen dem Frauen- und dem Herrenfussball erleben die drei Gesprächspartnerinnen geschlechterspezifische Unterschiede. Nicht zuletzt haben Fussballer ab einem gewissen Alter anatomische Vorteile. Grosszügiger vorhandene Muskelmasse lässt sie beispielsweise besser sprinten als Fussballerinnen. Jessica von Känel kann den Unterschieden beim Körperbau sogar Positives abgewinnen. «Ich konnte von Körperkontakt profitieren», bekräftigt die ambitionierte Kickerin.
Jungen und Mädchen
Silvia Stoller weiss aus ihrer Erfahrung, dass sich Mädchen und Frauen gegenüber männlichen Spielern teilweise eine bessere Übersicht übers Spielgeschehen verschaffen. Ihre Rolle als Trainerin hat ihr ausserdem gezeigt, dass sich Jungs zum Teil mehr zutrauen als Mädchen.
Schliesslich sei der Sport ein Spiegel der Gesellschaft, gibt die 39-jährige Stoller zu bedenken. Als Coachin hat sie die Zusammenarbeit mit den Damen wie mit den Herren als sehr cool erlebt. Während sie mit der einen oder anderen Fussballerin tiefe Freundschaften entwickeln konnte, hat sie von den Fussballern stets starke Wertschätzung gespürt.
Jessica von Känel spricht, angesprochen aufs Soziale, davon, dass sie es als Team sehr gut hätten. Teamstreitigkeiten seien selten. Die Verteidigerin von Känel verfolgt denn auch ein klares Vorhaben: «Mein Ziel ist, in der Drittliga eine Stammposition zu erhalten». Für Sarina Demont wiederum steht weiterhin die Freude am Fussballspielen im Vordergrund.
Und Silvia Stoller möchte diese Freude am Fussball interessierten Mädchen mit einem möglichst einfachen Einstieg zugänglich machen und betont auch: «Mein Ziel ist die Sichtbarkeit des Frauen-Fussballs.»
Vorerst nun steht aber auch für die drei Fussballerinnen das Mitfiebern an der Frauen-Fussball-EM an. «Ich hoffe, dass ich die UEFA Women’s EURO in den Ferien in Österreich schauen kann», erklärt Jessica von Känel erwartungsvoll. Sarina Demont, die am Fernseher vorwiegend Männerfussball schaut, lässt noch offen, wie viele EM-Spiele sie verfolgen will.
Sehr wohl hat sie jedoch in der Frauen-Nationalmannschaft Vorbilder. Mit Alisha Lehmann oder Lia Wälti nennt sie Namen, die in ein paar Wochen wohl bedeutend bekannter sein werden.
MICHAEL MAURER