Wenn der Bewegungsdrang zwanghaft wird
11.03.2025 KanderstegÜbergewicht und Bewegungsmangel sind in der modernen Gesellschaft verbreitet. Doch es gibt auch das umgekehrte Phänomen: eine Überdosis an Bewegung. Der in Kandersteg wohnhafte Adrian Badertscher weiss aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, sportsüchtig zu sein. Nun ...
Übergewicht und Bewegungsmangel sind in der modernen Gesellschaft verbreitet. Doch es gibt auch das umgekehrte Phänomen: eine Überdosis an Bewegung. Der in Kandersteg wohnhafte Adrian Badertscher weiss aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, sportsüchtig zu sein. Nun berät er Leidensgenossen professionell.
RAHEL ROESTI
Er wohnte in der Hauptstadt, war beruflich erfolgreich, pendelte zwischen zwei pulsierenden Ortschaften und war daneben noch sportlich aktiv. Von aussen betrachtet führte der ursprünglich aus dem Emmental stammende Adrian Badertscher ein abwechslungsreiches und dynamisches Leben. Doch in seinem Inneren sah es anders aus. Seine Arbeit erfüllte ihn nicht, das Pendeln zwischen Bern und Davos wurde immer mehr zum Stressfaktor und er musste immer wieder Zeitfenster für sein stetig steigendes Sportbedürfnis finden.
Über mehrere Jahre hatte er seine Sporteinheiten immer weiter ausgebaut. Einen Halbmarathon in einem «Viererschnitt» (vier Minuten pro Kilometer) zu laufen, war seine Messlatte. Schaffte er das einmal nicht, fühlte er sich als Versager. Hinzu kam eine nicht ausreichende Ernährung für das enorme Sportpensum, das er leistete, und eine daraus resultierende Unterernährung.
Allmählich rutschte Adrian Badertscher in eine Krise ab, die im Sommer 2021 ihren Höhepunkt erreichte. Der damals 32-Jährige fand sich in einer Erschöpfungsdepression wieder und musste sich über vier Monate lang krankschreiben lassen. Er realisierte, dass er längst nicht mehr wegen eines körperlichen Verlangens, sondern wegen eines Kopfentscheids so viel Sport getrieben hatte. Er musste sich eingestehen, dass er eine Sucht entwickelt hatte. Und er fragte sich, was ihn wirklich bis in die Erschöpfung getrieben hatte.
Es war nicht nur die herausfordernde Arbeit gewesen. Die Ursache, so seine Schlussfolgerung, lag tief in seinem Unterbewusstsein. Ein Gefühl, das sich mit dem Glaubenssatz «Liebe gegen Leistung» beschreiben lässt, wie er heute weiss.
Mehr als ein Prozent Sportsüchtige
Die Forschung steckt beim Thema Sport- und Bewegungssucht noch in den Anfängen. Im internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO wird Sportsucht nicht als offizielle Krankheit aufgeführt und kann folglich noch nicht als solche diagnostiziert werden – ähnlich war das vor rund zehn Jahren auch beim Burn-out-Syndrom. Wie die Kaufsucht oder die Spielsucht zählt auch die Sportsucht zu den substanzunabhängigen Verhaltenssüchten. Experten gehen davon aus, dass mindestens ein Prozent der Bevölkerung sportsüchtig ist. Unter Ausdauersportlern dürfte diese Ziffer noch höher sein.
Lange Zeit glaubte man, dass die vermehrte Ausschüttung von Glückshormonen (Endorphinen) bei Extrembelastung der Grund für die Entstehung einer Sportsucht sei. Doch Forscher konnten diesen Zusammenhang nicht eindeutig beweisen. Heute geht man eher davon aus, dass der Sport dazu genutzt wird, um Alltagsproblemen zu entfliehen. Oft stecken Depressionen dahinter. In manchen Quellen steht, dass ab sieben Trainingsstunden pro Woche von einer Sportsucht gesprochen werden könne.
Adrian Badertscher hingegen findet, dass sich dieses Suchtverhalten nicht nach Stunden bemessen lasse. «Dann wären nämlich alle ProfisportlerInnen süchtig.» Vielmehr gehe es um die Intention dahinter: Wird Sport zur Unterdrückung von unangenehmen Gefühlen, bei Selbstzweifeln oder aus einem inneren Leistungszwang heraus genutzt und zum Hauptinhalt des Lebens gemacht? Werden Beruf, Familie und Freunde immer mehr vernachlässigt und wird auch bei Krankheit oder Verletzung weiter trainiert? All das sind typische Anzeichen einer Sportsucht.
«Dann helfe ich mir einfach selbst»
Auf seiner Suche nach Antworten stiess Adrian Badertscher rasch an Grenzen. Es frustrierte ihn, dass es noch kein allgemeines Verständnis für seine Erkrankung gab und er keine Hilfe finden konnte. Er hätte sich jemanden gewünscht, der ihn an die Hand genommen und ihm den Weg heraus aus der Krise aufgezeigt hätte. Aus Frust und auch, um seine Sucht besser zu verstehen, fasste er den Entschluss: «Dann helfe ich mir einfach selbst.»
Er fing an mit einem Podcast (heutiger Titel: «Der Wunsch nach Ausgeglichenheit»), in dem es um die Stabilisation nach einer Erschöpfungsdepression, um die Persönlichkeitsentwicklung und um andere Themen geht. Er wollte erste Erfahrungen als Hilfestellung für andere Betroffene sammeln, ihnen ein Werkzeug an die Hand geben, um aus diesem Zwang herauszukommen. Gleichzeitig war es für ihn aber auch der Aufbruch auf eine lange Reise, ein langwieriger Prozess der Aufarbeitung. Denn er ist überzeugt: Je länger sich die Sucht aufgebaut hat, desto länger dauert es, sich von ihr zu befreien.
Zunächst ohne jegliche Ambitionen, entstand aus diesem Prozess jedoch bald eine Einzelunternehmung. Seit letztem Jahr ist Adrian Badertscher vollzeitlich als Fachperson und Content-Creator für Sport- und Bewegungssucht tätig. Es zog ihn hinaus aus der Stadt, nach Kandersteg, wo er seit 2024 wohnt. Er schätzt hier unter anderem die Langlaufloipe. Denn diese Sportart konnte er immer schon ausführen, ohne sich dabei selbst unter Druck zu setzen.
Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung
Ein kalter Entzug ist bei einer Sport- und Bewegungssucht nicht empfehlenswert, eine Abgewöhnung sollte Schritt für Schritt erfolgen. Adrian Badertscher empfiehlt, in erster Linie zu ergründen, was zur Entstehung der Bewegungssucht geführt hat. Man müsse seine Antreiber und den Körper verstehen. Als weiteren Schritt schlägt er vor, eine gesunde Selbstfürsorge zu betreiben. Das beinhaltet zum Beispiel eine dem Bewegungspensum angepasste Ernährung. Zudem müsse man lernen, sich abzugrenzen und auch Phasen der Ruhe einzubauen. Die Kunst bestehe darin, Verhaltensänderungen so umzusetzen, dass wieder ein ausgeglichener Alltag möglich sei.
Ein Komplettverzicht sollte generell nicht das Ziel sein, warnt Badertscher, denn Bewegung sei im richtigen Ausmass gesund und wichtig. Aus diesem Grund hat er seine Sportuhr mit einem Aufkleber mit dem Buchstaben «M» versehen: Jedes Mal, wenn er nach der Uhr greift, hinterfragt er nun dieses «M», das für «Motivation» steht. Hat der Anreiz nichts mit Leistung oder gar einem inneren Zwang zu tun, dann gönnt er sich diese Sporteinheit.
Heilung ist kein gradliniger Prozess und so gehören auch gelegentliche Rückfälle dazu. Gerade im vergangenen Januar hat sich Adrian Badertscher dabei erwischt, wie er sich wieder zu viele leistungsorientierte Tätigkeiten aufbürdete. Heute erkennt er die Anzeichen dafür allerdings früh und kann entsprechend reagieren.
Gerade ist Adrian Badertscher noch einmal dabei, seine Positionierung zu schärfen. Die typische Coachingrolle passt für ihn eigentlich nicht zur Aufgabe, die es bei einer Sport- und Bewegungssucht zur Unterstützung braucht. Einen Coach beschreibt er mit dem Bild eines Kutschers, der vorne sitzt und dorthin lenkt, wo der Fahrgast hin möchte. Bei einer Bewegungssucht brauche es aber Aufklärung und auch eine klare Richtungsvorgabe. Aufgrund seiner Vorgeschichte sieht er sich vor allem als Begleiter oder Gesprächspartner.
Weitere Informationen zu Sport- und Bewegungssucht finden Sie unter www.frutiglaender.chimBereichWeb-Links.