Der Erfolg der «Langweiligen»
31.03.2023 FrutigenAn der Generalversammlung der Spar- und Leihkasse Frutigen (SLF) wurde der Konkurs der Credit Suisse thematisiert. Die Regionalbänker ärgern sich über das Geschäftsgebaren der «Grossen». Gleichzeitig können sie vor diesem Hintergrund aber ihr eigenes ...
An der Generalversammlung der Spar- und Leihkasse Frutigen (SLF) wurde der Konkurs der Credit Suisse thematisiert. Die Regionalbänker ärgern sich über das Geschäftsgebaren der «Grossen». Gleichzeitig können sie vor diesem Hintergrund aber ihr eigenes Profil als solides und vertrauenswürdiges Unternehmen schärfen.
BIANCA HÜSING
Einen solchen Anblick hatte es lange nicht mehr gegeben: Am Mittwoch zwischen 14 und 15 Uhr herrschte rund um den Bahnhof Hochbetrieb, etliche SLF-AktionärInnen steuerten auf die Widihalle zu. Nach drei schriftlichen «Versammlungen» in Folge war die Lust auf Live-Teilhabe (und womöglich auch auf die ausgehändigten Konsumationsgutscheine) fast ungebrochen: 1769 Anteilseigner und damit immerhin 47,2 Prozent des SLF-Aktienkapitals kamen an diesem Tag zusammen. Ist nach der Pandemie also wieder Normalität eingekehrt? Ja und nein. Corona spielt im öffentlichen Leben keine grosse Rolle mehr. Doch für die Finanzbranche könnten die Zeiten turbulenter kaum sein. Inflation, Zinswende – und jetzt auch noch der Skandal um die Credit Suisse (CS).
In allen Bereichen zugelegt
Auch wenn die SLF rein gar nichts damit zu tun hat, kam deren Leitung nicht umhin, sich zum Geschäftsgebaren und zur Übernahme der CS zu äussern. «Es ist mir schon leichter gefallen, hier oben zu stehen», räumte Verwaltungsratspräsident Christian Rubin ein. «Als Vertreter einer Regionalbank muss man sich fast fremdschämen für die kollektive Verantwortungslosigkeit in den Führungsriegen mancher Grossbank.» Dieses «Casino-Banking» gehört aus Sicht des früheren Regierungsstatthalters verboten. Auch SLF-Direktor Stephan Bärtschi fand deutliche Worte. «Es ärgert mich, dass das Ansehen des Schweizer Finanzplatzes derart beschädigt wird.»
Doch so gross der Ärger über das Verhalten der Grossbänker auch sein mag: In gewisser Hinsicht kommt es kleinen Instituten wie der SLF zugute. Im direkten Vergleich können sie ihr Profil als volksnah, vorsichtig und erfolgreich wirtschaftende Regionalbanken schärfen. In Rubins Worten: «langweilig, aber solide.»
Knapp vier Millionen Gewinn – und ein Ja zur Dividenenerhöhung
Tatsächlich hat die SLF wieder ein gutes Geschäftsjahr hinter sich. Trotz diverser Umbrüche rund um den Globus und in der eigenen Führungsetage hat die Bank in allen Geschäftsbereichen zugelegt. Die Ausleihungen wurden um 34,3 Millionen Franken (+2,4 Prozent) erhöht, die Kundengelder um 5,4 Millionen Franken (+0,4 Prozent). Der Geschäftserfolg ist gar um 12,5 Prozent gestiegen. Von den 7,5 Millionen Franken verblieb am Ende ein Gewinn in Höhe von knapp vier Millionen Franken (+5,7 Prozent). Vor diesem Hintergrund genehmigten sich die AktionärInnen denn auch eine Dividendenerhöhung um einen Prozentpunkt auf 42,5 Franken pro Aktie.
Ein Feldstecher für Rubin
Das Erfolgsrezept seiner Bank liegt Bärtschi zufolge in einem «überschaubaren Geschäftsmodell mit realistischen Wachstumsambitionen». Ebenso zentral seien die lokale Verankerung und das Vertrauen der KundInnen: «Man tickt einfach anders, wenn man sich nach Geschäftsschluss auf der Dorfstrasse, in der Beiz, im Verein oder auf der Skipiste wiedertrifft.» Auch die Förderung junger MitarbeiterInnen und die personelle Kontinuität gehörten dazu.
An einer Stelle wurde diese Kontinuität nun durchbrochen: Nach insgesamt 17 Jahren im Verwaltungsrat und sechs Jahren als dessen Präsident ist Christian Rubin zurückgetreten. Eigentlich hätte er schon letztes Jahr aufhören wollen, war wegen des Direktorenwechsels (Stephan Bärtschi folgte damals auf Daniel Schneiter) aber vorerst geblieben. Sein Verwaltungsratskollege und Vizepräsident Hans Martin Hadorn lobte Rubin als Visionär mit Bodenhaftung und Charakter. Zum Abschied übergab er ihm eine Holzbank sowie einen Gutschein für einen Feldstecher – zum Hirschebeobachten. Neu in den Verwaltungsrat gewählt wurde Daniel Stoller, der sich als Geschäftsführungsmitglied eines Treuhandbüros nicht nur mit Finanzen auskennt, sondern auch einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb leitet. Als neuer VR-Präsident ist Beat Schranz vorgesehen.
Ein Gruss vom Bundesrat
Dass noch ein weiterer Sitz im Verwaltungsrat frei geworden ist (und nicht wiederbesetzt werden soll), hat einen aussergewöhnlichen Grund: Das einstige Mitglied Albert Rösti wurde letzten Dezember in den Bundesrat gewählt. «Er wird einen guten Job machen für unsere Region», kommentierte Rubin sichtlich stolz und fügte schmunzelnd an: «Wenn er eines kann, dann rechnen – und das hat er bei uns gelernt.»
Für die lehrreichen Jahre im Verwaltungsrat bedankte sich der UVEK-Chef gleich selbst. In einer Videobotschaft gratulierte er der Regionalbank zum wiederholt erfolgreichen Geschäftsjahr – etwas, das in diesen Zeiten besonders hervozuheben sei.
Sämtliche Anträge wurden entweder einstimmig oder mit grossem Mehr angenommen. Den detaillierten Geschäftsbericht der Spar- und Leihkasse Frutigen finden Sie unter www.frutiglaender.ch im Bereich Web-Links.