«Es braucht auch mal ein Znüni…»
27.06.2025 RegionWährend 13 Jahren hat Andreas Grünig die Geschäftsstelle der Planungsregion Kandertal geführt. Kurz vor seiner Pensionierung erzählt er von einem der zentralsten Projekte seiner Tätigkeit – und über Diplomatie im Umgang mit ...
Während 13 Jahren hat Andreas Grünig die Geschäftsstelle der Planungsregion Kandertal geführt. Kurz vor seiner Pensionierung erzählt er von einem der zentralsten Projekte seiner Tätigkeit – und über Diplomatie im Umgang mit Amtsstellen.
HANS RUDOLF SCHNEIDER
Er fährt privat gern Bike und besitzt einen Landwirtschaftsbetrieb in Saanenmöser. Für Andreas Grünig waren dies die idealen Voraussetzungen, um eines der umfangreicheren und langwierigeren Geschäfte seiner eigentlichen beruflichen Tätigkeit auf den Weg zu bringen. Mit der Bewilligung des Richtplans Touristische Mountainbikeplanung schliesst er sein Engagement als Geschäftsführer der Bergregion Obersimmental-Saanenland (seit 2007) und der Planungsregion Kandertal (seit 2012) ab und geht in die vorzeitige Pension. Zur Erklärung: Die im Richtplan festgehaltenen 46 Bikerouten mit einer Länge von etwas über 700 Kilometer führen vielerorts über Privatbesitz. Als Landwirt kann er deshalb nachvollziehen, wo Probleme entstehen können, wenn die Biker auftauchen – und als Biker kennt er deren Ansprüche.
Neuartige Versicherung
Vor rund zehn Jahren wurde die koordinierte Planung von Routen aus dem Saanenland bis Kandersteg an die Hand genommen. Die Planungsregion Kandertal und Grünig haben viel Energie aufgewendet, um die Liegenschaftsbesitzer ins Boot zu holen, frühzeitig zu informieren und diese möglichst zu schützen. «Man darf nicht blauäugig sein, es wird Probleme geben. Der mit der Mobiliar entwickelte Versicherungsschutz ist ein Modell, das schweizweit auf Interesse stösst», sagt Andreas Grünig. Dies geht deutlich über die Zuständigkeit des Gremiums der Planungsregion hinaus. «Aber für uns ist klar, dass wir hier Anreize und Unterstützung bieten müssen.» Die Bergregion und die Planungsregion berappen die Prämien von jährlich rund 5500 Franken bereits jetzt aus ihrem Budget. «So wichtig sind uns dieses regionsübergreifende Angebot und die Sicherheit der betroffenen Grundeigentümer und Bewirtschafter.»
Er betont, dass nun ein weiteres Mal mit den betroffenen Landeigentümern Kontakt aufgenommen wird, um die ersten ausgewählten Routen definitiv zu fixieren. «Die Richtplanung ist in erster Linie behördenverbindlich, die Gemeinden sind für die Realisierung zuständig. Wir sehen uns in der Pflicht, bei der Koordination mitzuhelfen, da die Strecken ja meist über Gemeindegrenzen hinweg verlaufen. Ansonsten müsste wohl für diese Aufgabe ein neues Gremium gebildet werde, was nicht effizient wäre.»
Gemeinsam und effizient
Aus Grünigs Tätigkeit ist dies nur ein Geschäft, wenn auch ein gewichtiges. Aber ein bisschen Stolz schwingt mit, wenn er davon erzählt. «Grundsätzlich habe ich in all den Jahren immer die Regionsund Gemeindeinteressen vertreten. Ich habe möglichst gut und umfangreich die Grundlagen geschaffen, damit die Gemeinderatspräsidenten, welche die Geschäftsleitung bilden, entscheiden konnten.» Und durch die gemeinsame Geschäftsstelle von Berg- und Planungsregion sei die Stimme der Gemeinden gegenüber den kantonalen Amtsstellen und dem politischen «Bern» stärker geworden. Probleme und Themen würden zum allergrössten Teil im Saanenland, im Obersimmental und im Kandertal dieselben sein. «Wir konnten also auch gemeinsam nach Lösungen suchen», erklärt er den damaligen Zusammenarbeitsentscheid.
Dieses Vorhaben wurde anfänglich vor allem im Obersimmental und im Saanenland skeptisch betrachtet. Heute sei das aber kein Thema mehr. Es finden sogar regelmässige «Gipfeltreffen» der beiden Geschäftsleitungen statt. Die gemeinsamen Tätigkeiten der verschiedenen Gremien müssten durchaus von Zeit zu Zeit überdacht werden – sie existieren seit 1974 (siehe Kasten) – aber deren Existenz ist nach Grünigs Empfinden nicht in Frage gestellt. Zu wichtig seien die gemeinsamen, behördenverbindlich abgestimmten Richtplanungen und die Anträge zur Unterstützung von Projekten mit Beträgen über die neue Regionalpolitik.
Ein bisschen Psychologie kann helfen
Oftmals sei aber nicht nur Sachkenntnis gefragt gewesen, wenn es um Stellungnahmen zu Anliegen oder Richtplänen gegangen sei. Mit einem Schmunzeln erzählt Andreas Grünig von den verschiedenen Charakteren und Arbeitsweisen der involvierten Personen. Ein bisschen Psychologie im Umgang mit den Leuten sei nötig gewesen, um die Geschäfte zugunsten der ganzen Region vorwärtszubringen. «Ich bin aber beharrlich und habe Personen auch mal sanft auf früher gemachte Aussagen aufmerksam gemacht.»
Diplomatisches Geschick sei oftmals nötig gewesen im Umgang mit Fachstellen, sagt er rückblickend im Gespräch. Grundsätzlich habe er die Region und die Gemeindeinteressen gegenüber dem Kanton vertreten. Es sei klar, dass die Ansichten unterschiedlich sein können. «Also musste ich beispielsweise bei Begehungen die Fachstellen möglichst gut dokumentieren, auch einmal die Bereitschaft zeigen, hier etwas nachzugeben, um andernorts das von meinen Gemeinden erwartete Ziel zu erreichen. Und wenn es noch ein Znüni zur Besserung der Stimmung benötigte, war ich vorbereitet. Ich zog alle Register», sagt er lachend. Im Endeffekt habe er den Eindruck, dass sein Engagement sowohl von den Fachstellen als auch von seinem Arbeitgeber geschätzt worden sei. «Für mich war es wichtig, dass man sich gegenseitig aufeinander verlassen konnte.»
Wegweisend unterwegs
Mit ruhigem Gewissen hat Grünig nun die vielen Dossiers an seine Nachfolgerin Evelyn Coleman Brantschen übergeben. Diese umfassen keinesfalls nur die Mountainbikerouten, sondern weit gefächerte Themen wie den Abbau- und Deponieplan, das regionale Verkehrsund Siedlungskonzept Thun-Oberland-West oder den Windenergie-Richtplan. Coleman wird neu von einer zusätzlichen Fachperson für den Bereich Raumplanung und Regionalentwicklung unterstützt. So kann das bisherige Klumpenrisiko – das gesamte Wissen zu den Geschäften lagert bei einer einzigen Person – gemindert werden. Dass allenfalls die Geschäftsstelle angesichts der wachsenden Aufgaben noch verstärkt werden muss, sei kein Geheimnis, erklärt der abtretende Geschäftsführer.
Am Schluss nochmal zurück zu den Mountainbikern: Andreas Grünig wird man tendenziell öfter als bisher auf dem Bike antreffen.
Er wird sicher auch erfreut zur Kenntnis nehmen, wenn er – absehbar im Laufe des nächsten Jahres – den ersten Wegweisern der offiziellen Mountainbikerouten im westlichen Oberland begegnen wird.
Die Planungsregion Kandertal heute
Die als Verein organisierte Planungsregion Kandertal (PRK) wurde im Oktober 1974 auf Anraten des Kantons gegründet. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass staatliche Fördergelder der Regionalpolitik künftig in Form von Investitionshilfedarlehen ausbezahlt werden sollten und dies koordiniert passieren müsse. Der Kanton erhielt so für seine Anliegen auch regionale Ansprechpartner und musste nicht jede Gemeinde für Stellungnahmen zu den aufkommenden übergeordneten Planungen begrüssen. Deshalb werden diese Gremien mit Kantonsgeldern mitfinanziert – neben den Beiträgen der Mitgliedergemeinden. Ihre Ziele hat die PRK auf ihrer Website definiert mit «Halten der Bevölkerung in der Region und Stopp der Abwanderung, Halten und Schaffen von Arbeitsplätzen sowie Steigerung des Volkseinkommens». Zur Planungsregion Kandertal gehören die fünf Gemeinden Adelboden, Frutigen, Reichenbach, Kandergrund und Kandersteg. Präsident ist seit Kurzem der Kandergrunder Nationalrat Ernst Wandfluh.
HSF
Infos: kandertal.ch