Die Zähringer – Mythos und Wirklichkeit
21.08.2020 Region, GesellschaftTHUN Um 1200 wurde von den Herzögen von Zähringen auf dem Schlossberg der markante Turm gebaut. Seit letztem Samstag beherbergt dieser eine Wanderausstellung, die viele Informationen über das Berner Oberland preisgibt.
PETER SCHIBLI
Das Schloss Thun war von Beginn ...
THUN Um 1200 wurde von den Herzögen von Zähringen auf dem Schlossberg der markante Turm gebaut. Seit letztem Samstag beherbergt dieser eine Wanderausstellung, die viele Informationen über das Berner Oberland preisgibt.
PETER SCHIBLI
Das Schloss Thun war von Beginn weg das wichtigste Herrschaftszentrum für das ganze Oberland. Im Rittersaal versammelten sich die Fürsten, Grafen und Adeligen aus der Region. Von hier aus wurden die Handelsströme überwacht, Aufstände niedergeschlagen, neue Dekrete verkündet, Gericht gehalten, Verhandlungen geführt und Urteile erlassen. Gefangene auch aus dem Frutigland sassen hier unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Zellen und warteten auf den Prozess.
Als «Herzöge ohne Herzogtum» betrieben die Zähringer in ihrem Machtbereich eine aktive Siedlungspolitik, indem sie zahlreiche Städte und Schlösser gründeten oder festigten. Dabei wählten sie die Standorte nach wirtschaftlichen wie politischen Kriterien aus. Einheitliches Recht, eine zentrale Verwaltung sowie grösstmögliche Freiheit für die Bürgerinnen und Bürger der Städte waren typisch für den Herrschaftsbereich der Zähringer, die mit dem Tod Herzog Berchtholds V. im Jahr 1218 ausstarben.
Wie die Ausstellung entstand
Kriegsherren, Bauherren, Stadtgründer, ja sogar Kandidaten für den deutschen Königsthron – all diese Bezeichnungen treffen auf die Herzöge von Zähringen zu. Im Jahr 2016 fand in Sankt Peter im Schwarzwald, dem traditionsreichen Zähringer-Kloster, eine historische Fachtagung zum Adelsgeschlecht statt, die sich mit den neusten Forschungsergebnissen auseinandersetzte. Im Anschluss an die Tagung schufen die Universität Freiburg i. Br. sowie das Alemannische Institut auf Wunsch der zwölf Zähringerstädte, zu denen auch Thun gehört, eine Wanderausstellung. Diese startete 2018 am Oberrhein, in Freiburg, und wurde mit über 10 000 Besucherinnen und Besuchern zu einem grossen Erfolg. Seit Samstag und noch bis zum 6. Dezember ist sie nun in Thun zu sehen.
Die vielteilige Schlossanlage in Thun ist in ihrem heutigen Zustand Resultat einer langen Baugeschichte, deren Vorund Frühphasen nur teilweise bekannt sind. Seit rund dreissig Jahren wird sie bei Sanierungen und Umbauten intensiv erforscht. Bemerkenswert sind die Erkenntnisse zum grossen Turm: So zeigte sich, dass dieses Bauwerk in seinen wesentlichen Zügen um 1200 errichtet wurde und damit in die Herrschaftszeit von Herzog Berchthold V. datiert. Wissenschaftliche Untersuchungen der Holzbalken ergaben, dass auch diese grösstenteils noch aus dem 12. Jahrhundert stammen. Ebenfalls original dürfte die Aussentreppe sein, die vom Schlosshof direkt in den Rittersaal führte.
Stadtgründungswelle ab 1150
In seinem Eröffnungsreferat sprach der Leiter des Ressorts «Mittelalterarchäologie und Bauforschung» des bernischen Amts für Kultur und Archäologischer Dienst, Armand Baeriswyl, über die Entwicklungs- und Siedlungspolitik der Zähringer. Infolge einer Klimaerwärmung seien im Hochmittelalter gute Ernten eingefahren worden, was zusammen mit anderen Gründen eine Bevölkerungsexplosion zur Folge hatte. Viele Menschen hätten sich danach in Städten angesiedelt, die u. a. von den Zähringern gegründet wurden. Thun war hier nur ein Beispiel für die fast 150 Städte, die zwischen 1150 und 1350 auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gegründet wurden.
Simon Schweizer, Co-Präsident der Stiftung Schloss Thun, beschrieb in seinem Referat die Zähringer aus Sicht der Historiker, der Kirche und der Städte. Museumsleiterin Yvonne Wirth gab sich überzeugt, dass die Erforschung des Thuner Schlosses noch lange nicht abgeschlossen ist. Auf diesem Weg sei die Ausstellung eine spannende Spurensuche und Tradition sowie Chance zugleich. Die Veranstaltung wurde auf nachgebauten mittelalterlichen Instrumenten musikalisch umrahmt durch die Mittelalter-Spiellüt.
Ein spielerischer Zugang
Die Wanderausstellung steht unter dem spannenden Titel «Mythos und Wirklichkeit» und verfolgt einen spielerischen Ansatz. Auf Bannern rund um die Schlossmodelle findet man Aussagen zu den Zähringern (inkl. Angabe der Quellen), die historisch gesehen entweder ein Mythos oder eine belegbare Tatsache sind. Nach einem Gang durch die Schau wird klar, in welche Kategorie die Aussagen gehören. Auf einer Extratafel wird die Beziehung zwischen Thun und den Zähringern beschrieben.
Legenden ranken sich bis heute um die Herzöge von Zähringen. War Berchthold V. ein «unmenschlicher Tyrann, ein Plünderer des Erbes der Edlen und Geringen, ein Verleugner des katholischen Glaubens»? Der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach behauptete genau dies. Mythos oder Wirklichkeit? Wer die Ausstellung studiert, kann am Schluss diese und andere Fragen beantworten.
Weitere Infos zum Thema finden Sie in unserer Web-Link-Übersicht unter www.frutiglaender.ch/web-links.html
Auch für Schulen geeignet
Die Wanderausstellung «Die Zähringer – Mythos und Wirklichkeit» ist insbesondere für Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klasse zur Vertiefung der Mittelalterkunde zu empfehlen. An Schulklassen aus dem Kanton Bern gibt die bernische Erziehungsdirektion Kulturgutscheine für die Reisekosten ins Schloss Thun ab. Sie müssen mindestens 30 Tage vor dem Besuch beantragt werden.
PETER SCHIBLI