Auf die Sense gekommen
16.08.2024 RegionFrutigen ist eine der drei Hochburgen des Handmähens und trägt alljährlich eine Meisterschaft in dieser Disziplin aus. Der «Frutigländer» hat mit einigen Herstellern dieses erstaunlich vielfältigen Werkzeugs gesprochen.
KATHARINA ...
Frutigen ist eine der drei Hochburgen des Handmähens und trägt alljährlich eine Meisterschaft in dieser Disziplin aus. Der «Frutigländer» hat mit einigen Herstellern dieses erstaunlich vielfältigen Werkzeugs gesprochen.
KATHARINA WITTWER
Obwohl Jürg von Känel seinen Heimatort gegen Mammern «eingetauscht» hat, hängt das Familienwappen aus Reichenbach am Fenster seiner Werkstatt. Der Mittvierziger ist am Bodensee aufgewachsen und kennt Reichenbach bloss aus Erzählungen. Beziehung zur Heimat seiner Vorfahren hat er keine mehr. «Vielleicht sind wir einmal dort vorbeigefahren», meint er. Seine Urgrosseltern würden heute wohl als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet, denn sie verliessen Scharnachtal in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Berner Jura. In der Nähe von St. Imier bewirtschafteten sie ein kleines Gütlein und führten nebenbei eine Gastwirtschaft. Während des Zweiten Weltkrieges reichte das Einkommen nicht mehr aus, um die Familie des Sohnes zu ernähren. So verkaufte Jürg von Känels Grossvater die kleine Liegenschaft und pachtete im Baselbiet einen Hof. Sein Vater war zwar gelernter Landwirt, konnte den Betrieb aber nicht übernehmen. Im Kanton Thurgau fand er eine Anstellung als Knecht, gründete eine Familie und blieb am Bodensee sesshaft.
Ökologische und ökonomische Vorteile
Jürg von Känel interessierte sich schon als Bub für die Landwirtschaft. Da er keine Aussicht auf einen eigenen Betrieb hatte, lernte er Landschaftsgärtner und Forstwart und arbeitete mehrere Jahre bei Gemeindewerkhöfen. «Damals mähte man Strassenborte ausschliesslich mit dem Trimmer, was mir nicht zusagte. Irgendwann griff ich zur Sense und merkte sofort, dass es nicht nur schneller geht, sondern dass diese Art, Gras zu kürzen, lebensschonender für Amphibien und andere Kleintiere ist.» Auch habe man nach etwa drei Jahren einen Rückgang der Neophyten und der brachen Stellen am Boden beobachten können. «Gleichzeitig vergrösserte sich die Biodiversität, weil beim Zusammenrechen die Samen liegen geblieben sind», erzählt von Känel. Arbeitskollegen aus dem Balkan instruierten ihn im Wetzen und Dengeln. «Mit einem scharfen Senseblatt geht das Mähen um ein Vielfaches besser», weiss er inzwischen. Mit der Aussage «die Leistung von zwei Motorsensen wird durch eine gut geführte Sense egalisiert» unterstreicht er die ökonomischen und ökologischen Vorteile dieses Werkzeugs.
Aus Hobby wird Beruf
Mit der Unterstützung von Vater und Onkel brachte er es nahezu zum Meister seines Fachs. Bald stellte er fest, dass je nach Körpergrösse des Mäders und der Beschaffenheit des Geländes ein unterschiedliches Sensenblatt und ein anderer Worb (Stiel) gewählt werden muss. Die Auswahl ist nämlich erstaunlich gross.
Vor zehn Jahren eröffnete Jürg von Känel im Nebenerwerb eine Sensewerkstatt. Seit 2022 ist er hauptberuflicher «Sense-Mann», gibt Mäh- und Dengelkurse und stellt Sensen nach Mass zusammen. «Ernähren kann ich meine Familie damit nicht. Im Sommer bin ich wegen der Kurse viel unterwegs. Im Winter arbeite ich in der Werkstatt, damit meine Frau auswärts einem Broterwerb nachgehen kann.»
Im Bernbiet mähen sie anders
In Schwarzenbach bei Huttwil betreibt Martin Strub das gleiche Handwerk. Der Nebenerwerbslandwirt stellt unter anderem für die Firma Sahli – dem in der Schweiz grössten Händler für Werkzeuge und Werkzeugstiele – Worbe her und gibt ebenfalls Mäh- und Dengelkurse. «Wettkämpfer gehören nicht zu meinen Kunden», erklärt er. «Früher produzierte ich mit einem schlechten Gewissen für die Landi Einheitsworbe. Nachdem ich einen Einkäufer zum Probemähen eingeladen hatte, erkannte dieser, dass ein solches Werkzeug tatsächlich individuell angepasst werden muss», schmunzelt er.
Auf seiner Homepage findet man unglaubliche 30 verschiedene Worb-Typen, einige davon in verschiedenen Längen. Von «Berner Krumm» über «Luzerner schräg», «Grindelwaldner», «Walliser», «Simmenthaler» und «Glarner» bis hin zum «Tessiner» ist fast die ganze Schweiz namentlich vertreten. «Linke» Worbe werden selten nachgefragt. In einigen Gegenden wird das Blatt zum Dengeln abgenommen, in anderen nicht. Auch die Einzelteile werden überall anders genannt. Die Namensgebungen auf dem unteren Bild stammen von der Firma Sahli in Knonau. Zeigt das «Häuchli» in die gleiche Richtung wie das Blatt, handelt es sich um einen Schiebeworb, sonst um einen Stossworb. Zur Verstärkung der Hamme wird mancherorts ein Zaum montiert. Zur Frage, ob das Vor- oder Nachteile mit sich bringt, gehen die Meinungen auseinander. Teilnehmer an Handmähmeisterschaften bevorzugen lange Blätter, denn diese schneiden mit einem Zug mehr ab.
«Ein Kulturgut, das nicht in Vergessenheit geraten soll»
Vor allem für Mähmeisterschafts-TeilnehmerInnen fertigte Johann Inniger an Linter in jüngeren Jahren «Rennworbe» her, wie er sie nennt. Nun nimmt er bloss noch an der Bernisch-Kantonalen Handmähmeisterschaft in Frutigen teil, wo er sich mit den Konkurrenten seiner Alterskategorie misst. Nebst dem bernischen Wettmähen in Frutigen finden alljährlich in der Ost- und in der Innerschweiz je ein solcher Anlass statt. Auch der Frutiger Peter Allenbach greift regelmässig und aus Überzeugung zur Sense, und nicht nur wettkampfmässig. «Handmähen ist ein Kulturgut, das nicht in Vergessenheit geraten soll», betont er.
Bernische Handmähmeisterschaften, oberhalb der Kirche Frutigen: Sonntag, 18. August; Festwirtschaft ab 9 Uhr, Wettkampfbeginn um 10 Uhr.
Weitere Infos: www.frutiglaender.ch (Web-Links)